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DARMSTADT: 5. SYMPHONIEKONZERT: FRANCESCA DA RIMINI (von Rachmaninow – konzertant)/ "Transitus animae" von Lorenzo Perosi

14.02.2015 | Konzert/Liederabende

Darmstadt: „FRANCESCA DA RIMINI“ 13.02.2015

 Im Mittelpunkt des 5. Symphoniekonzerts im Staatstheater Darmstadt stand Sergej Rachmaninows dritte und letzte vollendete Oper (1906) „Francesca da Rimini“. Dieses relativ kurze Werk setzt sich deutlich von Zandonais veristischer Deutung ab. Rachmaninow und seit Liberettist Modest Tschaikowsky griffen auf die Urquelle der Geschichte zurück, welche sich in Dantes „Inferno“ findet. Literarisch ambitioniert, ließ Tschaikowsky den Dichter Dante Aligheri (Tenor) im Gespräch mit dem älteren Kollegen Vergil (Bariton) persönlich in der Hölle eintauchen, dort spielen die Schatten Paolos, Francescas und Lanceottos in zwei Szenen ihre leidenschaftliche und blutig endende Affaire noch einmal nach. Nun darf man die Version des russischen Komponisten im strengen Sinne nicht als Oper verstehen, sondern eher als szenische Kantate.

 Optisch bereicherte  die halbszenische Aufführung Irina Skhirtladza mit dezent-dramaturgischen Akzenten  der Akteure sowie der stimmig illuminierten Bühne.

Will Humburg am Pult des Staatsorchesters bringt zwar die farbenreiche und dramatische Partitur zum Leuchten, lokalisiert und stilisiert deutlich den sinfonischen Charakter der Musik, doch fehlte mir das weiche ineinander Fließen der Klanggruppen. Zumindest im ersten Teil wirkte auf mich die detaillierte Dominanz der Bläsersegmente befremdlich, düster und schroff, fast seziert erklangen die restlichen Orchestergruppen. Konsequent setzte der Dirigent allerdings zur großen Szene des Liebespaares weichere, verbindende, orchestrale Akzente dagegen.

 Im Prolog glänzten Minseok Kim (Dante) mit hell lyrischem Tenor sowie schönstimmig mit strömendem Bariton Vadim Kravets (Vergil) im kurzen Dialog. Zum Eifersuchtsmonolog des Lanceotto lässt Sergej Leiferkus nochmals die potenziellen, jedoch weniger klangvollen Vokalmuskeln spielen. Lyrischen Schmelz, aber auch dramatische Momente schenkte Irina Oknina (Francesca) ihrem strahlend leuchtenden Sopran. Liebevolle Blicke schenkt Paolo seiner Angebeteten, kraftvolle Momente, herrliche  Piani voll tenoralem Schmelz bot Zurab Zurabishvili zur extremen Tessitura  der Partie. Vortrefflich intonierten die Damen die höllischen Szenen, sowie die Herren des Staatsopernchors die kurze Unterstützung des Lanceotto.

Bravos und herzliche Zustimmung des Auditoriums.

 Den reizvollen Kontrast bot danach das vom Komponisten als Oratorium bezeichnete „Transitus animae“ (1907) von Monsignor Lorenzo Perosi (1872-1956), dem katholischen Geistlichen und gefeierten und produktivsten Schöpfer sakraler Musik in Italien. Puccini äußerte sich über den Kollegen: „ER hat mehr Melodien im Kopf als Mascagni und ich zusammen“. Perosi war das einzige Mitglied der „Scuola Giovane“, welches keine Opern schrieb und hatte zwischen 1890-1910 seine größten Erfolge, war Kapellmeister der päpstlichen Musikkapelle und mit mehreren Päpsten bis Pius XII. freundschaftlich verbunden. Nach der Entstehung des nun gehörten Werkes, mehrten sich bei Perosi körperliche wie geistige Probleme und er wurde schließlich 1922 für unzurechnungsfähig erklärt.

 Die Musik des relativ kurzen Transitus animae gleicht im Aufbau  einer Lithurgie im Gegensatz zu seinem Hauptwerk „Mosé“ (UA 1901 unter Toscanini) und dennoch erscheint die Partitur sehr dem Verismo zugeneigt.

 Will Humburg bleibt mit dem ausgewogen musizierenden Orchester dieser zwar sakralen aber opernhaft anmutenden und dramatischen Musik nichts schuldig. Trefflich formieren sich die Streicher in spürbarer Konzentration zu homogener Intensität und vokaler Substanz zum herrlichen Gesamtklang.

Trägerin des vokalen Geschehens bleiben allerdings die Gesangsparts unterteilt in dramatische Momente, Schilderungen dialogischer Wechselgesänge der „Seele“ mit dem Chor der „Engel“ zu Bibelzitaten: „In Deine Hände, o Herr befehle ich meinen Geist“. Die Seele bittet um Erbarmen (Kyrie), um Erlösung. Zum Finale steigt die Seele auf (transit) und verwandelt sich. Als Glücksfall zur Auslotung des kontrapunktischen Gesangsparts , durfte man die Solistin Tuija Knihtilä bezeichnen. Üppige sonore Tiefen, wohlklingende Höhen schenkte diese großartige finnische Sängerin den Schilderungen von Angst und Verzweiflung. Diese Prachtstimme prädestiniert sich geradezu für Kundry, Brangäne etc. Auf hohem Niveau schuf der prächtig intonierte Staatsopernchor (Thomas Eitler-de Lint) die vokale Choraldistanz.

 Das Publikum war noch mehr als zuvor begeistert und geizte nicht Bravorufen. Nehm´t meinen Dank Ihr holden Gönner – schrieb einst Mozart! Mein Dank gilt den Initiatoren zwei so ungewöhnliche Raritäten konzertant zu vereinen und war animiert, die Sonntags-Matinée sowie das folgende Abendkonzert nochmals privat zu besuchen.

 Gerhard Hoffmann

 

 

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