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DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL – René Jacobs Meisterstück

22.10.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 3149020221426W. A. Mozart – DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL – René Jacobs Meisterstück und Krönung seines Mozart-Zyklus – harmonia mundi 2 CDs

Eines der schönsten deutschen Singspiele und Mozarts größter Karriere-Booster, als aufregend, farbig und schwungvoll musiziertes Hörspiel erleben zu können, das ist wohl der Trumpf dieser Operneinspielung unter optimalen Studiobedingungen. Selten hat mir ein Probehören wie jenes dieser „akustisch dramatisierten Inszenierung“ ein so unbeschwertes und ungetrübtes Vergnügen bereitet. 

Nach der Finta Giardiniera, dem Titus, Idomeneo, der Da Ponte Trilogie und der Zauberflöte hat sich René Jacobs nun mit der Akademie für Alte Musik Berlin und dem RIAS Kammerchor an die Entführung gewagt und auf (fast) allen Ebenen gewonnen. 

Da wären einmal die eher raschen und stringenten Tempi und die Durchhörbarkeit aller Instrumente in orientalischer Klangpracht. So rauschend, glitzernd und voller (zuweilen ironischer) Lebenslust hat man all diese Schalmeien, Oboen, Hörner, Flageolett, Triangel, Zimbeln, Becken, Trommeln, Tamburine, Pauken, Hackbretter und Schellenbaum kaum je gehört. Gleich bei der Ouvertüre des Audio-Dramas macht sich Jacobs den hämmernden Zweivierteltakt der Janitscharenmusik (damit wurden die Feldzüge der Türken begleitet) mit den exotischen Tuten und Glocken, der durch harte Trommelschläge rhythmisch akzentuiert wird, ganz spezifisch zu Eigen. Das klingt dann etwas härter als etwa bei Böhm (Deutsche Grammophon), aber überwältigend bewegt und wahrlich revolutionär. Es wäre nicht Jacobs, wenn das die einzige Überraschung und damit (positiver) Bruch mit Hörgewohnheiten darstellen würde. Jacobs beruft sich auf Mozarts Vermischung aller Genres. In seinen Singspielen kombiniert er laut Willem Bruls (Booklet) Elemente aus der italienischen Opera buffa, der Opera seria und der französischen Tragédie lyrique, was dramatische Vielfältigkeit sichert. Jacobs nimmt auf dieser Basis die Entführung in ihrer Gesamtheit wahr und wehrt sich etwa gegen eine Verstümmelung der gesprochenen Szenen. Das heißt nicht, dass nicht mit Liebe und Respekt improvisatorisch geändert, variiert und erweitert werden darf. 

Als Auftrittsmusik der Janitscharen hat Jacobs eine von Michael Haydn für eine Neuproduktion der Entführung in Salzburg komponierte Marcia turchese gewählt. Türkische Musik wird in dieser Fassung auch für die Musikalisierung einiger Sprechszenen des 3. Aktes verwendet. Am Anfang des Aktes singt Pedrillo anstatt der Klaas-Szene den Anfang des Mozartliedes „Ich möchte wohl der Kaiser sein.“

Spannend ist auch, dass das Vorspiel zur Marternarie zum Melodram umfunktioniert wird. Mozart hat ursprünglich dreimal ausdrücklich vorgeschrieben, das Singen durch Sprechen zu unterbrechen. Zusätzlich gibt es als Geräusche noch Peitsche, Vogelgesang und Glockengeläut (insgesamt aber Gott sei Dank weniger als bei der Zauberflöte), und präludierende und melodramatisierende Hammerklavier-Interventionen. 

Dieses Konzept passt den durchwegs sehr guten Sängerinnen und Sänger wie ein Handschuh. Allen voran der Konstanze mit dem wunderbar weich fließenden Sopran der Robin Johannsen, die wie Arleen Auger in der bereits erwähnten Böhm-Aufnahme eher ein lyrischer als ein hochdramatischer Koloratursopran (z.B.: Edda Moser) ist. Grandios, eine wie moderne Figur da genuine akustische Konturen annimmt. Als Blonde gefällt Mari Eriksmoen, wenngleich ein, zwei Höhen etwas hart angesetzt sind. Maximilian Schmitt singt einen stilistisch vorzüglichen Belmonte, sein Timbre ist mir allerdings nicht haften geblieben. Julian Prégardien ist ein Pedrillo wie aus dem akustischen Bilderbuch, witzig, keck und hasenfüßig zugleich. Dimitry Ivashchenko singt einen brummig stimmgewaltigen Osmin, „comme il faut“. Last not least der Bassa Selim des Cornelius Obonya. Schade dass man sich dramaturgisch darauf verständigt hat, ihn nur ein gebrochenes Deutsch sprechen zu lassen. Das nimmt ihm, ganz konzentriert auf das „Durchhalten“ des Akzents, viel von der natürlichen Modulationsfähigkeit der Stimme. Das hat mir schon nicht gefallen, als Gerd Voss anno dazumal bei der Otello-Premiere im Akademietheater eben dieses Stilmittel angewandt hat, was manchmal unfreiwillig komisch und eher karikatural wirkte. Noch dazu, wo Osmin als eher hart gesottener, grobschlächtiger Diener seines Herrn ein ausgezeichnetes Hochdeutsch spricht, vermag der humanistisch gebildete Bassa diese Sprache nur zu radebrechen. Welchen Sinn soll das machen? Das ist aber auch der einzige Einwand einer an sich großartigen Produktion, die genauso wie die hervorragenden Aufnahmen von u.a. Gardiner, Solti (Gruberova), Böhm oder Jochum (Wunderlich) Schallplattengeschichte schreiben wird. Und daran können die atemberaubenden Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin und die erlesenen Sängerinnen und Sänger des RIAS Kammerchors einen beträchtlichen Anteil auf Ihr Konto zu buchen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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