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DIE EISERNE LADY

27.02.2012 | FILM/TV

Ab 2. März 2012 in den österreichischen Kinos 
DIE EISERNE LADY
The Iron Lady  /  GB  /   2011
Regie:  Phyllida Lloyd
Mit: Meryl Streep, Jim Broadbent, Iain Glen u.a.

Man muss eine Besprechung dieses Films – der von den US-Kritikern übrigens ziemlich einhellig verrissen wurde – unbedingt mit Meryl Streep beginnen, und zwar über diese Rolle hinaus. Die heute 62 ist in jeder Hinsicht eine ganz besondere Schauspielerin, der das Leinwandleben durch ihr unspektakuläres Aussehen sicherlich nicht erleichtert wurde. Aber ihr unglaubliche Talent, stets einen anderen Menschen zu gestalten, ließ sie immer wieder reüssieren. Sie hat wahrlich nicht nur gute Filme gemacht, aber ihre Unternehmungslust, immer etwas Neues zu versuchen, ihre Unersättlichkeit, Gestalten zu kreieren, sowie ihre Entschlossenheit, sich nicht verdrängen zu lassen, hat ihr die Karriere-Kontinuität gesichert.

In der „Holocaust“-Fernsehserie von 1978 fiel sie erstmals auf, 1980 bekam sie ihren ersten (Nebenrollen)-„Oscar“ für Dustin Hoffmans untreue Gattin in „Kramer gegen Kramer“, 1983 machte sie in „Sophie’s Choice“ als Mutter, die im Konzentrationslager zu entscheiden hat, welches ihrer Kinder sie opfert, das Publikum atemlos: Oscar Nr.2. Im Ganzen hat sie mit 17 Nominierungen einen Rekord gestellt, aber sie musste lange warten, bis sie nun für die „Eiserne Lady“ die Statuette zum dritten Mal entgegen nehmen konnte.

Die Streep konnte verkorkste Frauen spielen wie keine, aber auch in „Jenseits von Afrika“ (da durfte Klaus Maria Brandauer ihren Gatten verkörpern) den Eindruck einer geradezu verführerischen Liebenden wie aus dem Bilderbuch erwecken. Als sie jenseits der 40 langsam aus den Hollywood-Besetzungen verschwunden wäre, hat sie um Rollen im wahrsten Sinn des Wortes gekämpft und mit ihrer Karriere ein Beispiel von Vielfalt und Kontinuität geboten, wie es kaum Vergleichbares gibt – bald nachdem sie in „Der Teufel trägt Prada“ (2006) in der ganzen Welt für ihre Parodie einer Karrierefrau aus der Modebranche bejubelt wurde, zeigte sie sich bereit, in „Mamma Mia!“ 2008 als spätes Hippie-Girl im Abba-Stil zu singen und zu tanzen, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Die Streep hat immer alles, was sie für eine Rolle benötigte, nicht nur gelernt, sondern so verinnerlicht, dass es in die Figuren überging.

„Mamma Mia!“ hatte die britische Regisseurin Phyllida Lloyd inszeniert, die die Streep nun holte, um Margaret Thatcher, die legendäre „eiserne Lady“ der englischen Politik zu spielen – ein britischer Akzent ist für eine Streep, die bereits in allen nur denkbaren Klangfärbungen gesprochen hat, wahrlich kein Problem, er kommt so snobbish und selbstverständlich von ihren Lippen, als könnte es nicht anders sein.

Das „Biopic“ über „Maggie“ Thatcher, die Frau, die niemand leiden konnte, nicht ihr Volk, nicht die Queen, nicht die Kollegen, und die dennoch ein Vierteljahrhundert lang die Konservative Partei Großbritanniens lenkte und über ein Jahrzehnt lang die erste Premierministerin des Landes war: Den Falkland-Krieg führte sie mit der Entschlossenheit eines dem Militarismus verschriebenen Mannes, und auch als sie fast ein Opfer der IRA geworden wäre, hielt sie an ihrer Überzeugung fest: „Never give in to terrorists!“ Besonders gehasst wurde sie für einen Mangel an sozialem Bewusstsein, den man ihr – der „Grocer’s Daughter“, die also aus bescheiden-kleinbürgerlichen Verhältnissen kam – vorwarf: eine mitleidlose Konservative war sie wohl. Den Titel einer „Lady Thatcher“ hat man ihr erst lange nach ihrer großen Zeit verliehen – aber als sie mit ihren Memoiren noch niemandem weh getan hatte…

Die Dame ist, das will man gerne konzedieren, vermutlich spannender als der Film, den Phyllida Lloyd über sie gedreht hat, dem einfach zu viel an dem nötigen politischen Hintergrund fehlt – da spürt man vor allem der Wunsch, ein Frauenschicksal zu zeichnen und dabei diese historische Persönlichkeit weder vorzuführen noch bloßzustellen, sondern einfach in ihrer starken Eigentümlichkeit zu zeigen. Wären Regisseurin und Hauptdarstellerin mit mehr Kritik auf Lady Thatcher los gegangen, hätte der Film selbst wohl mehr Ruhm geerntet… So begnügt er sich damit, punktuell Szenen aus dem Leben einer ehrgeizigen Frau zu zeigen, deren Aufstieg nicht wirklich erklärt wird, deren private Rücksichtslosigkeit gegen Gatten und Kinder zwar angedeutet, aber nicht voll ausgeführt wird, und die sich vor allem – und das ist ganz witzig – gegen eine entsetzlich hochmütige Männerwelt behaupten musste (in einer possierlichen Szene stehen ihre adretten Stöckelschuhe einsam in einem Meer von polierten Herrenschuhen… ) Es ist Margaret Thatcher gelungen sich durchzusetzen, weil sie härter war als alle anderen zusammen, die über sie die Nase rümpften…

