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DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG unter Hans Knappertsbusch Bayreuth 1960

05.09.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

21545g DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG unter Hans Knappertsbusch Bayreuth 1960 – Autorisierte Veröffentlichung der restaurierten Originalbänder des BR – ORFEO 4 CDs 

Diese wirklich nach Flieder im Frankenland duftende Live Aufnahme aus den Archiven des Bayerischen Rundfunks war schon einmal beim Label Myto erhältlich. Das für seine Veröffentlichung sorgfältig restaurierter Aufnahmen verdienstvolle Label ORFEO hat nun diese legendären Meistersinger-Mitschnitt mit allerhöchstem Sanktus (Festspielleitung) allen Freunden der Oper offiziell und in besserer Tonqualität zugänglich gemacht. 

Das wirklich besondere der Aufnahme sind erstens das Dirigat des Grandseigneurs aller Wagner Dirigenten, des damals 72-jährigen Hans Knappertsbusch  – so kammermusikalisch durchhörbar und im Detail flott animiert hat man diese Oper kaum je gehört – sowie der Hans Sachs des „Jean Gabin“ der Opernbühnen, Josef Greindl. Auch die übrige Besetzung mit Elisabeth Grümmer als Eva, Wolfgang Windgassen als Stolzing, Theo Adam als Pogner, Karl Schmitt-Walter als Beckmesser und Gerhard Stolze als David lassen sowohl von der „Papierform“ als auch der Tagesverfassung nur wenige Wünsche offen. Der Bayreuth Veteran Ludwig Weber (und Sarastro vom Dienst) reüssiert in der kleineren Rolle des Fritz Kothner.  Alle treffen sowohl in der Konversation als auch den großen musikalisch aufrauschenden Momenten den passenden Ton. Vielleicht ist es gerade spannend, dass Knappertsbusch sich entgegen aller Erwartungen und „Vorurteile“ eine besonders intime Lesart zu eigen machte und auch sonst ein fast launig improvisiertes musikalisches Bild zeichnet. Von zuchtmeisterlicher Strenge keine Spur, eher könnte man, ohne den Namen Dirigenten zu wissen, auf einen beinahe mediterranen Zugang zu dem Werk schließen. Aber schlussendlich ist dort wo Knappertsbusch draufsteht, auch „Kna“ drinnen.  Das heißt vor allem höchste dynamische Abstufung und (unerwartete) Modulationen in den teils abrupt  extrem langsamen Tempi. Im 2. Akt in der Szene Beckmesser – Sachs und der anschließenden „Prügelfuge“ geht es daher mehr drunter und drüber als bei anderen Aufführungen. Der Chor ist nicht immer mit dem Orchester synchron. Das sind aber  Tribute, den man einem Livemitschnitt zollen muss, ebenso wie mancher Huster oder den von Tonschwankungen geplagten Beginn der Ouvertüre des 1. Aktes. 

Die Tonqualität der Aufnahmezeit ist auffällig asymmetrisch, die Stimmen kommen klarer und wesentlich direkter herüber als das (bislang wie unter einem Kochtopfdeckel) gedämpft klingende Orchester. Da die Querelen über die damals umstrittene Inszenierung von Wieland Wagner längst verraucht sind (laut Booklet bezwangen in Wieland Wagners Lesart Leichtigkeit und Melancholie den üblichen furor teutonicus; Nürnberg wurde nicht als Realität inszeniert, sondern als geistiger Raum, als Spannungsfeld von Ordnung und Freiheit, von Kollektivität und Individuum), kann sich der Musikfreund voll auf die großteils hinreißenden Sängerleistungen konzentrieren.

Josef Greindl wirkt in seiner 13. Rolle in Bayreuth als anrührender Bote humanistischer Ideale. Als „schwarzer“ Bass klingen natürlich die Höhen nicht so souverän wie bei einem Heldenbariton. Aber welch ein Reiz, dieser Luxusstimme in dieser Partie zu begegnen und auch welch spannende Irritation, den stimmlichen Bösewicht vom Dienst einmal in einem „anderen Gewand“ erleben zu können. Elisabeth Grümmer ist als Eva genau so souverän und glanzvoll wie Schwarzkopf oder Janowitz. Wolfgang Windgassen agiert in einer der wenigen Stolzing Auftritte seiner Karriere stimmschön, aber eher vorsichtig die Klippen der Partitur umschiffend als draufgängerisch und vokal ungestüm. Mit Karl Schmitt-Walter (mit einigen Höhenproblemen) und Gerhard Stolze sind zwei famose Charakterstimmen am Werk, die den Wettstreit zwischen dem Vorrang von Musik und Wort eindeutig zugunsten des Wortes austragen. 

Alles in allem wieder einmal ein beeindruckendes Dokument einer längst vergangenen Ära des Wagner Gesangs. Wer eine ausgewogenere Abmischung zwischen Orchester und Stimmen haben möchte, sollte allerdings zu einer der herausragenden Studioproduktionen (Karajan, Jochum, Janowski) greifen. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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