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Chronological CHOPIN – BURKHARD SCHLIESSMANN

05.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

25752  Chronological CHOPIN – Baladen, Preludes, Scherzi – BURKHARD SCHLIESSMANN, divine art 3 SACDs Die Kunst des Rubato als „Sesam öffne Dich“

Chopin ein softer Salonkomponist mit Hang zum Kitsch? Vergessen Sie das, wenn Sie die neuesten Aufnahmen des Burkhard Schliessmann hören. Der Pianist zitiert in seinen Reflexionen über Fréderic Chopin Robert Schumann, dem zur Musik Chopins das Diktum „unter Blumen eingesenkte Kanonen“ einfiel. 

Das privat ungreifbare, eher introvertierte romantische Klaviergenie war ein großer, nobler Stilist absoluter Musik. Kein Fünkchen literarischer Programme verwässert die musikalische Aneignung der Welt als dem Schmerz entrungene Schönheit. Es gibt viele exzellente Chopin Aufnahmen, wiewohl mir nicht klar ist, welche dieser Interpretationen Chopin selbst geschätzt hätte. Die Schlüsselfrage hierzu dürfte in der Behandlung der Rubati liegen. Ein „gebundenes, gesangreiches Spiel sollte im strengsten Rhythmus bleiben“, Chopin hasste „alles Dehnen und Zerren, unangebrachte Rubati sowie übertriebenes Ritardando.“ Zeitgenossen wie Berlioz empfanden Chopins Spiel aber eher als übertrieben frei und allzu willkürlich.“ Kann es sein, dass Chopin seinen Schülern jene Freiheiten nicht gestattete, die er für sich selbst relativierte?

Burkhard Schliessmanns faszinierender Ansatz hält etwa bei den Präludien die Verehrung und Nähe zu Bach für konstitutiv. Schliessmann bevorzugt eine klare Struktur- und Linienführungen im Sinne einer kontrollierten Emotionalität: „Kristalline Klarheit als beherrschendes Mittel soll die harmonische Modellierung prägen.“ Und was die Freiheit in Dynamik und Rhythmus anlangt, so scheint sich Schliessmann selbst einen Rahmen zu setzen, innerhalb dessen er sehr wohl einem improvisatorisch nachschöpfender Zugang huldigt. Aber ich empfinde gerade als überaus spannend, dass aus einem straff grundgetönten Spiel das „Schwebende, das schwerelose, endlose und letztlich die große Kantilene der Poesie“ erwachsen. Schliessmann hat sich lange und intensiv mit seinem Lieblingskomponisten befasst. Das Ergebnis überzeugt mich nicht nur, es überwältigt auf vielen Ebenen. Chopin zum  neu entdecken und neu hören. 

In chronologischer Reihenfolge geordnet kann man auf den drei CDs vier Scherzi (Op. 20, 31, 39 und 54), die Balladen 1-4, die 24 Préludes Op. 28, die ausladende Fantaisie in f-moll Op.49, die Barcarole Op. 60 und die umwerfende Polonaise-Fantaisie in as-dur Op. 61 erleben. Das Prélude in cis-moll Op. 45 sowie die Berceuse in des-dur Op. 57 runden das Programm ab.

Wie Schliessmann all das spielt, das kann man nicht beschreiben, das sollte man gehört haben. Auch für Audiophile ist diese high definition 5-Kanalaufnahme beglückend!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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