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DESSAU: DIE WALKÜRE. Premiere

28.09.2014 | KRITIKEN, Oper

Dessau: „DIE WALKÜRE“ – Pr. 27.9.2014

 Im Dessauer „Ring“ erzählt Regisseur André Bücker die Mediengeschichte des 20. Jhs. Wagner ging es darum, darzustellen, welchen Einfluss die Macht des Goldes auf die gesellschaftliche Entwicklung hat. Nicht weniger gefährlich ist die Macht der digitalen Welten. Sie manipulieren und verbiegen Menschen. Insofern gibt es vielfältige Parallelen zwischen Richard Wagners Mythos und der unmittelbaren Gegenwart. In der Bauhausstadt Dessau ist es geradezu hehre Pflicht, auch eine auf geometrischen Figuren basierende Formensprache zu entwickeln, die die Ästhetik der Tradition der Klassischen Moderne zum Ausdruck bringt. Große Rundhorizonte als Projektionsflächen und der gigantische, in sich drehbare Kubus bestimmen erneut den von Jan Steigert entworfenen Bühnenraum. Wer gewillt ist, in diese faszinierende Bilderwelt unvoreingenommen einzutauchen, wird vieles entdecken, was möglicherweise neu, aber zumeist logisch ist. Dass dabei Wort und Bild nicht durchweg miteinander korrespondieren, nimmt man in Kauf.

 Im 1. Akt darf Siegmund immerhin ein richtiges Schwert aus dem (Kabel-)Baum ziehen. Wo dieser angesiedelt ist, bleibt der Phantasie des Zuschauers überlassen. Eine Gerüstkonstruktion, Kabelgewirr, Schaltkästen…  Geht man davon aus, dass Hunding Leute befehligt, könnte es eine Art Schaltzentrale im Stile eines Fernamtes sein. Hier verabreicht Sieglinde den Männern das Mahl. Dabei bedient sie sich eines Wagens, wie ihn Stewardessen im Flugzeug benutzen. Das Essen wird in Assietten verabreicht. Irgendwann steht Siegmund mit seinem Plastikbesteck da und grollt „Ein Schwert verhieß mir der Vater.“ Das sind Szenen, die erheiternd, aber nicht lächerlich wirken. Da die Mediengeschichte des 20. Jhs. erzählt werden soll, müssen permanent filmische Sequenzen eingeblendet werden. Frank Vetter und Michael Ott haben diesbezüglich Hervorragendes geleistet. Ich gebe zu, dass mich im 1. Akt die sich ständig bewegenden Bilder etwas gestört haben. Mitunter strahlt die Musik ja auch Ruhe aus, dennoch flackert ständig etwas herum. Im 2. Akt relativiert sich das allerdings. Auf seinem Hochsitz gebietet Wotan seinem Filmimperium. Im Hintergrund erscheint auf dem riesigen Rundhorizont die nächtliche Silhouette einer typischen Weltmetropole. Brünnhilde schmettert ihr „Hojotoho“ ins Handy, das sie griffbereit aus ihrer Handtasche gezogen hat. Das sind Bilder, die wir alle aus dem täglichen Leben kennen. Ein exzellentes psychologisches Kammerspiel entwickelt sich hernach zwischen Fricka und Wotan. „Wann ward es erlebt, das leiblich Geschwister sich liebten?“ Fricka kann es nicht fassen. Wotan wiegelt süffisant ab: „Heut hast du’s erlebt!“ Die Art und Weise seines Kommentars gefällt Fricka überhaupt nicht. Sie greift in die Hausbar, genehmigt sich einen Schluck und setzt zu ihrer bekannten Gardinenpredigt an. Die zeigt Wirkung. Wotan ringt nach Worten, aber Fricka setzt noch einen drauf. Nun ist guter Rat teuer. Wotan bekennt gegenüber Brünnhilde, dass ihm die Hände gebunden sind. Und nun passiert etwas ganz Spannendes. Wotan, der Regisseur, überlässt Brünnhilde den Regiestuhl. Die „Walküre“ muss nun Sieglindes und Siegmunds Not erleben. Brünnhilde zeigt Mitleid. Was jetzt abläuft, steht so nicht im Manuskript. Sie reißt die Seiten heraus, verfasst bestimmte Stellen neu und wird auf diese Weise selbst zur Protagonistin. Wann hat man die Todesverkündigung schon einmal in dieser bezwingenden Dichte erlebt?! Minutiös hält der Kameramann (Kruno Vrbat) jede Gefühlsregung im Bild fest. Konsequenter und überzeugender lassen sich Richard Wagners Regieanweisungen kaum umsetzen. Das Abschalten der laufenden Kamera genügt, um Hunding ins Jenseits zu befördern. Im 3. Bild dominiert der Kubus. Der in sich bewegende Würfel wird wie von unsichtbarer Hand geführt. Es geht glamourös zu. Die Walküren entpuppen sich als Partygirls und lassen es gehörig krachen. Wiederum ist es der Rundhorizont, der visualisiert, was passiert. Wotan verfolgt Brünnhilde. Aber ihre Rösser haben weitaus mehr Pferdestärken. Auf einem Highway liefert man sich eine verbissene Verfolgungsjagd, um schließlich abgekämpft auf der Bühne zu stehen. Was dann folgt, ist bekannt. Aber auch in den letzten Szenen gibt es keinen Spannungsabfall. Wotans Gebaren macht deutlich, wie sehr er Brünnhildes Tat erwünschte.

