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DETMOLD: TRISTAN UND ISOLDE

03.11.2013 | KRITIKEN, Oper

Detmold: „Tristan und Isolde“ – 1.11.2013

 Es begann mit einer Überraschung: Detmold kann mit einem prachtvollen Theatergebäude aufwarten, das bereits Anfang des 19. Jhs. gebaut wurde. Trotz vieler Schwierigkeiten aufgrund von Kriegen, Bränden und den damit verbundenen finanziellen Verlusten gelang es dem Haus immer wieder, sich zu konsolidieren. Vom anfänglichen Hoftheater wandelte es sich in das heutige Landestheater, das mit seinen ca. 650 Sitzen nichts von dem damaligen Charme der Innenausstattung sowie Außenfassade verloren hat.

Dass dort auch wunderbares Musiktheater gespielt wird, war die zweite Überraschung.  

Nahezu das gesamte Geschehen in ‚Tristan und Isolde‘ ist innerlich“. So stand es in einem Opernführer, und so hat es wohl auch Kay Metzger gesehen, der die Inszenierung am Landestheater Detmold in ein Kammerspiel verpackt. Damit ist ihm ein Regiestreich gelungen, denn so logisch, so schlüssig und doch so spannend und intensiv habe ich diese Oper selten auf der Bühne erlebt. Zusammen mit seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Petra Mollérus verlegt er die Handlung auf kleinsten Raum, der durch die Drehbühne, dem Regiekonzept folgend, in Tagräume, weiß und hell, sowie Nachträume, dunkel und von einem Sternenhimmel beleuchtet, verwandelt werden kann. Bei Wagner (im Gegensatz zum Epos) schafft der Liebestrank nicht die Leidenschaft zwischen den Liebenden, sondern er macht sie frei, frei für die höchste Erfüllung, den Tod. Deshalb schafft Metzger diese Kontraste: die Realität, der Alltag läuft in der Helligkeit des Tages ab, bewegt sich in gesellschaftlichen Normen. Die Nacht jedoch ist intim, verströmt Geborgenheit und Innigkeit, gehört jeder Person allein. Die Schwelle zu übertreten, kann alles bedeuten, sogar den Verlust des Lebens. Wenn Marke die Frage an Tristan nach dem Warum (des Verrats) stellt, antwortet ihm Tristan „Das kann ich Dir nicht sagen“ noch jenseits der Schwelle, dann tritt er ein in den Nachtraum, den Raum der Liebe, und fragt von dort aus Isolde, ob sie ihm folge. Liebe und Musik sind untrennbar miteinander verbunden. So gestalten Metzger und Mollérus die Nachtwelt als Musikraum, in dem ein Flügel steht und das Liebespaar Notenblätter in die Hand nimmt. Und komponiert?? Die Assoziation zu Richard Wagner und Mathilde Wesendonck ist offensichtlich, denn auch sie waren Liebende, die wie Tristan und Isolde nicht zusammen kommen konnten. Ohne Zweifel brachten die beiden ihre eigene Geschichte in diese schicksalhafte Oper ein, denn auch sie haben unter der ausweglosen Verbindung  gelitten. Von diesem Leid, tiefstem Verständnis und einfacher Logik ist die gesamte Inszenierung geprägt. Man spürt, dass Kay Metzger sich sehr intensiv mit den Hintergründen zur Entstehung der Oper beschäftigt hat. Als Beweis könnte man Vieles aus dem Schriftverkehr zwischen Wagner und Mathilde zitieren, aber das würde an dieser Stelle zu weit führen. Belassen wir es bei einem Brief, in dem Wagner am 21. Dezember 1861 an Mathilde Wesendonck aus Paris schrieb: „Dass ich den Tristan geschrieben, danke ich Ihnen aus tiefster Seele in alle Ewigkeit!

Auch musikalisch war der Abend ein Genuss. Das Symphonische Orchester des Landestheaters fand unter der Leitung seines neuen Generalmusikdirektors Lutz Rademacher zu einer außerordentlichen Leistung. Durch den nach hinten unter der Bühne erweiterten Orchestergraben, der vor allem alle Bläsergruppen aufnehmen kann, wurde ein ausgewogenes Klangbild geschaffen, das an Bayreuth erinnert. So werden die Streichergruppen nie übertönt, im Gegenteil. Weich und zart ertönt es aus dem Graben. Die Bläsergruppen standen dem in nichts nach, mit exakten, sauber geführten Klängen runden sie das ungewöhnlich schöne Hörerlebnis ab.

