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COTTBUS: GÖTTERDÄMMERUNG

28.04.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Cottbus: „Götterdämmerung“ (28.4.2013)

Höchst eindrucksvoll hat sich der seit 2003 geschmiedete Cottbuser „Ring“ im Wagner-Jahr 2013 vollendet. Eindrucksvoll ist zunächst schon einmal der Bühnenraum (Ausstattung: Gundula Martin): Durch das Orchester, das auf der Bühne sitzt, führt ein weißer Steg, der die größere Vorderbühne (wo normalerweise der Orchestergraben ist) mit einer kleineren Hinterbühne (Walküren-Felsen mit weißem Sofa und dazugehörigem Sessel) verbindet. Die Bühne schließt das Orchester, das trotzdem im Zentrum sitzt, förmlich ein und macht so Wagners Idee eines Gesamtkunstwerkes mit dem Zusammenspiel aller Künste auch visuell erlebbar. Darüber prangt im Hintergrund ein weißer Bühnenrahmen, allerdings in Schieflage: Die Welt ist in diesem Stück aus dem Gleichgewicht gekommen, das wird deutlich. Dazu Stühle, mit denen der regieführende Intendant des Hauses spätestens seit seinem bewegenden „Peter Grimes“ 2001 virtuoser umgehen kann als jeder andere. Gesungen wird fast immer vor dem Orchester, was Vor- und Nachteile hat: Die Textverständlichkeit ist (trotz Abstrichen bei den drei nichtmuttersprachlichen Gästen) überragend hoch – noch nie habe ich in der Nornenszene, der Waltrauten-Szene, der Rheintöchterszene, bei Gutrunens Monolog oder Brünnhildes Schlussgesang auch nur annähernd so unglaublich viel Text verstanden! Die Stimmen können sich zudem müheloser entfalten, weil sie über das Orchester, das hinter ihnen ist, ja gar nicht mehr drüber müssen, wobei man aber leider auch jede stimmliche Unebenheit hört. Das dritte Positivum ist jedoch die Unmittelbarkeit des Bühnengeschehens, die packt, als wenn man die Geschichte leibhaftig miterleben würde. Die Seitenlogen werden mitbespielt, Waltraute singt ihre (eigentliche) Off-Stelle aus der Mittelloge, bevor sie nach unten eilt, und Siegfried seilt sich aus der Seitenloge in die Gibichungenhalle ab – das wirkt dann mehr wie der Rhein bei Schaffhausen als bei Worms – und mit Grane geht das so natürlich gar nicht, weshalb es Grane auch nicht gibt und die Stelle „Wo berg‘ ich mein Ross?“ schlicht gesprungen wird. Negativ ist freilich eine Beeinträchtigung der Koordination zwischen Dirigent und Sängern, insbesondere im 1. Akt, wo gerade in der Gibichungenhalle doch einige Male „daneben hergesungen“ wird, trotz zahlreicher Monitore. Der junge GMD Evan Christ hat ohnehin eine Neigung zur Theatralik beim Dirigieren – oder positiver formuliert: die Emotionen gehen so mit ihm durch, dass er weniger Wert auf Behutsamkeit und perfekte Koordination legt als noch sein Cottbuser Amtsvorgänger, der unvergessene Reinhard Petersen. Hinzu kommen Bläserprobleme im 1. Akt – gegen Patzer kann der Dirigent nichts machen, gegen falsche Einsätze schon. Spätestens ab dem 2. Akt fand man allerdings zu einer sehr überzeugenden Orchesterleistung – wobei es ärgerlich ist, wenn eine Minute nach Beginn des 3. Aktes ein Hornist auf die Bühne nachschlurft. Regisseur Martin Schüler ist ein Großmeister einer eindrucksvollen Personenführung mit vielen berührenden und mitunter auch überraschenden Momenten, die aber nie den Regisseur auf Kosten der Rollen profilieren, sondern eben die Figuren selbst eindrucksvoll erlebbar machen. Hagen ist für Schüler der Strippenzieher dieses dritten Tages der Tetralogie. Gewiss ist es ärgerlich, wenn Hagen auf der leisen Musik der Morgendämmerung vor dem Prolog-Duett die Nornenseile geräuschvoll beseitigt, und auch die Alberich-Szene hat man schon eindrucksvoller erlebt als mit einem für die Mannen Stühle hereintragenden und dann ausrichtenden Hagen, aber das Grundkonzept geht auf. Selten hat man zudem das Gibichungenpaar szenisch so präsent und eindrucksvoll erlebt wie hier – und auch die Szenen, bei denen man andernorts häufiger auf die Uhr schaut (eben die Nornen, Waltraute oder die Rheintöchter), gelingen hier äußerst spannend und fesselnd. Noch nie hat mich die Vergessenstrank-Szene so gepackt wie hier. Für das Finale des 1. Aktes greift Schüler zu folgender Lösung: Siegfried spielt Gunther, während Gunther mit dem Klavierauszug in der Hand neben dem Dirigenten auch den falschen Gunther selbst singt – so wird der Betrug an Brünnhilde noch deutlicher. Grandios geriet auch das 2. Finale, insbesondere die Personenregie beim Hochzeitszug nach dem Terzett. Bewegend ist auch der Trauermarsch inszeniert: Wotan (trotz weißhaariger Perücke zu jung besetzt mit Regieassistent Hauke Tesch) erscheint (wie andernorts auch) an Siegfrieds Leichnam und legt die beiden Hälften seines damals von Siegfried zerbrochenen Speeres auf dessen Körper ab (leider sieh man deutlich, wie dieser noch atmet). Dann bemerkt der Gott Brünnhilde, die auch schon am Leichnam trauert, und reicht ihr versöhnend die Hand, doch diese flieht panisch vor ihm. Packend auch das Finale: Die Rheintöchter erscheinen schon bei Brünnhildes Schlussgesang und werden von ihr direkt angesungen, setzen sich dann nochmal in die (sonst einzig der Souffleuse vorbehaltenen) 1. Parkettreihe, bevor Brünnhilde mit einer Fackel den vorne befindlichen Scheiterhaufen mit Siegfrieds Leichnam und sich selbst symbolisch entzündet – überall steigt Rauch auf, bevor die Rheintöchter ein blaues Tuch über die Bühne ziehen. Szenisch war diese Produktion trotz kleinerer Abstriche also mehr als lohnend zu erleben.