Während André Bückers Lesart bei Teilen des Publikums auf lautstarke Ablehnung stößt, findet die szenische Realisierung ungeteilten frenetischen Jubel. Die meisten Partien werden mit Solisten aus dem eigenen Ensemble besetzt. Iordanka Derilova ist als Brünnhilde eine Augen- und Ohrenweide. Ihren ersten Auftritt stattet sie mit übermütigem und hochdramatischem Aplomb aus. Aber das, was sie von Wotan hört, stimmt sie nachdenklich. Ruhig, aber dennoch emotional aufgewühlt, verkündet sie Siegmund, dem todgeweihten Helden, das nahe Ende. Der Sängerin, die über eine fulminante und glutvolle Stimme verfügt, ist eitle Selbstdarstellung fremd. Sie agiert im Dienst der Rolle. Leidenschaftlich bittet sie schließlich Wotan darum, sie nicht dem erstbesten Manne auszuliefern. Die Sopranistin  passt sich  hervorragend sowohl gesanglich als auch darstellerisch der jeweiligen Situation an. Das trifft auch auf Ulf Paulsen als Wotan zu. Man sagt, dass er nicht nur seine eigene Partie gründlich studiere, sondern auch die seiner Partner. Nur so kann er Beziehungen aufbauen. Seine breit und lang angelegte Erzählung im 2. Akt hört sich wie ein spannender Krimi an. Die Textverständlichkeit des Sängers ist mehr als beeindruckend. Mit seiner präsenten Stimme weiß er auch in den Klanggewalten zu Beginn des 3. Aktes zu bestehen. Er forciert nicht, singt kontrolliert und hat auch noch genügend Reserven, um alle Gemütswallungen des Feuerzaubers ausdrucksstark zu Gehör zu bringen. Rita Kapfhammer stellt eine resolute Fricka auf die Bühne. Obwohl sie aufgebracht ist, gibt sie mit fester und satter Stimme ihr Statement ab. Das klingt nach!

Das Zwillingspaar ist mit Angelina Ruzzafante und Robert Künzli besetzt. Frau Ruzzafante gefällt mit wunderbar aufblühenden Tönen, die das zurückgewonnene Selbstwertgefühl Sieglindes untermauern. Wenn sie bekennt, dass sie Siegmunds Schwester sei, nimmt sie endlich die Haube, unter der ihrer Locken Pracht zum Vorschein kommt, vom Kopf. Sie ist wieder Frau! Emotional aufrüttelnd sind die Momente, in denen sie wünscht, gemeinsam mit Siegmund zu sterben. Hier klingt ihre Stimme bewusst matt und fahl. Und dann der jähe Wechsel! „Rette mich, Kühne! Rette mein Kind!“ Von jetzt auf gleich gewinnt die Stimme noch einmal an unglaublicher Leuchtkraft. Souverän gestaltet Robert Künzli die Partie des Siegmund. Die Wälse-Rufe singt er ohne Kraftmeierei. Und sein „So blühe denn Wälsungen-Blut!“ lässt erahnen, dass da tatsächlich ein Held ohne Fehl und Tadel gezeugt wird. Absolut stimmig sein Agieren in der Todesverkündigung. Er kauert auf einer Art Rampe neben Sieglinde, derweil ihm Brünnhildes Gesicht auf dem Rundhorizont projiziert wird. Er kommuniziert mit ihr und hat das Publikum im Rücken. Und dennoch kommt alles über die Rampe, was wichtig ist. Phänomenal! Mit kernigem Bass und unmissverständlicher Körpersprache umreißt Stephan Klemm die Figur des Hunding. Als Walküren erlebte das Publikum Einat Ziv, Gerit Ada Hammer, Cornelia Marschall, Anne Weinkauf, Kristina Baran, Jagna Rotkiewicz, Gwendolyn Reid Kuhlmann und Constanze Wilhelm. In ihrem auffälligen Outfit (Kostüme: Suse Tobisch) ähnelten sie eher durchgeknallten Partygirls als Heldenmädchen. Sie taugen nicht dafür, tote Helden nach Walhall zu beordern. Ihnen sind lebendige Boys im Matrosenanzug lieber. Wie auch immer – die Szene erheiterte, zumal die Solistinnen durch ihren Gesang und ihr Spiel das Publikum für sich gewinnen konnten. Bereits vor Beginn eines jeden neuen Aktes brach das Publikum in Jubel aus, als der Dirigent Antony Hermes ans Pult trat und die Musiker bat, sich zu erheben. Ihr engagiertes Musizieren vermochte durchweg die Gefühlsintensität der Szene in entsprechende Töne zu fassen. Hermes leitete sein Orchester souverän, er war den Sängern ein höchst verlässlicher Partner und kostete die Partitur mit all ihren Facetten intensiv aus. Das überschäumende Temperament des Walkürenrittes, die leuchtende Pracht des Feuerzaubers, aber auch die Momente der beseelten Innigkeit und des schicksalhaften Sinnierens kamen dabei eindrucksvoll zum Tragen.

Man darf auf „Das Rheingold“, das im Januar 2015 Premiere hat, gespannt sein. Schon jetzt ist sicher, dass dieser „Ring“ Dessauer Operngeschichte schreiben wird!    

Christoph Suhre

 

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