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DAS BOURNE VERMÄCHTNIS

09.09.2012 | FILM/TV

Ab 14. September 2012 in den österreichischen Kinos
DAS BOURNE VERMÄCHTNIS
The Bourne Legacy  /  USA  /   2012
Regie: Tony Gilroy
Mit: Jeremy Renner, Rachel Weisz, Edward Norton, Albert Finney, David Strathairn, Stacy Keach u.a.

Es ist recht eindeutig Etikettenschwindel mit einem Markennamen, der hier betrieben wird. Vor zehn Jahren kam das Phänomen „Bourne“ in die Kinos, und drei Filme hindurch (2002, 2004, 2007) hat der Geheimagent gute bis sogar exzellente Action-Unterhaltung garantiert. Aber das lag nicht zuletzt an der Besetzung von Jason Bourne mit Matt Damon, der immer mehr Mensch als Superheld blieb und für den Zuschauer eine enge Bindung an seine Figur schuf.

Ihn nun durch einen so harten, unliebenswürdigen Typen wie Jeremy Renner zu ersetzen, der den Sympathieträger mit aller Mühe erspielen muss (wenn es ihm denn überhaupt gelingt), ist ähnlich krass wie das Ersetzen des geschmeidigen Pierce-Brosnan-Bond durch den kantigen Daniel Craig (was aber immerhin gelungen ist). Nun, jedenfalls wird nicht behauptet, dass der neue Mann – „Nummer Fünf“ genannt – Bourne sei. Dieser selbst wird höchstens ein-, zweimal am Rande erwähnt (als bleibendes CIA-Ärgernis). Ein „Bourne“-Film ohne Bourne also.

Worum geht’s? Die CIA stellt wiederum die „Bösen“, der zentrale Beauftrage des Falls führt stets seinen „Patriotismus“ im Mund und befiehlt unter diesem Vorwand kaltblütig Mord um Mord. Auch „Nummer Fünf“, der vielleicht Cross heißt, soll eliminiert werden, weil man sich von einem „Programm“ trennt. Anfangs sehen wir ihm längere Zeit lang beim eindrucksvollen Überleben in Alaska zu. Und weil die CIA ihre Agenten so gut ausgebildet hat, kapiert der gute Mann auch über kurz oder lang, dass man ihm mit mörderischer Absicht auf den Fersen ist – und kann seinen Abschuss in Eis und Schnee mit Hilfe von ferngelenkten Drohnen trickreich verhindern.

Die CIA hat ihre Agenten aber auch ganz gewaltig verseucht, das heißt, mit Medikamenten zu Superleistungen hochgezüchtet. Allerdings müssen sie dauernd Nachschub erhalten – und um diesen zu sichern ist die zweite Station des Bourne-Ersatzes jene Ärztin, die dafür zuständig ist. Sie erleben wir im Labor, wo man die Zaubertränke braut, und wie sie mit Cross zusammen nach Manila flieht (der nötige exotische Schauplatz dieser Art von Filmen), entbehrt wahrlich jeder Glaubwürdigkeit.

Dieser Film, der eigentlich eher langsam läuft und selbst in den als solche programmierten Action-Highlights (die Motorrad-Jagd durch Manila, die eigentlich sehr schlecht geschnitten ist) enttäuscht, beleidigt immer wieder die Intelligenz des Zuschauers: Immer hat unser Held Geld, neue Kleidung, nötige Flugtickets, ja, er bastelt sogar im Klo neue Pässe selbst. Und natürlich ist er immer rechtzeitig zur Stelle, etwa um die vom CIA bedrohte Ärztin zu retten (deren Privatadresse in einem Landhaus er eigentlich gar nicht kennen kann). Eine Figur, wie der gegen Ende eingeführte asiatische Killer, gewinnt überhaupt kein Profil, ist nur für die Motorrad-Jagd notwendig…  Etwas lächerlich wirkt auch, dass Held und Heldin einander nach Ereignissen, nach welchen ein normaler Mensch längst tot sein müsste, aufmunternd „Are you okey?“ zu fragen pflegen.

Wo sich der Film von Regisseur Tony Gilroy mit dem logischen Verlauf des Action-Thrillers (und so etwas kann das Publikum wirklich verlangen) zu wenig abgibt, ist er politisch korrekt: Cross befragt die Ärztin nachdrücklich und zurecht, was sie, die Wissenschaftlerin, sich eigentlich bei diesen „Menschen-Experimenten“ denkt – und man hört die wohlfeile Antwort, sie sei nur für die Rezepturen zuständig, was damit geschähe, wisse sie nicht (sie geniert sich später dafür, wenn sie selbstverständlich zum Love-Interest des Helden mutiert und vice versa). Auch die Szenen beim CIA und der Regierung, die immer (und rasant) zur Cross-Handlung parallel geschnitten werden, zeugen von der ungeheuren Gewissenlosigkeit, mit der „Menschenmaterial“ eingesetzt und wieder ausgelöscht wird… Keine neue Erkenntnis, sie wird auch von der Leinwand herab nichts daran ändern, dass es im „wahren Leben“ vermutlich genau so zugeht, aber kritische Bemerkungen dazu schaden wahrlich nicht.

Sagen wir offen, dass Jeremy Renner nicht unbedingt eine Idealbesetzung für den Reserve-Bourne ist, weil er in zwielichtigen Rollen sowohl sein Können wie seine Persönlichkeitsstruktur besser einsetzen kann als hier, wo er das Publikum gewinnen müsste. Das mag ihm nicht bei jedermann gelingen. Rachel Weisz hingegen ist eine vielseitige Leinwand-Schönheit, der man Intelligenz und Herz mühelos glaubt.

Auf der anderen Seite steht Edward Norton für einen absolut skrupellosen CIA-Schergen, und die räsonierenden Herren im Hintergrund – Schwergewichte wie Albert Finney oder Stacy Keach – sind entweder so massig oder so grau geworden, dass man sie bestenfalls auf den zweiten Blick erkennt.

Im großen und ganzen hat man in diesen vierten „Bourne“, der eben doch keiner ist, nicht übertrieben viel investiert. Und der nicht sehr anständige Versuch, die einst so saftige Zitrone „Bourne“ noch einmal auszupressen, ist solcherart nicht sonderlich überzeugend ausgefallen.

Renate Wagner

 

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