Das gilt zweifellos auch für die sängerische Seite des Abends: Schon der Mannen-Chor entfacht im 2. Akt ein vokales Feuerwerk bei bester Textverständlichkeit, obgleich der Cottbuser Opern- und Extrachor durch einen Chor aus Bratislava ergänzt wurde (Einstudierung: Christian Möbius). Auch die Nornen (Marlene Lichtenberg, Carola Fischer und Cornelia Zink) und die Rheintöchter (Cornelia Zink, sonst etwa die Lucia am Hause, Debra Stanley und Marlene Lichtenberg). Marlene Lichtenberg singt überdies eine großartige Waltraute. Für Andreas Jäpel (Gunter) und Gesine Forberger (Gutrune) kommt das Gibichungenpaar gerade richtig: Während sie ihre Rolle mit gelegentlicher Tendenz zur Höhenschärfe souverän bewältig, vollbringt er die stimmlich vielleicht vollkommenste Leistung des Abends: eine perfekte Balance zwischen Wohlklang und Ausdruck bei aller nötiger Durchschlagskraft – wie schlecht war gerade diese Rolle in den letzten zwanzig Jahren häufig in Berlin besetzt! Noch mehr Stimme kann der Alberich-Einspringer Antonio Yang sein Eigen nennen, nur hapert es hier leider an der Textgestaltung. Gary Jankowski ist als Hagen körperlich und stimmlich ein echter Hüne und damit an diesem kleinen Haus in etwa so eindrucksvoll, wie es Matti Salminen bis vor einigen Jahren an großen Häusern war. Craig Bermingham (Siegfried) wurde der Vorstellung als indisponiert angesagt, wovon man (außer einen verpassten Einsatz und einen – freilich exzellent – falsettierten hohen „C“ im 2. Akt) glücklicherweise wenig bemerkte – im Gegenteil: Selten habe ich einen so höhenstarken Siegfried erlebt, der zudem hier die eher negativ gezeichnete Rolle eindrucksvoll erlebbar macht. Last not least Sabine Paßow als Brünnhilde: sehr souverän und intensiv gesungen und gespielt – und dabei jedes Wort zu verstehen – das findet man heute in diesem Fach höchst selten! Seit ihrem Fachwechsel ist die Stimme größer und reifer geworden, hat gerade auch in Tiefe und Mittellage viel an Substanz gewonnen. Insbesondere die große Schluss-Szene des 3. Aktes gelang in Vollendung pur – ein echtes Ereignis! Diese Brünnhilde hat ein Potential, das sich andere, auch größere Häuser nicht entgehen lassen sollte, nicht nur angesichts des Personalmangels auch in diesem besonders anspruchsvollen Fach. Am Ende minutenlange stehende Ovationen, auch mit rhythmischem Klatschen und Bravo-Stürme für Paßow und alle anderen Beteiligten – dass dieser Abend ein besonderes Ereignis war, schien jeder im Saal zu spüren. Fazit: Es mag an größeren Häusern vielleicht(?) kulinarischere Aufführungen geben, aber in Punkto Werkerlebnis hält diese Cottbuser Produktion jedem(!) Vergleich stand. Es war eine der (positiv) aufregendsten „Götterdämmerungen“ meines Operngängerlebens, und das waren in den letzten gut zwanzig Jahren nun auch schon mehr als 20 Vorstellungen, allesamt an deutlich größeren und finanziell besseren Häusern. Bravo! Ivo Zöllner

P.S.: In dieser Spielzeit sind leider keine weiteren Aufführungen vorgesehen, aber im kommenden Jahr sind drei Reprisen geplant, und zwar an folgenden Terminen: 2.2., 1.3. und 16.3.2013. Empfehlung: Keinesfalls verpassen!

 

 

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