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DIE AUGEN DES ENGELS

19.05.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Augen eines Engels~1

Ab 22. Mai 2015 in den österreichischen Kinos
DIE AUGEN DES ENGELS
The Face of an Angel  /  GB  /  2015 
Regie:  Michael Winterbottom
Mit: Daniel Brühl, Kate Beckinsale, Cara Delevingne, Genevieve Gaunt u.a.

Einerseits geht es ganz exakt um einen realen Kriminalfall, unter den erst nach dem Erscheinen des Films ein Schlusspunkt gesetzt wurde: Im März dieses Jahres hat ein italienisches Gericht in letzter Instanz Amanda Knox und Raffaele Sollecito von der Anklage frei gesprochen, im November 2007 die amerikanische Studentin Meredith Kercher in Perugia ermordet zu haben. Der endgültige Beweis ihrer Unschuld ist damit, zumal kein Mörder überführt werden konnte, natürlich nicht angetreten.

Die reale Geschichte kann man wohl schon deshalb nicht als solche verfilmen, weil Amanda Knox (die ja schon ihre Memoiren geschrieben hat) da vermutlich noch eigenes Geld herausholen will. Es ging dem britischen Regisseur Michael Winterbottom – bekannt für „gegen den Strich gebürstete“ Filme –  auch nur auf Umwegen um diesen Mord (den er nach Siena verlegt und die Namen der Beteiligten ändert). Er stellt die Frage, wie man eine Geschichte schildern kann, deren Wahrheit man nicht kennt – also kein Krimi, sondern fast eine philosophische Betrachtung, Kritik auch an den Medien, denen nicht an der Realität, sondern an der effektvollen Präsentation und Ausschlachtung von Schicksalen gelegen ist…

Geschildert wird das Problem am Beispiel eines deutschen Regisseurs, Thomas genannt, von Daniel Brühl sehr à la Daniel Brühl gespielt, introvertiert, sympathisch, man erfährt auch viel über sein zerrüttetes Familienleben, wenn er seine kleine Tochter immer nur auf Skype sieht. Er hat offenbar lange keinen Film gedreht und kommt nun nach Italien, um rund um die Prozesse den Fall „Jessica Fuller“ (wie Amanda Knox hier genannt wird) aufzurollen, die angeblich Elizabeth Pryce ermordet hat.

Dabei stellt Thomas immer wieder die Frage nach dem Motiv, während die italienischen Journalistenkollegen, unter denen er sich bewegt, nur die Sensation sehen. Er trifft Simone Ford (elegant und cool: Kate Beckinsale), die den Fall intim kennt, ein Buch darüber geschrieben hat (in Realität: „Angel Face“ von Barbie Latza Nadeau, die Grundlage des Films),  ihm einige Tore öffnet, mit der er vorübergehend schläft – und im übrigen erleben wir ihn vor allem in Bars, vor dem Computer oder bei Gesprächen mit dem Filmteam, das absolut keinen reflektierenden Film von ihm produzieren will, schließlich sollen die Leute auch hineingehen… Und wenn dieser komische Deutsche sich einbildet, paraphrasierend die „Göttliche Komödie“ hier ins Geschehen hinein verweben zu wollen – was soll denn das?

Wenn nun, im Zusammenhang mit Thomas’ Drehbuchversuchen, die jungen Mädchen (Cara Delevingne als Melanie und Genevieve Gaunt als Jessica Fuller) auftauchen und man der Ermordeten die „Augen eines Engels“ nachsagt, so ist das nicht viel „Futter“ für eine Geschichte, die eigentlich genau an dem scheitert, was Thomas will und nicht schafft: Winterbottom hat einen Film über einen Regisseur gedreht, der mit seinem Thema nicht zurecht kommt – und hat dabei selbst einen Film abgeliefert, der dem Publikum nicht klar macht, was er eigentlich erzählen wollte… Ein Film über das Scheitern – gut. Man sollte nur nicht selbst daran scheitern.

Renate Wagner

 

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