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DIE JAGD

02.04.2013 | FILM/TV

Ab 5. April 2013 in den österreichischen Kinos
DIE JAGD
Jagten  /  Dänemark  /  2012
Drehbuch und Regie: Thomas Vinterberg
Mit: Mads Mikkelsen, Annika Wedderkopp, Alexandra Rapaport u.a.

Noch bevor man Thomas Vinterberg am Burgtheater als Autor und Regisseur von Theaterstücken kennen gelernt hat, die stets schmerzlich in den Alltag blendeten, kannte man ihn als Schöpfer von Filmen solcher Art. Auch „Die Jagd“ ist ein solcher, auf den ersten Blick scheinbar packend und einsichtig, bei genauer Betrachtung aber dann doch enttäuschend: Denn im Grunde zeigt Vintenberg nur den klischeehaften Ablauf einer klischeehaften Situation, ohne dass er sein Opfer und die Täter psychologisch genauer und tiefer beleuchtete – und dem Thema mehr als die abgegriffensten Aspekte abgewänne.

Der Film hat eine atemberaubende Szene, die Wichtiges erklärt: Da ist Lucas, der traurige Mann, der im Kindergarten arbeitet und dort beliebt ist, da ist Klara, das kleine blonde Mädchen (ein hinreißendes Kindergesicht: Annika Wedderkopp), dessen Eltern mit Lucas befreundet sind. Klara schließt sich an Lucas (denn zuhause erlebt sie nur Streit) schüchtern kindlich an. Eines Tages macht sie ihm ein Briefchen zum Geschenk, um ihm zu zeigen, dass sie ihn mag. Er lehnt es freundlich ab – und man sieht regelrecht, was im Kopf dieses Kindes, das sich abgewiesen fühlt, vorgeht. Sie leugnet nicht nur, den Brief geschrieben zu haben – aus einem ungewissen Gefühl, sich an Lucas rächen zu müssen, beichtet sie der Kindergärtnerin, er habe ihr „sein Ding“ gezeigt… Sie wiederholt es nie wieder, leugnet später die Anschuldigung, geniert sich dafür, quält sich über die Folgen, aber die Erwachsenen springen auf das an, was derzeit als Thema so sehr in der Luft liegt (erst neulich gab es auch einen Fernsehfilm darüber): Missbrauch…

Dieser Film ist so unendlich traurig, weil der Zuschauer weiß, dass nichts an der Anschuldigung wahr ist: Man hat diesen Lucas schon kennen gelernt, geschieden, von seiner Frau von seinem Sohn fern gehalten (den es dann doch immer wieder zum Vater zieht), zwar gut gelitten in einer harten Männerrunde, wo getrunken und gejagt wird, aber letztlich einsam und von einer großen inneren Traurigkeit erfüllt: Sie kommt aus der Verschlossenheit, mit der Mads Mikkelsen (das mittlerweile zum Weltstar gewordene Aushängeschild des dänischen Films) diesen Lucas spielt. Doch in der Folge kann er aufgrund des Drehbuchs kaum glaubhaft machen, was in Lucas vorgeht – und warum er sich nicht wirklich gegen die Zerstörung seines Lebens wehrt.

 

Denn Vinterberg zeigt nun in aller Ausführlichkeit, wie eine dänische Kleinstadtgesellschaft, die an sich freundlich, nachbarschaftlich, liberal ist, sich an der Möglichkeit des „Missbrauchs“ hochschaukelt, bis es zu aggressiver Verfolgung des scheinbar Schuldigen kommt. Was eine übereifrige Kindergärtnerin hochspielt und durch die Instanzen jagt, wird offenbar von allen (eigentlich gibt es außer dem Sohn nur eine Ausnahme, einen Freund von Lucas) gewissermaßen ungefragt als wahr angenommen.

Und Lucas steht wie erstarrt – und man kann diese Reaktionen nicht wirklich glauben. Dass eine solche Verurteilung in einer Großstadt erfolgen könnte, wenn irgendwelche Medien sich geifernd dahinter stecken, wäre noch denkbar. Aber in einer Kleinstadt, wo jeder ihn kennt, müsste sowohl Lucas sich zu wehren wissen wie Menschen sich fragen, wie rechtens eine solche Beschuldigung ist. Natürlich ist die Darstellung einer solchen Hexenjagd für einen Film wohlfeil – wirklich begründet ist sie nicht.

Zumal Vintenberg dann auch zu Kinoeffekten greift, die einfach unwürdig sind (Lucas wird mit Schlägen aus dem Geschäft gewiesen und erst wieder akzeptiert, als er blutig zurückschlägt… das ist Kindertheater, und die Ermordung des Hundes ist ein ebenso obligates Klischee). Auch die Wiederaufnahme in die Gesellschaft erfolgt dann so abrupt und unbegründet wie der Ausschluss (wenngleich Zweifel offen bleiben, wie ehrlich der auch wieder unbegründete Umschwung ist).

Nein, hier hat ein Filmemacher einfach ein Thema geschnappt, das derzeit billig zu haben ist (wenn es auch vor allem durch die Vorwürfe, die diesbezüglich im Zusammenhang mit Priestern existieren, medial ausgereizt wird) – aber das ist ja nicht banales Hollywood, sondern einer der angesehenen Filmemacher Europas. Von dem hätte man sich zu einem solchen Thema entschieden mehr erwartet.

Renate Wagner

 

 

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