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DARMSTADT: WOZZECK – 2 MAL – von Gurlitt und Berg.

25.11.2013 | KRITIKEN, Oper

Darmstadt: WOZZECK (Gurlitt und Berg) – Zwei Opern – eine textliche Vorlage 

Besuchte Vorstellung: 24. 11. 2013 (Premiere: 27. 10. 2013)

 Es war schon ein großes Abenteuer, das das Staatstheater Darmstadt da eingegangen ist: Es präsentierte den „Wozzeck“ gleich zweimal. Zu Beginn erklang die Oper von Manfred Gurlitt, nach der Pause folgte Alban Bergs Version. Beide Werke beruhen auf dem Stück „Woyzeck“ von Georg Büchner, den das Staatstheater Darmstadt zu dessen Gedenkjahr auf diese Weise in gleichem Maße ehrte wie die beiden Komponisten. Gurlitt hatte mit Büchners Schauspiel im Jahre 1913 in München erstmals Bekanntschaft gemacht, Berg lernte es 1914 in Wien kennen. Beide Tonsetzer waren derart begeistert von dem Werk, dass sie unabhängig voneinander beschlossen, daraus eine Oper zu machen. Bergs Komposition schaffte es am 14. 12. 1925 an der Berliner Staatsoper unter Erich Kleiber zuerst auf die Bühne, Manfred Gurlitts Vertonung des Stoffes wurde einige Monate später am 22. 4. 1926 in Bremen, wo der Komponist zu dieser Zeit das Amt des Generalmusikdirektors bekleidete, aus der Taufe gehoben. Es ist der Darmstädter Oper hoch anzurechnen, dass es diese beiden Stücke zusammen an einem Nachmittag präsentierte und damit einen unmittelbaren Vergleich beider Opern ermöglichte, was sich als sehr interessant erwies.

 Gurlitts und Bergs Kompositionen unterscheiden sich grundlegend. Das beginnt schon beim äußeren Aufbau der Stücke. Gurlitts musikalische Tragödie besteht aus 18 Szenen und einem Epilog, Bergs Oper aus 15 Szenen. Vom einen vertonte Szenen fehlen beim anderen und umgekehrt. So vermisst man bei Gurlitt doch stark das dramaturgisch sehr wichtige erste Gespräch der Titelperson mit dem Doktor. Dafür hat er in sein Werk aber die Szene integriert, in der Wozzeck das spätere Mordmesser kauft und später seinem Freund Andres seine letzten Habseligkeiten schenkt. Der gesellschaftskritische Aspekt, dem Berg starkes Gewicht beimisst, ist bei Gurlitt zugunsten der Betonung der Leiden des Titelhelden fast gänzlich zurückgedrängt. In Bergs Oper hören am Ende der Doktor und der Hauptmann den Ertrinkenden, bei Gurlitt sind es zwei Bürger. Auch die Zuordnungen der Stimmen fallen teilweise verschieden aus. Wozzeck ist in beiden Opern ein Bariton, Andres ein Tenor. Der Doktor dagegen wird bei Berg von einem Bass, bei Gurlitt von einem Tenor gesungen. Bei Gurlitt sind der Tambourmajor und der Hauptmann Baritone, während sie bei Berg beide für Tenöre geschrieben sind. Maries Sopran hat bei Berg eine tiefere, fast mezzoartige Tessitura als bei Gurlitt, der diese Rolle etwas höher angesiedelt hat.

 Rein musikalisch dominieren ebenfalls die Gegensätze. Beide Werke weisen ein großes Orchester auf, das sich indes nur bei Berg in voller Tutti-Wirksamkeit entfalten kann. Bei Gurlitt schälen sich immer wieder einzelne Instrumentengruppen aus dem riesigen Orchesterapparat heraus, während die anderen Musiker schweigen, was einen recht kammermusikalischen Charakter ergibt. Bei Berg nimmt das Ganze ein ausgesprochen symphonisches Gepräge an – der ganze zweite Akt stellt eine einzige Symphonie mit Gesang dar -, bei Gurlitt haben wir es eher mit einem Kammerspiel asketischer Art zu tun. Während Berg die durchkomponierte Form unter Verwendung der Leitmotivtechnik wählt, auf die sein Berufskollege verzichtet, und die einzelnen Bilder nahtlos ineinander übergehen lässt, reiht Gurlitt die einzelnen musikalisch in sich abgeschlossenen Szenen sequenzartig aneinander und reichert sie mit Formen der absoluten Musik an, wie beispielsweise Ostinato, Chaconne, Fuge und Fugato. Dabei stützt er sich auf eine der erweiterten Tonalität verpflichtete, romantisch angehauchte Klangsprache, während Berg ganz auf Dodekaphonie setzt und innerhalb der Abschnitte ebenfalls mit den verschiedensten musikalischen Formen aufwartet, so Suite, Sonate, Rondo, Fuge, Rhapsodie etc. In puncto spezifischer Klangfarben hat wiederum Gurlitt die Nase vorne. Gänzlich unterschiedlich gestaltet weisen beide Stücke mithin ein ganz eigenes musikalisches Gepräge auf, deren Gegenüberstellung einen großen Reiz ergibt.

