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DIE LEBENDEN

19.11.2012 | FILM/TV

Ab 23. November 2012 in den österreichischen Kinos
DIE LEBENDEN
Österreich  /  2012
Regie: Barbara Albert
Mit: Anna Fischer, August Zirner, Hanns Schuschnig u

Barbara Albert hat zwar nach „Nordrand“ keinen Spielfilm mehr gedreht, der ähnlich überzeugt hat, aber dennoch bleibt sie eines der großen Talente des derzeitigen österreichischen Films. Auch wenn sie es mit ihrer allerjüngsten Arbeit, „Die Lebenden“, nicht unter Beweis stellt. Die Geschichte hat, wie man hören konnte, biographisch mit ihr selbst zu tun. Vielleicht war sie ihr zu nahe…

Es geht um die 25jährige Sita, die entdecken muss, dass ihr Opa bei der SS war und die zu einer langen Reise zwischen Deutschland, Österreich, Polen und Rumänien aufbricht, um das zu beweisen (oder zu begreifen) – und das ist schon schlicht gestrickt.

Vielleicht liegt der Mangel an Überzeugungskraft auch an der Art, wie Hauptdarstellerin Anna Fischer diese Sita zeichnen muss: Sie begegnet uns zu Beginn in Berlin als oberflächliches Partygirl, das offenbar nur eines in Kopf hat, den Liebaber, der sie abgelegt hat, gegen den nächsten auszutauschen.

Für das Fest zu Opas 95er reist sie nach Wien, und da zeigt das Stöbern in alten Fotos, dass er eine SS-Uniform getragen hat. Glaubhaft hat Barbara Albert die Figur von Sitas Vater gezeichnet (August Zirner): Er repräsentiert eine Generation, die die Taten der Väter bewusst unter den Tisch kehrt, um ihrerseits ohne Schuldgefühle leben zu können. Weniger glaubhaft ist die klischeebehaftete Reise der jungen Frau, die die Besessenheit, mit der sie Opas Schicksal nachjagt, nicht über die Leinwand bringt und auch nicht begründen kann. Polen (Opa hielt Wache in Auschwitz) und Rumänien (er kam aus Siebenbürgen – ein verlassenes Nest, ein einsamer Friedhof) sind ihre Stationen, bevor sie mit ihrem jüdischen Freund nach Israel gehen wird und Brunnen graben… Dicker kann es wohl kaum kommen.

Barbara Albert weiß, dass es für eine heutige Geschichtsaufarbeitung mit der Konfrontation der Täter zu spät ist – der 95jährige Opa brabbelt nur noch Erinnerungsteile und stirbt bald. Der Kunstgriff, dass er ein paar Jahrzehnte vor der Kamera über sich gesprochen hat, ist mit ein paar Videobändern zu lösen, die Sita bei einem schwarzen Schaf der Familie findet. Barbara Albert sieht auch hier richtig, dass diese Menschen sich nicht schuldig fühlten an dem, was sie getan haben (wobei Opa ja auch „nur“ ein Mitläufer war) – und sich auch nicht schuldig machen ließen. Aber solches „Verständnis“ mit denen, die damals die heute verfemte Uniform trugen, ist ja als Aussage wohl ebensowenig gemeint wie eine Entschuldigung des Geschehenen.

Die Regisseurin einen Film gemacht, dessen Thema oftmals an anderer Stelle viel überzeugender behandelt worden ist. Tatsächlich hinterlässt sie mit der simplen Attitüde, mit der ihre Heldin die Vergangenheit erforscht und nichts begreift, den Zuschauer am Ende nur ärgerlich über so viel Banalität zurück. Denn vom Begreifen der Historie ist hier nichts zu spüren.

Renate Wagner

 

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