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DIE BARTOLOMEYS. 120 JAHRE AN DER WIENER STAATSOPER

30.12.2012 | buch

Franz Bartolomey:
WAS ZÄHLT IST DER AUGENBLICK
Die Bartolomeys. 120 Jahre an der Wiener Staatsoper
256 Seiten. Amalthea Verlag, 2012 

Wiens Musikerdynastien sind Legende, und die Bartolomeys gehören zweifellos dazu. Dennoch tanzen sie ein wenig aus der Reihe, denn die drei Generationen (sie geben den Namen mit Nummern weiter, wie Fürsten) haben nicht alle dasselbe Instrument gespielt: Franz I Bartolomey war Klarinettist, Franz II Bartolomey war Geiger, und der Autor des Buchs, Franz III Bartolomey, Jahrgang 1946 und ganz „frisch“ in Pension, war jahrelang der führende Cellist der Wiener Philharmoniker.

Franz III sammelt, offensichtlich nicht nur die Taktstöcke berühmter Dirigenten (ein Foto zeigt sie in einer Art Schirmständer versammelt), sondern auch Fotos und Dokumente: Das macht die großartige Bebilderung dieses Bandes möglich, der die Geschichte der drei „Fränze“ erzählt. Familienfotos, Zeitdokumente, Plakate, Zeitungen, Programme, ja sogar sorglich gehütete Eintrittskarten machen das Buch zu einem Familienalbum der besonderen Art, aussagekräftig über den konkreten Fall hinaus.

Der Großvater, 1865 in Prag geboren, war noch ein „Frantisek“, Schuhmachersohn mit auffallendem Musiktalent. Die Karriere begann in der Heimat, wurde in Wien fortgesetzt, wo der junge Tscheche in das Orchester des k.k. Hofoperntheaters wechselte – und der Böhme, der sich in Wien Franz nannte, traf auf den Böhmen Gustav Mahler als Direktor. Schon hier wird viel „Hintergrundinformation“ geliefert, die einfach nur aus erster Hand kommen kann, von Menschen, die damals gearbeitet und die Dinge miterlebt haben (und dann an die Söhne weitererzählt).

Franz I Bartolomey, der 1920 erst 56jährig starb, wurde auch noch Begründer der Wiener Klarinettenschule, es gibt geradezu einen Stammbaum seiner Schüler und deren Schüler, die die besondere Wiener Klarinettentradition weitertragen.

Franz II Bartolomey wurde 1911 in Wien geboren, verlor jung den Vater, gehörte zu jener Generation, die direkt in das Dritte Reich hineinwuchs. Um hier keinen Fehler zu begehen, haben Autor und Verlag den Historiker Oliver Rathkolb engagiert, um etwas zu den so heftig umstrittenen Jahren zu sagen, in denen die Wiener Philharmoniker – Franz II war 1938 als zweiter Geiger ins Orchester engagiert worden – nicht mit blütenweißer Weste dastehen. Franz II blieb bis 1965 bei den Philharmonikern, zuletzt als Vorstands-Stellvertreter. Dann übernahm er die Direktion der Wiener Symphoniker, denen er zu künstlerischen Höhenflügen verhalf.

Franz II starb 1988, und auch für Sohn Franz III wird Musik zum Lebensinhalt, allerdings ist sein Instrument das Cello. Dabei hatte ihn in der Schule auch der Musikunterricht gelangweilt: „Deswegen, weil dein Vater Philharmoniker ist, kriegst bei mir keinen Einser“, hatte der Musiklehrer gegrantelt. Es tat der Karriere des jungen Mannes keinen Abbruch. Später durfte er einem Großen Grundbegriffe des Cellospiels beibringen. Der wunderbare Schauspieler Leopold Rudolf, ein Freund der Familie, spielte 1967 in der Josefstadt in dem Stück „Nur kein Cello“ von Ira Wallach – und der 21jährige Franz III darf sein Lehrer sein, was ihn begreiflich stolz macht. Übrigens, auch der „große Bruder Ernst“ (1943-1996) war Philharmoniker – er wieder als Geiger.

Franz III (Hobby: er ist leidenschaftlicher Filmfan, nur Rudolf Buchbinder kann da mithalten) hat viel zu erzählen. Als Substitut erlebte er 1962 erstmals Herbert von Karajan am Pult der Staatsoper und den Ausnahmezustande, der herrschte, wenn er erschien. Karl Böhm schenkte auch Franz III nichts („Wenn Sie die Oper nicht kennen, dann nehmen S’ die Noten mit nach Hause und üben S’ das Stück!“).  1967 kam er als Vollmitglied in das Orchester, 1973 wurde er dritter Solocellist. Im Graben der Wiener Staatsoper, am Podium von Musikverein und Konzerthaus, bei unzähligen Tourneen war er dabei und hat mit den Größten musiziert – solche Erinnerungen haben über das Anekdotische hinaus ihren Wert: Sie sagen vielfach Signifkantes über die Arbeitsweise der Dirigenten aus, die ja nicht von ungefähr weltberühmt sind.

In seiner Suche nach größtmöglicher künstlerischer Vielfalt hat Franz III immer auch die Kammermusik gepflegt. Und als Autor legt er ein Buch vor, das für Musikfreunde eine Fundgrube ist.

Renate Wagner

 

 

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