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DAS BESSERE LEBEN

03.04.2012 | FILM/TV

Ab 6. April 2012 in den österreichischen Kinos
DAS BESSERE LEBEN
Elles  /  Frankreich, Polen, Deutschland  / 2011
Regie: Malgorzata Szumowska
Mit:  Juliette Binoche, Anaïs Demoustier, Joanna Kulig u.a.

Familienleben im Großbürgertum: Die sehr elegante Wohnung in Paris, hastiges Frühstück, Ehemann hektisch in Richtung Büro, Kinder weg, alles strebt auseinander, eine Atmosphäre von Flüchtigkeit und Lieblosigkeit. Mama bleibt zurück: Auch sie, die elegante Anne, hat natürlich einen Beruf, wobei man im Lauf des Geschehens ahnt, dass dieser nicht so glamourös ist, wie er von außen aussieht. Sie recherchiert zwar gerade für eine Hochglanzillustrierte eine Geschichte über Studentinnen, die sich prostituieren, aber diverse Anrufe zeigen, dass das Interesse an der Geschichte nicht sonderlich groß ist und der ihr zur Verfügung gestellte Umfang laufend reduziert wird… (Jeder Journalist kennt übrigens diese Situation!)

Parallel zu Annes privatem Schicksal laufen in diesem Film die so cool wie sachlich vorgebrachten Schilderungen zweier junger Frauen über ihre Existenz als „Nebenberuf-Prostituierte“. Und weil dieser französische Film von Regie und Drehbuch her (Malgorzata Szumowska) eine starke polnische Schlagseite hat, kommt eine von ihnen aus Polen. Sie kam zum Studium nach Paris und bekam keinen Fuß auf den Boden – erst seit sie reichlich Geld verdient, ist alles leicht. Auch für das andere Mädchen aus einfachen Verhältnissen, das es vorzieht, Männer zu befriedigen, als sich in einem Supermarkt für ganz wenig Geld krumm zu arbeiten…

Das sind keine Opfer, wie die Huren-Schnulzen es immer darstellen: Die beiden haben sich entschlossen, diesen Weg zu gehen, weil sie unsentimental sind und einen guten Magen haben (man sieht so einiges, was ihnen da zugemutet wird, und das brächte doch nicht jede zusammen). Auch wird betont, was man immer wieder hört – dass Männer zwar zu Huren gehen, weil sie sich dort zu verlangen trauen, was sie ihren Ehefrauen gegenüber nicht einmal andeuten würden; aber dass viele einfach auch nur reden wollen, ein bisschen Verständnis, ohne dass gleich ein Rattenschwanz an Gefühlen und Verpflichtungen damit einher geht. Cash ist einfacher. Eine saubere Rechnung? Für die Studentinnen schon, wie Journalistin Anne nicht ohne eine Spur großbürgerlicher Damen-Erschütterung feststellt.

Die jungen Frauen (Anaïs Demoustier und Joanna Kulig) suchen „das bessere Leben“, das Anne angeblich hat. Aber man muss nur in das Gesicht von Juliette Binoche blicken, um zu wissen, dass hier absolut nicht alles zum Besten steht – in einer Szene, die so eindrücklich wie erschütternd ist, sieht man ihr beim Onanieren zu, und nicht erst da weiß man, wie allein und unglücklich sie ist. Für den Gatten nur ein Repräsentationsobjekt (in einer surreal interessanten Szene erkennt man in all den Herren, die da zum Abendessen bei ihnen eingeladen sind, Sexpartner der beiden jungen Huren), der Sohn – ein trauriger Fall von Wohlstandsverwahrlosung – schleudert ihr nur achselzuckende Verachtung entgegen. Ist das „bessere“ Leben wirklich das „gute“? Aber Fragen wie diese lassen sich pauschal ohnedies nicht beantworten.

Was an dem Film nicht gänzlich überzeugt, ist die Dramaturgie: Eher chaotisch herumspringend, werden stückweise soziologische Befunde abgeliefert, die alle für sich zweifellos stimmig und überzeugend sind. Aber es fehlt jene Stringenz, die daraus einen überzeugenden Film zusammenbindet. Die Impressionen aus dem Großstadtleben zerflattern…

Renate Wagner

 

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