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DIE ERSTEN EUROPÄER

24.03.2014 | buch

BuchCover Erste Europaeer

DIE ERSTEN EUROPÄER
Habsburger und andere Juden –
eine Welt vor 1914
Hg. Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein-Prasser
184 Seiten, Großformat, Mandelbaum Verlag 2014 

Das Buch ist großformatig und darum als Katalog besonders geeignet, zeigt es doch einzelne Objekte ganzseitig so groß, dass sie man auch im Abbild genauer betrachten kann, wenn man schon nicht nach Hohenems kommt. Dort bietet das Jüdische Museum von März bis Oktober die Ausstellung „Die ersten Europäer“. Der leicht skurrile Untertitel „Habsburger und andere Juden“ zeigt, worum es geht – um „eine Welt vor 1914“. Hier wird der so bedeutsame jüdische Teil der Habsburger Monarchie aufgearbeitet – eine Welt, die nach den Schüssen von Sarajevo in Windeseile ihrem Untergang zueilte.

Zu Beginn thematisieren die Ausstellungs-Gestalterinnen und Katalog-Herausgeberinnen Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein-Prasser zu Recht, wie weit wir heute, hundert Jahre „danach“, von einer „Idee Europa“ entfernt sind. Dass die Juden im 19. Jahrhundert gut und gern als „Europäer“ bezeichnet werden konnten, ist wohl unbestritten. Sie waren durch die Natur der Dinge ganz einfach kosmopolitischer, außerdem reichten ihre Vernetzungen über die Nationalstaaten hinaus (wenn Arthur Schnitzler als junger Mann etwa eine Reise nach London antrat, gab es dort selbstverständlich Verwandte, bei denen man unterkam). Das bedeutete im Ersten Weltkrieg auch ein Auseinanderreißen von Menschen, die innerlich zusammen gehörten und sich in ihren jeweiligen Heimatländern dann als „Feinde“ gegenüber standen…

Um die Juden der Monarchie geht es in dieser Ausstellung, diesem Katalog allerdings in erster Linie, wobei die Juden in Hohenems einst ebenso treue Anhänger Habsburgs waren wie die meisten ihrer Glaubensgenossen. Tatsächlich haben die Juden zur kulturellen und wirtschaftlichen Blüte der Monarchie gerade im 19. Jahrhundert gewaltig beigetragen – weil man ihnen die Möglichkeiten gab. Mögen die Habsburger bis zur Ära Maria Theresias grundsätzlich nicht eben judenfreundlich gewesen sein, so änderte sich das – auch wenn nach dem Toleranzpatent ihres Sohnes Joseph II. nicht alle Rechte so schnell sprudelten wie erhofft – später entscheidend. Und darum wirft man in diesem Katalog, in dieser Ausstellung den Habsburgern auch keine Steine nach, wie es sonst meist geschieht – mag Kaiser Franz Joseph auch keinem Juden je die Hand gegeben haben (die Hofkamarilla wird schon dafür gesorgt haben), dass er sie immer als eine ihm besonders liebe und wichtige Volksgruppe bezeichnet hat, steht fest. Und die Folgen waren gerade für seine Regentschaft so bedeutend wie positiv.

Nach den interessanten einführenden Artikeln, wo man auch den jüdischen Netzwerken nachgehen kann, folgt die Darstellung von 41 wichtigen Exponaten, ganzseitige Bilder, ausführliche Darstellung. Das reicht von zahlreichen schriftlichen Dokumenten der Frühzeit (die Juden waren immer ein Volk der Sprache und der Schrift) zu Objekten, die über sich selbst hinaus Themen behandeln – eine Münze aus dem 17. Jahrhundert etwa,  die  Erzherzog Leopold Wilhelm als Bischof von Olmütz zeigt, führt zu dem Thema der Verpachtung von Münzstätten an Juden, was für die Adeligen und Kirchenfürsten so praktisch wie lukrativ war und auch den Juden etwas einbrachte. Jüdische Steinschneider schufen selbstverständlich auch Bildnisse bis in die höchsten Kreise, hier ein Medaillon Maria Theresias, geschaffen von Philip Abraham (wobei der Katalogtext noch diskutiert, ob Vater oder Sohn das Werk geschaffen haben – und dass eine Geschichte der jüdischen Steinschneider noch nicht geschrieben ist).

Viele Objekte sind eng mit der Monarchie verbunden: eine Modelleisenbahn verweist auf den Anteil der Rothschilds in der Geschichte des österreichischen Eisenbahnwesens, ein elegantes Amerling-Gemälde von Cäcilie Freiin von Eskeles (in ihrem Palais befindet sich in unseren Tagen das Jüdische Museum in Wien) verweist auf ihren Salon, ebenso wie auf den ihrer Schwester Fanny Arnstein, und man lernt auch Neues, etwa anhand des Nachrufs, den die jüdische Wochenschrift „Die Neuzeit“ Kaiserin Elisabeth widmete – sie wurde von den Juden sehr verehrt, war diese doch nicht nur durch ihre extreme Liebe zu Heinrich Heine eine „Judenfreundin“, sondern auch dank ihrer besonders liberalen Einstellung.

Und man lernt auch Neues. Dass Menschen-, vor allem Mädchenhandel in der Monarchie existierte, wo alle Nationen vor allem in Richtung Wien fluktuierten, ist bekannt. Dass jüdische Frauen hier in der Hinteren Zollamtstraße eine Zufluchtsstätte für schutzbedürftige Mädchen gegründet haben, erfährt man aus einem Plakat (wobei nichtjüdische und jüdische „Vermittler“ an diesem schmutzigen Geschäft beteiligt waren).

Am Ende des Buches und der Ausstellung gibt es handschriftliche Blätter von Stefan Zweig zu seiner Autobiographie: Niemand hat die „Welt von gestern“ besser geschildert als er, niemand hat die Verlorenheit der Juden nach dem Ende der Monarchie tragischer zusammen gefasst. Im Exil – erst in den USA, später ging er nach Brasilien, wo er den Freitod wählte – schrieb er: „Die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren.“

Renate Wagner

 

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