Mit Michael Baba holte man einen Tristan, der am Anfang einer großen Karriere im Heldentenorfach steht. Unter Gustav Kuhn sang er u.a. bei den Festspielen Erl den Tristan, Siegmund, Pasrsifal, Stolzing und Kaiser in „Frau ohne Schatten“,  in Karlsruhe konnte man ihn als Florestan erleben. Seine Stimme hat eine durchsetzungsfähige Mittellage, auf der er die Höhen mit einem sicheren Legato aufbaut. Keine Anstrengung ist zu spüren. In allen Lagen klingt sein interessantes Timbre warm und ohne Schärfe. Den gefürchteten 3. Akt bewältigte er mit starker Stimme, mit intensiver Darstellung und imponierte durch einfühlsamen schmerzvollen Ausdruck. Beachtenswert ist auch seine klare Aussprache. Joanna Konefal gestaltete mit bezauberndem Charme und blonder Schönheit die Isolde. GMD Rademacher musste vor der Aufführung leider ansagen, dass Frau Konefal noch nicht ganz von einer starken Erkältung genesen sei und voraussichtlich nicht die gewohnte Leistung bringen könne. Das spürte man bei den extremen Höhen, wo sie zuviel Kraft aufbringen musste, was einige scharfe Töne hervorbrachte. Aber ihre faszinierende Gestaltung der Figur und ihre schöne Mittellage und wunderbare Piani über weite Strecken zeigten ihre Begabung. Vielleicht ist die Isolde für die junge Polin noch zu früh, es wäre schade, wenn ihre Stimme durch solch schwere Partien Schaden nähme.

Über eine außergewöhnlich schöne Stimme verfügt Monika Waeckerle. Ihr Mezzo fesselte von Anfang an. Mit warmem, schönem Ton sang sang sie die Brangäne, überzeugte durch sympathisches Spiel und bot dazu noch eine perfekte Diktion, die jedes Wort verstehen ließ. Die Warnrufe im 2. Akt „Einsam wachend in der Nacht… habet acht, habet acht“ klangen strahlend, fast überirdisch. In vielen Inszenierungen sieht man Brangäne in dieser Szene nicht, weil sie aus dem Hintergrund singt. Hier jedoch dreht sich die Bühne einmal ganz herum und mit ihr Brangäne, an einer Wand lehnend. Sie zieht quasi einen schützenden Kreis um ihre Isolde.

Doch das hilft nicht. Marke mit seinem Gefolge erscheint, das Unheil nimmt seinen Lauf.

Einen tiefen, satten schwarzen Bass ließ Jens Larsen, Gast von der Komischen Oper Berlin,  als König Marke vernehmen. Ausdrucksvoll sang er seinen langen Monolog und legte das ganze Leiden über den Verrat in seine Stimme. Das ging zu Herzen.

Als Kurwenal begeisterte Andreas Jören mit einem kräftigen und runden, italienisch geprägten Bariton. Ungewöhnlich stark war seine Darstellung als Gefolgsmann von Tristan. Das Mitgefühl für seinen Herrn, das Mit-Leiden brachte er mit intensiver Mimik und Körpersprache zum Ausdruck. Auf gutem Niveau sangen Jundong Kim den Verräter Melot,  Markus Gruber den Hirten, Chun Hoe Kim den Steuermann und Kai-Ingo Rudolph den Seemann. Der Herrenchor mit Extrachor des Hauses war von Marbod Kaiser tadellos einstudiert.

Eine außergewöhnliche Aufführung! Man war gefesselt von der hohen Qualität der musikalischen Durchführung dieses äußerst schwierigen Werkes und den neuen szenischen Ideen. Das Publikum fühlte sich angesprochen und bedankte sich mit begeistertem Applaus. Leider war es die letzte Aufführung. Man kann nur hoffen, dass es eine Wiederaufnahme geben wird, denn diese tiefsinnige, durchdachte Inszenierung sollte nicht in Vergessenheit geraten.                                                                                                                 

Inge Lore Tautz

 

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