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DER FALL WILHELM REICH

15.01.2013 | FILM/TV

Ab 18. Jänner 2013 in den österreichischen Kinos
DER FALL WILHELM REICH
Österreich  /  2012 
Drehbuch und Regie: Antonin Svoboda
Mit: Klaus Maria Brandauer, Julia Jentsch, Birgit Minichmayr, David Rasche u.a.

Der „Fall Wilhelm Reich“ war wirklich ein solcher. Es handelte sich bei ihm um einen überdurchschnittlich intelligenten und begabten, allerdings auch monoman von sich eingenommenen und in seine Überzeugungen verbohrten Wissenschaftler – darin glich der in Galizien Geborene (1897-1957) seinem „Lehrer“ in Wien, Sigmund Freud, in dessen Kreis er allerdings bald größte Irritation auslöste.

An der Psychoanalyse interessierte Reich vor allem ihre Verbindung zur Sexualität, was schon im Europa der zwanziger und dreißiger Jahre (wo man dergleichen dann als „jüdische Schweinerei“ brandmarkte) nicht allgemein akzeptiert wurde: Wo Freud seine Theorien eher mit Samtpfoten vorgebracht hatte, donnerte Reich seine schockierende Begeisterung über den Orgasmus.

In den USA, in die er emigrierte, verwandelte er sich vollends in das, was man heute einen „Guru“ nennen würde: Inzwischen hatte Reich eine Theorie entwickelt, die sich „Orgon“ nannte, das er als kosmische Kraft definierte (eine Art von „Energie“), die im Menschen wohnt und die er in Labors hervorzulocken suchte, indem er seine willigen Versuchsobjekte in geschlossene Kisten sperrte. Kurz, ein echter Spinner, aber dergleichen findet  – wie man weiß – immer Anhänger.

Reich hatte dabei nur Pech: Er war in den USA mit diesem Sexo-Esoterik-Trip zu früh dran. Hätte er die Hippie-Bewegung erwischt und die darauf folgenden, doch spürbar liberaleren Zeiten, man hätte ihn in die USA möglicherweise (auch für seine Predigten von Orgasmus und sexueller Freiheit) womöglich auf den Händen getragen – er wurde ja auch später wieder „entdeckt“. (Und auch Otto Mühl bezog sich auf ihn – ob das für Reich spricht, sei dahingestellt.)

Aber Reich lebte im Amerika der McCarthy-Ära, und ein eingewanderter Jude, der – in ihren Augen – eine seltsame Sex-Kommune betrieb und natürlich nebenbei noch Kommunist war, schien ungeheuer verdächtig. So befand er sich natürlich unter ständiger Beobachtung des FBI, und ebenso natürlich standen eines Tages die seltsamen Männer mit ihren Hüten vor seiner Tür, zerstörten sein „Labor“, nahmen ihn fest, steckten ihn hinter Gitter…

Bis auf wenige Rückblicke zeigt der Film, den Antonin Svoboda geschrieben und inszeniert hat, Reichs Zeit in Amerika. Glücklicherweise ergreift der Autor / Regisseur  nicht Partei, führt kein verkanntes Genie vor, aber auch keinen Schwindler. Es ist wahrscheinlich die Leistung von Klaus Maria Brandauer, die diesen Film so überzeugend macht: Denn er spielt einen Mann, der unerschütterlich davon überzeugt ist, recht zu haben, und der allen Anforderungen zum Trotz keinen Zentimeter von seinen Überzeugungen abweicht. Er spielt sich nicht auf, er „ist“ ganz in sich ruhend ein ehrlicher Überzeugungs-„Täter“, der weder als lächerliche noch als windige noch als geniale Erscheinung herüberkommt…

 

Handlungsmäßig befindet man sich meist mit Reich auf seinem Anwesen in Maine (in der Nähe hatten die USA ihre Atombombenversuche gemacht, und er arbeitete an der Entgiftung der Verstrahlung…), wo er mit amerikanischer Frau und Sohn lebt (die ihn dann verlassen). Der Film ist gleicherweise in deutscher und englischer Sprache gedreht, wie Reich eben gerade mit seiner Umwelt spricht. Tochter Eva aus einem früheren Leben (angenehm sachlich: Julia Jentsch) kommt, um sich diesen ihr unbekannten Vater anzusehen, eine Wissenschaftlerin, die ihm schöne Augen macht (Birgit Minichmayr), ist als Spionin des FBI auf seinen Fersen. Danach erlebt man den Prozeß, wobei sein engagiertester Gegner (David Rasche) einst ein leidenschaftlicher Anhänger war (das soll vorkommen).

Antonin Svoboda behauptet nicht, dass er sich in seinem sorglich gemachten Biopic gänzlich an die historische Wahrheit hält. So unterstellt er am Ende, um das tragische Außenseiterschicksal noch ein bisschen dramatischer zu machen, Wilhelm Reich sei im Gefängnis unter ungeklärten Umständen gestorben. Als ob es nötig gewesen wäre, den weggesperrten und seiner Reputation beraubten Mann auch noch umzubringen… Aber die „bösen Amerikaner“ sind hier wieder einmal voll im Visier.

Alles in allem ist es ein fabelhafter Film über einen Mann, der heute vor allem als historische Erscheinung interessiert, nicht seiner objektiven Leistungen wegen (da hat es der verhasste „Übervater“ Freud weiter gebracht). Und dass Brandauer, wenn er davon absieht, vordergründig zu funkeln, zu brillieren, zu irisieren, in aller Überzeugungskraft eine starke Figur kreieren kann – das ist eine Kinokarte wert.

Renate Wagner

 

 

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