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DAS BLAUE ZIMMER

14.07.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Blaue Zimmer~1

Ab 17. Juli 2015 In den österreichischen Kinos
DAS BLAUE ZIMMER
La chambre bleue / Frankreich  /  2014
Regie:  Mathieu Amalric
Mit: Mathieu Amalric, Léa Drucker, Stéphanie Cléau, Laurent Poitrenaux u.a.

Ein Krimi nach einem Roman von Georges Simenon, ja, aber ohne Kommissar Maigret. Nur ein Untersuchungsrichter forscht beharrlich nach einer Wahrheit, die ihm immer wieder durch die Finger zu schlüpfen scheint, aber wer gerne die absolute Klarheit über „Wer ist der Täter“ gewinnen möchte, ist hier auch nicht richtig: Tatsächlich ergibt sich im Gespräch nachher die nicht alltägliche Situation, dass mehrere Leute, die den Film gesehen haben, bezüglich des Täters zu völlig verschiedenen Ansichten kommen… Kurz, das ist mehr als ein gewöhnlicher Krimi. Aber als französische Bürgerstudie in Kleinstädten ist es ebenso überzeugend wie als Psychothriller. Denn die Geschichte ist bei aller Ruhe, in der sie erzählt wird, wirklich und wahrhaftig spannend.

Blaue Zimmer~1

Zu Beginn gibt es Sex in einem Hotelzimmer mit blauen Tapeten, äußerst freizügigen Sex mit viel Haut bei ihr und bei ihm, aber den Eindruck, dass man es mit echter Leidenschaft zu tun hat, gewinnt man nicht. Schnitt – und schon sitzt der Mann vor dem Untersuchungsrichter. Und eine zeitlang weiß man gar nicht, an wem der Mord begangen wurde, dessen man ihn anklagt. Man erwägt sogar, es könnte die Geliebte sein… Aber die ist es bestimmt nicht.

Viele Rückblenden – tatsächlich schneidet der Film ununterbrochen zwischen den Szenen mit dem ruhigen und fast fair wirkenden Untersuchungsrichter (Laurent Poitrenaux), vor dem Julien Gahyde (Mathieu Amalric) sitzt, und Szenen aus Juliens Familienleben hin und her. Der Verkäufer von landwirtschaftlichen Maschinen hat ein nettes Haus in einer Provinzstadt, eine blonde junge Frau, Delphine (Léa Drucker) und eine kleine Tochter (Mona Jaffart), allerdings auch die besagte Geliebte – Esther Despierre (Stéphanie Cléau), die Frau des Apothekers. Der stirbt unter Umständen, die später verdächtig erscheinen. Später, wenn auch Delphine tot ist. Gestorben an vergifteter Marmelade, die aus dem Apothekerladen kam. Jeder kann es gewesen sein, natürlich auch der Ehemann.

Almaric x~1

Mathieu Amalric ist derzeit sicher einer der interessantesten Schauspieler Frankreichs. Der heute Vierzigjährige mag vielleicht noch kein perfekter Bond-Bösewicht gewesen sein, aber als Polanski-Ersatz in „Venus im Pelz“ war er exzellent, und hier frönt er wieder seiner Leidenschaft als Filmemacher – Drehbuchautor, Regisseur, Hauptdarsteller in einem, ungemein stilbewusst in einer fast zelebrierten Langsamkeit der Geschichte, die das Publikum noch unruhiger und neugieriger macht: Was steckt eigentlich dahinter?

Wie glücklich war die Ehe der Gahydes? Wollte er Esthers Forderung, Frau und Tochter zu verlassen und sie zu heiraten, wirklich nachgeben? Wohl nicht, schon weil diese Esther die „schwarze Hexe“ wie aus dem Bilderbuch ist, die skrupellose, reuelose Verführerin. Und er? Schwach, ja, aber ein Mörder?

Und das alles eingebettet in eine Kleinstadt-Welt, wo jeder jeden beobachtet – eingebettet auch in Beziehungen, die brüchig scheinen, wohin man schaut… Viel Widersprüchliches wird dem Untersuchungsrichter erzählt, so ist es, ist es so?

Wie gesagt: Eine Lösung gibt’s nicht. Man muss sie sich selbst ausdenken. Ich zum Beispiel bin überzeugt, dass… aber das ist nun die Herausforderung an den Kinobesucher. Wie schön, dass eine substanzielle Vorlage den französischen Film ein bisschen besser macht als die Massen klischierter Lustspiele, die zuletzt in die Kinos kamen.

Renate Wagner

 

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