Amerikas Filmkritiker ätzten über „The Iron Lady“ als „eine Leistung, die einen Film sucht“, und diese Leistung kommt von Meryl Streep und ist nicht nur atemberaubend und erstaunlich, sondern auch unglaublich deckend mit dem Bild, das man von Margaret Thatcher hat. Nicht nur, weil sie so herrlich „british“ näselt, dass man sich den Film unbedingt in der Originalsprache geben muss (es war ja immer eine der Lieblingskünste der Streep, eine Figur auch aus ihrem eigentümlichen Sprachduktus zu erfassen). Es ist die Attitüde, die hier greift, die Aura von Selbstverständnis und Autorität, die sie ausstrahlt und die man auch vom Original her kannte.

Dabei zeigt die Streep die Thatcher in zwei von drei Lebensaltern: Die junge Maggie, die in der elterlichen Greißlerei auskehrt, von den anderen Mädchen verlacht wird und mit Lokalpolitik anfängt, wird von Alexandra Roach sehr glaubhaft normal und natürlich verkörpert, an der Seite von Harry Lloyd als jungem Dennis Thatcher.

Meryl Streep darf den Film, dessen Zeitebenen immer wechseln, als sehr alte Dame Thatcher beginnen, wie sie mit ihrem auch sehr alten Gatten (Jim Broadbent) am Frühstückstisch sitzt (später begreift man, dass er längst tot ist und die Lady in ihren Halluzinationen lebt). Davor hat sie sich, mit dem Kopftuch einkaufend, im Geschäft unliebenswürdig über die viel zu hohen Milchpreise ausgesprochen. Die junge Frau, die ihr offenbar dabei helfen soll, ihre Memoiren zu schreiben, behandelt sie auch nicht eben freundlich. Sehr von oben herab – aber wie jemand, der gar nicht anders kann. War die eiserne Lady überhaupt je zu irgendjemandem „freundlich“? Wohl kaum. (Vielleicht zu ihrem Seelengefährten Ronald Reagan…)

Die alte Frau (die Streep zeigt atemberaubend, wie sie am Rande der Demenz wandelt) erinnert sich – der Film besteht aus flotten Schnitten – nicht nur daran, wie sie nach Oxford durfte oder wie London unter den deutschen Bomben litt, sondern auch an ihre Romanze mit Dennis Thatcher (vermutlich die einzige ihres Lebens). „Ich kann aber nicht sterben, wenn ich nichts geleistet habe, als Teetassen abzuwaschen“, sagt sie Dennis. „Deshalb will ich dich ja heiraten“, antwortet er ihr. (Später wird man ihn dabei beobachten, wie er sich seinen Tee selbst kocht, weil er keine Hausfrau hat…)

„Change things!“ hat sie als enthusiastisches junges Ding den Kollegen in der Politik zugerufen. Noch als alte Dame schüttelt sie ärgerlich den Kopf über Menschen ohne Disziplin und ohne eisernen Willen. Aber der Film, der die wirkliche Politik nur streift, erzählt einiges über die Entwicklung und Anpassung der Provinzlerin an die Anforderungen, als Politikerin im Medienmittelpunkt zu stehen: Sie trägt Lippenstift auf, sie verzichtet auf ihre Hüte, die sie eher lächerlich machen – nur die Perlen sind „not negotiable“ (verhandelbar), davon hat sie sich nicht getrennt… Sie lässt ihre Stimme schulen, lässt sich coachen und arbeitet an dem Bild, das sie der Öffentlichkeit zeigt. Es hat funktioniert. Das und nicht viel mehr ist der Film: Am Ende wäscht sie ihre Teetasse ab. Dramaturgisch ist da vieles klein, aber fein gemacht.

Wollte man ein wirkliches biographisches Porträt und hätte man diesen Film mit irgendjemandem gedreht, er wäre vermutlich nicht einmal der englischen Lokalpresse ein Wort wert gewesen. Was Meryl Streep jedoch leistet, muss man gesehen haben. Alles, was nicht gezeigt wird, ist in ihrer Figur – das Selbstbewusstsein und die Selbstgefälligkeit, die Überzeugung, das Richtige zu tun, und die unterdrückten Zweifel, ob es für ihre Familie wohl auch das Richtige war. Vor allem aber gestaltet die Streep einen glaubhaften Menschen – kein Monster, keine Heuchlerin, keine Ikone. Einfach eine ganz besondere Frau, gespielt von einer besonderen Schauspielerin.

Renate Wagner

 

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