 Die beiden Werke werden vom Hausherrn John Dew gekonnt in Szene gesetzt. Er macht aus den Opern keine Ausstattungsstücke, sondern lässt das Ganze in äußerst spärlich eingerichteten Räumen spielen, für die Dirk Hofacker verantwortlich zeichnet. Gurlitts „Wozzeck“ wird von kargen Betonwänden dominiert, die mit Hilfe der Drehbühne gegenseitig verschoben werden und sich derart zu einem Raum zusammenfügen können und so die einzelnen Spielorte bilden. Bei Bergs Stück spielt sich die dramatische Handlung oftmals in einem total leeren Raum ab. Da fällt das aus dem Boden aufsteigende, reichhaltig eingerichtete Wissenschaftslabor des Doktors samt des als Kleiderständer benutzen Skelettes fast etwas aus dem Rahmen. In beiden Fällen weiß Dew die Stärke des Raumes hervorragend zu nutzen und mit eindrucksvollen, sehr ästhetischen Lichtstimmungen – ein Bravo für den Beleuchtungsmeister – zu versehen. In diesem Ambiente lässt er das Geschehen jeweils mit einer ausgezeichneten, flüssigen und intensiven Personenregie geradlinig, schnörkellos und ohne jegliche Verfälschungen ablaufen, wobei er – darauf verweisen José-Manuel Vázquez’ gelungene Kostüme – Gurlitts „Wozzeck“ in der Biedermeierzeit ansiedelt, denjenigen von Berg dagegen in der Entstehungszeit des Werkes, der Weimarer Republik, spielen lässt. Das Auseinanderdriften des zeitlichen Rahmens bei jeweils gleicher Thematik unterstreicht dabei trefflich die Zeitlosigkeit des Stoffes. Die dargestellten Konflikte können in jeder Ära auftreten. Durch den fast leeren Raum erfahren diese eine treffliche Focussierung. Hier lenkt kein äußerer Prunk von den Nöten Wozzecks ab. Lediglich die Szene, in der bei Berg die Unterbühne zu den Wellen des Sees mutiert, in denen Wozzeck sein Leben aushaucht, mutete entbehrlich an. Das war aber nur eine Kleinigkeit. Ingesamt sind Dew zwei gute, in keinster Weise zueinander in Beziehung gesetzte bzw. aufeinander aufbauende Regiearbeiten gelungen. Schade nur, dass er dabei nur stets stark am jeweiligen Text entlang inszenierte, ohne dabei mit einem stringenten übergeordneten Konzept politik- oder gesellschaftskritischer Art aufzuwarten. Da hat dann doch leider etwas Wesentliches gefehlt.

 Hervorragend schnitt Martin Lukas Meister am Pult ab, der sich zusammen mit dem Staatsorchester Darmstadt mächtig ins Zeug legte und jeder der beiden Opern mit ungeheurer Brillanz und klanglicher Finesse zum Besten gab. Die Tongebung war über den ganzen Nachmittag hinweg überaus prägnant und wies jede Menge eindringlicher Akzente auf. Dramatischen Passagen wurde genauso viel Beachtung geschenkt wie den dynamisch fein abgestuften lyrischen Stellen der Partituren, die er sehr emotional ausdeutete. Wieder einmal wurde deutlich, dass Meister mit den Musikern in den letzten Jahren hervorragende Aufbauarbeit geleistet hat.

 Bei Gurlitt war David Pichlmaier ein mit wunderbarer italienischer Technik, klangschön und elegant singender Wozzeck. Einen guten Eindruck hinterließ in Bergs Oper auch Ralf Lukas, dessen Bariton in dieser Rolle besser focussiert klang, als man es sonst von ihm gewohnt ist. Darstellerisch wurden beide Sänger dem geschundenen Soldaten mit intensivem Spiel voll gerecht. Von den beiden Maries vermochte Yamina Maamar (Berg) mit vollem, rundem und recht dramatisch eingesetztem Sopran besser zu gefallen als Anja Vincken (Gurlitt), deren oftmalige spitze Höhen eine tiefere Stütze gut hätten vertragen können. Das gilt in jeder Beziehung auch für den sehr dünnen Tenor von Minseok Kim, der in beiden Werken den Andres sang, den zumindest schauspielerisch überzeugenden Hauptmann von dem aus Stuttgart herbeigeeilten Thorsten Hofmann (Berg), Lasse Penttinen (Doktor bei Gurlitt und zweiter Handwerksbursche bei Berg), Lawrence Jordans Narren (Berg) und den Juden von Juri Lavrentiev (Gurlitt). Einen prächtigen, gut gestützten Bariton brachte Oleksandr Prytolyuk für Gurlitts Tambourmajor mit, der seinen Part genauso einrucksvoll bewältigte wie sein mit bestens gestütztem, dunkel timbriertem und kräftigem Tenor singende Rollenkollege Joel Montero bei Berg. Mit sonorem, ausdrucksstarkem Bass gab Thomas Mehnert bei Gurlitt den Hauptmann und bei Berg den Doktor. Die Margaret bei Gurlitt bzw. Margret bei Berg war bei den fundiert intonierenden Mezzos Gundula Schulte und Anja Bildstein in guten Händen. Letztere gab bei Gurlitt auch die Altstimme, der sich die tiefgründig singende Aki Hashimoto als Sopranstimme anschloss. Stimmlich tadellos präsentierten sich Werner Volker Meyer als zweiter Bürger (Gurlitt) und Soldat (Berg) sowie Stephan Bootz (Erster Handwerksbursche). Als Kind bei Berg war der junge Marco Schreibweiss zu erleben. Einen gefälligen Eindruck machte der von Markus Baisch trefflich einstudierte Chor.

 Ludwig Steinbach, 25. 11. 2013

 

 

 

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