Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Daniel Ender: RICHARD STRAUSS

12.07.2014 | buch

BuchCover Ender, Richard Strauss

Daniel Ender: 
RICHARD STRAUSS
Meister der Inszenierung
352 Seiten, Bohlau Verlag, 2014

Wer berühmt sein will, tut gut daran, sich selbst um sein Bild in der Öffentlichkeit zu kümmern. Das ist eine uralte Erkenntnis, sie galt einst für Kaiser und Könige, später für Unternehmer und Künstler desgleichen, und als im 19. Jahrhundert die Welt der Medien erstmals explodierte, war es noch leichter, die eigene Popularität zu steuern. Natürlich nur, wenn man etwas zu bieten hatte – so wie Richard Strauss.

Der Wiener Musikwissenschaftler und -kritiker Daniel Ender stellt Strauss in seiner Eigenschaft als Netzwerker und Medienmann in das  Zentrum seiner Biographie zum aktuellen Anlass von dessen 150. Geburtstag.

Üblicherweise mag man die ehrlichen Menschen lieber als die kalkulierenden, aber Richard Strauss ist ein Beispiel dafür, dass Letztere es im allgemeinen zu mehr bringen: Ender postuliert zwar den Versuch, Strauss neutral zu betrachten, aber im Grunde gewinnt man den Eindruck, dass er von dem negativen Bild des Mannes durchdrungen ist: Indem er den Umriss der Biographie nacherzählt, bietet er ohne Unterlass die Geschichte einer Selbstinszenierung:  Jede von Strauss’ Taten, jede seiner Äußerungen, selbst jedes Foto wird auf die Berechnung hin interpretiert, die dahinter gestanden haben mag.

Jeder Leser weiß, dass eine Biographie das Produkt ihres Autors ist, seiner Sicht auf die Dinge, seiner Auswahl von Ereignissen, Zitaten, Selbst- und Fremdaussagen rund um den gewählten Gegenstand. So wie Ender sein Material präsentiert, wirkt es allerdings durchaus überzeugend: Strauss also, wie schon der Untertitel sagt, als „Meister der Inszenierung“. Gewissermaßen von Kindesbeinen an in der musikalischen Welt des Wagner-getränkten München, wo er am 11. Juni 1864 geboren wurde, als Sohn eines hochbegabten, auch komponierenden ausübenden Musikers (der Vater war Hornist) und einer Mutter, die aus einer sehr wohlhabenden (Bierbrauer Pschorr), aber auch sehr musischen Familie kam. Ein kleines Wunderkind, das mit vier Jahren Klavier spielte und mit sechs erste Kompositionsversuche unternahm. Später war ihm, in seiner bewussten Begierde (Gier?), so viel Geld wie möglich zu verdienen, kein Anlass für eine lukrative Gelegenheitskomposition zu gering…

Strauss, lebenslang ein „Voll-Wagnerianer“, wird von Ender als absolut „sachlicher“ Charakter geschildert, eine Persönlichkeit, die innere Distanz und Unbeteiligtheit auszeichnete. Schon von jungen Jahren an zeigte er in Briefen an die Eltern die Fähigkeit, alles, was ihn betraf (sogar schlechte Kritiken) zu seinen Gunsten auszulegen. Zuerst trat er mit spektakulären Symphonischen Dichtungen in die Musikwelt, dann mit seinen Opern, und seine lebenslange Doppelfunktion als Komponist und Dirigent erlaubte ihm nicht nur Einkünfte besonderer Art, sondern auch ein „Netzwerken“, das seinen Werken zugute kam. Gelegentlich bis zur Schamlosigkeit – Strauss als Direktor der Wiener Oper sagte man nach, er habe sich nur um Strauss gekümmert…

Schon die Zeitgenossen wussten, wie sehr ein Mann wie Strauss polarisierte, ein Mann, der als Person und mit seinem Werk stets im Zentrum der Aufmerksamkeit stand: „Hosianna“ oder „Kreuzigt ihn“ waren die entgegen gesetzten Pole – und Hanslick, die Nemesis von Richard Wagner, war einer, der wenig Freundliches zu Strauss zu sagen hatte. Andere Journalisten wiederum ließen sich von ihm ohne weiteres manipulieren und fungierten als sein Sprachrohr, um alles in die Welt zu posaunen, was er mitzuteilen wünschte… Er wusste, wie es geht. Nur dass er, einst „Zukunftsmusiker“, später den Anschluss an die „Moderne“ verlor, für die er nichts übrig hatte, dagegen konnte er nichts tun.

Ins Straucheln kam Strauss im Grunde erst während des Nationalsozialismus, wo er – will man dieser Darstellung glauben – wieder nur alle sich bietenden Vorteile als „der repräsentative deutsche Komponist“ ausnutzen wollte. Wieso er dann an Stefan Zweig festhielt, wie viel Rücksicht er einer jüdischen Schwiegertochter schuldete, fügt sich nicht wirklich ins Bild. Aber wer weiß letztlich, was in einem Menschen vorgeht? Jedenfalls scheint er bis zu seinem Tod am 8. September 1949 in Garmisch von keiner tieferen Erkenntnis der Nazi-Zeit und seiner Rolle darin durchdrungen gewesen zu sein. (Wie viele andere auch.)

Wer und wie war Strauss nun wirklich? „Nur“ ein Talent, ein berechnender Könner, oder ein genuin schöpferischer Künstler? Einer, der cool nur Ruhm und Geld wollte, oder auch einer, der mit sich und der Welt ehrlich zu ringen hatte? Man weiß es ja doch nicht, auch nicht nach diesem Buch. Der Autor jedenfalls resümiert:

Im großen Welttheater war Richard Strauss eine Figur, die es verstand, noch in der ernstesten Lage mit einer Mischung aus emotionaler Dramatik und souveräner Distanz von sich reden zu machen. Die Inszenierung war dabei zumindest ebenso meisterhaft wie das Stück.

Und als Diskussionsbeitrag zum Thema Strauss – nicht als definitive Erkenntnis – ist das ein wirklich spannendes Buch zum gegebenen Anlass.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken