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DAS EWIGE LEBEN

01.03.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Ewige Leben, Das~1

Ab 5. März 2015 in den österreichischen Kinos
DAS EWIGE LEBEN
Österreich  /  2015 
Regie: Wolfgang Murnberger
Mit: Josef Hader, Tobias Moretti, Roland Düringer, Nora von Waldstätten, Margarete Tiesel, Christopher Schärf, Johannes Silberschneider, Hary Prinz u.a.

Ein österreichisches Amt, jene seelenlose Korridore, wo die Unglücklichen sitzen, die sich bald mit irgendeinem Beamten auseinander setzen müssen. Das tragische Gesicht des Brenner ist schlechtweg atemberaubend – da wird niemand behaglich sagen: „Ah, der Hader!“ Das ist nicht Schauspieler Josef Hader, das ist der Simon Brenner. Und der ist am Ende, sichtbar, fühlbar, spürbar. Er hat nix, er ist nix, er weiß nicht weiter. Der Staat kann für ihn höchstens eine Mindestsicherung beantragen – er hatte doch einmal einen Beruf, oder? Lange her…

Ja, und dann fällt dem Brenner ein: „I hab’ a Haus.“ Das liegt in Puntigam, Nicht-Steirern wohl nur im Zusammenhang mit Bier ein Begriff, tatsächlich ein südlicher Bezirk von Graz. Dort, wo die baufällige „Hütten“ von Brenners Großvater steht, ist es nicht sehr elegant. Immerhin gibt es einen hilfsbereiten Nachbarn (von Johannes Silberscheider so sympathisch wie leicht töricht gezeichnet), bei dem man per Verlängerungskabel Strom „ausborgen“ kann. Und hinter dem man sich versteckt, wenn man in Lebensgefahr gerät. Aber davon später…

Was tut man, wenn man keine Zukunft, kaum eine Gegenwart hat? Man schaut, wo man seine Vergangenheit anzapfen kann. Davon handelt dieser Brenner-Roman von Wolf Haas, der „Das ewige Leben“ heißt, ohne dass man genau weiß, warum. Dass unbewältigte Vergangenheit die Gegenwart jedenfalls sehr zu stören vermag, wenn man darin herumwühlt – darum geht es.

Es ist eine wilde, über die Maßen blutrünstige Story, die Regisseur Wolfgang Murnberger hier auf Brenners Spuren entwickelt, die schlechteren und besseren Kreise von Graz stilsicher durchschreitend, einen herrlichen Typen nach dem nächsten aufblätternd. Vier waren sie, blutjunge Polizisten in den siebziger Jahren (Rückblenden in grellen Farben, unwirklich genug, Hippie-Time), wirklich zu jeder Schandtat bereit (samt Bankraub, um zu zeigen, dass es straflos „geht“). Das bindet auch Jahrzehnte später, wenn sie nur noch drei sind, denn einer der vier – wie immer der Beste von allen – ist damals beim wilden Mopedfahren ums Leben gekommen. Die Tochter, die er mit der Maritschi hinterließ, ja, die hätte von jedem der vier sein können, auch vom Brenner. Man war damals nicht so.

Die Lust, die man beim Betrachten dieses Films hat, wird nicht zuletzt von den Darstellern genährt, voran Josef Hader als Brenner – noch nie so ausgebrannt, noch nie so lebensmüde, noch nie so schrecklich unter die Haut gehend überzeugend. Dann geht er zu Köck, einem Kollegen des einstigen Quartetts: Roland Düringer, ganz er selbst und doch eine ganze Figur. Ein schäbiger Altwarenhändler, der doch Geld hat. Woher? Und noch Beziehungen – zu Aschenbrenner, dem Dritten der Überlebenden von damals, und der hat es immerhin zu einem ganz großen Tier bei der Grazer Polizei gebracht hat. Man fragt sich, wie wunderbar sich Tobias Moretti verwandelt hat – fern von dem Fernseh-Schmarrn früherer Zeiten liefert er auf der Kinoleinwand eine Meisterleistung nach der anderen. Dies ist wieder eine. Einer, der Macht hat, aber von vielen Seiten in die Enge getrieben wird. Doch feig ist er nicht. Der wehrt sich…

Und eine schöne, interessante Ehefrau, die seine Tochter sein könnte (die immer etwas „daneben“ wirkende Nora von Waldstätten, ein Geschöpf wie aus einer anderen Welt), hat dieser Aschenbrenner auch. Sie ist übrigens die Tochter von Maritschi (Margarete Tiesel, deren Gesicht man kennt, seit Seidl sie auf Sex-Urlaub nach Afrika geschickt hat)…

Die Komplikationen wären groß genug, wenn nicht so viel Blut vergossen würde – aber es wird. Erst schießt Brenner sich in den Kopf – oder hat wer nachgeholfen? Er weiß es selber nicht, und Aschenbrenners Gattin kann ihm in ihrer Eigenschaft als Psychologin (sie solle nicht so viele blöde Fragen stellen, sagt er ihr) dabei auch nicht helfen.

Aber dann stirbt auch Köck. Und ein Zeuge des Mordes. Und der intensive junge Polizist (Christopher Schärf, scharf wie ein offenes Messer), der sich vom obersten Aschenbrenner-Chef absolut nicht zurückpfeifen lassen will, steht auch jemandem im Weg… Und da es an Schusswaffen nicht mangelt, werden sie auch eingesetzt. Brenner mitten drin. Durchschaut alles, kann aber nichts tun, um die rollenden Katastrophen aufzuhalten.

Graz spielt mit. Auf der künstlichen „Insel“ in der Mur gibt es ein todchices Geburtstagsfest. Beim Uhrturm droben schließlich findet der Showdown statt. Man ist gar nicht sicher, dass Brenner überleben wird… so richtig gut scheinen seine Chancen angesichts eines absolut skrupellosen Gegners nicht. Aber dann gäbe es keinen weiteren Brenner-Film, und Wolf Haas hat noch ein paar Romane in der Hinterhand.

Ja, und am Ende lebt dann gerade noch ein Polizist (Hary Prinz), der auf österreichische Art fünfe gerade sein lässt. Es ist ja auch ein durch und durch österreichischer Film. Und ein prächtiger dazu.

Renate Wagner

 

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