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COSMOPOLIS

04.07.2012 | FILM/TV

Ab 6. Juli 2012 in den österreichischen Kinos
COSMOPOLIS
Kanada, Frankreich  /  2012 
Regie: David Cronenberg
Mit: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Paul Giamatti u.a.

Man kann Kino auch als Ersatzleben betrachten oder als Ergänzung der Erfahrung. Wer von uns Normalmenschen wird schon je in einer Stretchlimousine sitzen? Hier kann man es einen Film lang tun – falls das denn erstrebenswert ist… Immerhin lernt man das „Goldene Käfig“-Gefühl kennen, wenn man sich mit Wall Street-Hai Eric Packer gut eineinhalb Stunden lang kaum aus dem Gefährt herausrührt. (Was den Film übrigens ziemlich verbilligt haben dürfte…) Verlässt er seine beängstigende „Schutzhülle“ allerdings, geht es ihm schlecht. So ganz versteht man ja nicht, warum, aber David Cronenberg, einer unserer Lieblings-Kryptiker, legt es ja selten auf klare Aussagen an, und dafür ist ihm ein Roman von Don DeLillo, dem Apologeten des seltsamen Amerika, die richtige Vorlage. Dennoch hat Cronenberg, seines Ruhmes ungeachtet, für diesen Film beim letzten Festival in Cannes übrigens auch einige Schelte eingefahren…

So richtig sympathisch waren einem die mit Millionen, nein, Milliarden jonglierenden Finanzhaie ja nie, zumal nicht nach den weltweiten Katastrophen, die sie angerichtet haben. Aber die Faszination scheint bestehen zu bleiben. Sicherlich ist der Blick, den Cronenberg (hier retrospektiv für das Jahr 2000) auf ein solches Paradebeispiel der Gattung wirft, höchst kritisch. Aber doch… Es ist das alte, immer aufregende, immer widerliche Machtspiel, wenn sich die Mitarbeiter dem großen Mann wie einem fürstlichen Potentaten regelrecht zu Füßen werfen und sich dabei nach und nach die Autotüre in die Hand geben. Ja, es ist ein Road- und Episoden-Movie der anderen Art. Das auch. Was noch?

Keine Frage, Cronenberg hat sich etwas gedacht, als er die Hauptrolle seines Films mit Robert Pattinson besetzte, und mit Sicherheit ging es ihm dabei nicht um die Schauspielkünste, sondern um das Image des jungen Mannes aus der „Twilight“-Saga. So wie dieser erscheint Eric Packer als Zombie –  der bleiche Blutsauger, der skrupellose Täter und, ach, so sehr Opfer selbst. Denn er kann schließlich –kleine Abstecher ausgenommen –  aus seiner Limousine nicht heraus, nicht wahr (die Metaphorik ist der New Yorker Verkehr, in dem jeder steckt, der in einem Auto sitzt). Distanz, Arroganz und Selbstentfremdung verströmt Pattison allerdings reichlich – vielleicht kann er ja doch was mit einem guten Regisseur?

Was geschieht nun in diesem Auto? Es gibt Sex mit den Damen (u.a. in einem Kurzauftritt mit Juliette Binoche), mit den Herren werden Geschäfte analysiert (Kurzauftritt Jay Baruchel als Computergenie), nebenbei lässt sich der Milliarden-Star untersuchen (und das täglich), und schrecklicher Zynismus klirrt unaufhörlich von der Leinwand herab. Da ist sein Sicherheitsbeamter (Kevin Durand), den er später einfach erschießt (weiß der Himmel, warum), während er mit seiner weiblichen Sicherheitsbeamtin (Patricia McKenzie) ein Quickie hinlegt, da ist seine distanzierte Ehefrau (Sarah Gadon), mit der er sich kurz im Coffeeshop trifft, auf der Straße toben die Verrückten (Mathieu Amalric), worüber sich in New York niemand wundert, und am Ende wird dieser Film, den man als Totentanz empfindet, ja wohl doch letal: einem Typen, wie Paul Giamatti ihn spielt, möchte man nicht begegnen. Damit verlässt Packer das Auto und geht in eine Art Unterwelt. Wer killt allerdings am Ende wen? Es wäre nicht Cronenberg, ließe er nicht auch das offen.

Kurz, einer seiner Enigma-Filme. Aber in höchstem und gekonntestem Grade stylish, das wirklich. Das überhöhte Abbild einer Welt, die zum Zusammenkrachen bestimmt ist.

Renate Wagner

 

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