Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

COPACABANA

25.06.2012 | FILM/TV

Ab 29. Juni 2012 in den österreichischen Kinos
COPACABANA
Regie: Marc Fitoussi
Mit: Isabelle Huppert, Aure Atika, Lolita Chammah u.a.

Wohlgemerkt: Im Leben ist man froh, wenn man Leuten wie Babou nicht begegnet. Sie sind so egozentrisch, dass sie überhaupt nicht wahrnehmen, wie entsetzlich sie sich benehmen, ihre Verantwortungslosigkeit ist eine Katastrophe, ihre Forderungen an die Mitwelt enden nie, und sie gehen einem mit ihrem sinnlosen Geplappere und ihrer Hohlköpfigkeit grenzenlos auf die Nerven. Doch sie sind natürlich Individualitäten und Persönlichkeiten – und Schauspielerfutter ersten Ranges, wenn man sie auf die Kinoleinwand bringt. Sprich: Wenn Isabelle Huppert (die es ja auch so ernsthaft und verinnerlicht „kann“) eindreiviertel Stunden als enthemmte Babou über die Leinwand fegt, genießt man es als große Schauspielkunst, amüsiert sich – und ist aber am Ende froh, dass man sie oder ihresgleichen nicht unentrinnbar zuhause vorfindet (falls man denn das Glück hat)…

Gleich zu Beginn setzt Babou die Chance auf einen Job in den Sand, weil sie eineinhalb Stunden zu spät kommt. Die Absage nimmt sie nicht gut auf, sondern demoliert gleich das Geschäft. Welch sprühende Persönlichkeit – ja, und die Huppert macht es wundervoll. Es gibt erwachsene Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich wie solche zu verhalten. So, wie sie die Rolle spielt, versteht man, dass sie nicht anders kann und ihrerseits die Mitwelt nicht begreift.

Aber der waidwunde Gesichtsausdruck ihrer Tochter Esméralda (Lolita Chammah – auch im Privatleben die Tochter von Isabelle Huppert, der sie eigentlich gar nicht gleicht!) – zeigt in diesem Film von Marc Fitoussi ausreichend an, dass andere Leute es mit ihr nicht leicht haben. Und weil Esméralda (dass Mama vom Zirkus träumt, macht dieser Name eindeutig klar) ganz brav und bürgerlich heiraten will und weiß, dass von solcher Mutter nur Peinlichkeiten und Schwierigkeiten zu erwarten sind, möchte sie sie – ja, es ist nicht schön, aber verständlich: Wäre nett, Mama, wenn du nicht zu meiner Hochzeit kämest.

Das schmerzt natürlich, denn auch eine nuttenartig geschminkte, köstlich ausgeflippte Huppert hat ein Mutterherz. Und wenn sie jetzt „solide“ werden will, macht der Film einen sehr interessanten Schwenker in die Realität der Arbeitswelt von heute. Denn Babou ist, um „seriös“ zu werden, natürlich naiv genug, einen Job zu nehmen, den kein vernünftiger Mensch mit der Feuerzange anfassen würde. Sie verdingt sich in Ostende als Keilerin für schäbige Appartmenthauswohnungen, die sie unschuldsvollen Touristen möglichst schon als „Time Share“ andrehen soll, wenn sie aus der Fähre steigen.

Und es ist logisch, dass jemand mit ihrer unschuldsvollen Naivität dort reüssiert, wo andere Menschen gar nicht imstande wären, solche „Geschäfte“ zu tätigen. Da wird ihre Vorgesetzte Lydie (exzellent: Aure Atika), die anfangs nur Sklaventreiberin und Leuteschinderin ist, ganz zutraulich, wenn Babou Ergebnisse bringt. Aber dieselbe Lydie (die – und auch das ist interessant angedeutet – ja selbst unter unendlichem Druck steht, den sie weitergibt) wird sie gnadenlos rauswerfen, wenn sie entdeckt, dass Babou in aller Unschuld ein streunendes Pärchen in einem leeren Apparment wohnen lässt…

Und noch eine Figur aus dem wirklichen Leben: Der schlichte, einfache belgische Jungmann Bart (Jurgen Delnaet) ist von dem „Paradiesvogel“ Babou ganz verzaubert – aber nicht dumm genug, sich nur als Sexgespielen gebrauchen zu lassen. Es bleibt eine Episode, sie will gar nicht in ein normales Leben „unterschlüpfen“…

Der Film, so sehr auf Komödie angelegt, dass die traurigen Stückchen Lebenswirklichkeit nur als kleiner Kontrast eingesetzt werden, müsste natürlich schrecklich ausgehen, aber Regisseur Marc Fitoussi hat in seinem Drehbuch ein Happyend für die Frau vorgesehen, die immer von Brasilien träumte und schließlich für jenen Typ Menschen steht, der sich in aller Unschuld nie unterkriegen lässt. Also darf Babou doch bei der Hochzeit ihrer Tochter dabei sein und  zieht am Ende mit der brasilianischen Tanzgruppe, die sie als pittoreskes Geschenk zum Fest mitgebracht hat, davon. Gute Reise!

Manche Filme sprechen die masochistische Ader in uns an. Würden wir uns (Schauspielkunst hin, Komödie her) im Leben, wenn wir denn im Grunde brave, angepasste Bürger sind, von einer Babou sekkieren lassen? Und um den Preis einer Kinokarte genießt man es am Ende noch…!

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken