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Christoph Wagner-Trenkwitz: DAS ORCHESTER, DAS NIEMALS SCHLÄFT

BuchCover WagnerTrenkw Orchester nie schläft

Christoph Wagner-Trenkwitz:
DAS ORCHESTER, DAS NIEMALS SCHLÄFT
Die Wiener Philharmoniker
216 Seiten, Amalthea Verlag, 2017

Die logische Frage stellt Autor Christoph Wagner-Trenkwitz gleich zu Beginn selbst: „Noch ein Buch über die Wiener Philharmoniker?“ Es gibt das voluminöse Standardwerk aus den Reihen des Hauses, von Clemens Hellsberg auf Grund systematischen Aufarbeitens der Archivbestände verfasst, und vor nicht allzu langer Zeit hat der französische Journalist und Wissenschaftler Christian Merlin eine ganz breit aufgestellte, zweibändige Darstellung des Orchesters unter besonderer Berücksichtigung auch der Musiker selbst geliefert.

Diesen „Wälzern“ setzt Wagner-Trenkwitz nun einen schmaleren, reich bebilderten Band entgegen, der sich nicht nur an die Fachleute, sondern an ein lesendes Musikpublikum wendet. Zu Beginn ist sein Buch sogar philharmonischer „Reiseführer“ durch Wien – er klappert mit Stadtplan jene Stationen  ab, die aufs engste mit der Geschichte der Wiener Philharmoniker verbunden sind: Musikverein, Staatsoper, das Sacher (aber nur, weil hier das vorangegangene Opernhaus, das Kärntnertotheater, stand), das Haus der Musik in der Seilerstätte, das in seinem Ausstellungsangebot den Wiener Philharmonikern einen Schwerpunkt widmet, wo aber auch – und das ist wichtig – Otto Nicolai gewohnt hat, der ja in der Geschichte des Orchesters eine überragende Rolle spielt.

Und dann geht es chronologisch los, wobei Wagner-Trenkwitz seine Schilderung immer mit Anekdoten würzt, die das Geschehen (und die Lektüre) locker erscheinen lassen. Wo ist der genaue Beginn anzusetzen? 1824 wird die Uraufführung von Beethovens „Neunter“ als „erstes Aufflammen der philharmonischen Idee“ bezeichnet. Auf jeden Fall ging es darum, für die Musikstadt Wien, deren Lust auf Musik aller Art unersättlich war, ein professionelles Konzertorchester zu schaffen. Otto Nicolai, der „Preuße“, der sich in Wien so wohl fühlte, weil, wie er feststellte: „der Wiener hat mehr musikalisches Blut“, ist der Gründervater des Profi-Orchesters, das er aus den Mitgliedern des Kärntnertortheaters rekrutierte.

Der Rest ist Geschichte, aufgeputzt mit sehr schönen Fotos, u.a. von historischen Objekten. Krisen gab es immer, aber Wagner-Trenkwitz erzählt eher die positiven Aspekte – so notiert er zwar Richard Wagners Lob des Orchesters (Lobeshymnen sammelt das Buch ohne Ende von allen und jedem), aber dass es die Philharmoniker waren, die (sagen wir es ehrlich) den „Tristan“ platzen ließen, wird freundlich umschrieben…

Von Anfang an spielten die Wiener Philharmoniker in der neuen Hofoper, und der Goldene Saal des Musikvereins wurde ihr Wohnzimmer. Viele bedeutende Künstler marschieren durch das Buch, in engster Verbindung mit dem Orchester – Hans Richter ging als Hornist aus ihren Reihen hervor, wurde ein bedeutender Dirigent und für Richard Wagner und Bayreuth ein unentbehrlicher Mitarbeiter. Seinen Ausspruch, das man nur mit einem solchen Orchester wie die Wiener Philharmoniker lerne, was man als Dirigent wagen kann, werden manche Kollegen unterschreiben.

Weniger leicht als die Dirigenten hatten es die zeitgenössischen Komponisten des 19. Jahrhunderts mit dem damals schon sehr berühmten Orchester. Und Gustav Mahler lieferte sich mit den Herren manche Kraftprobe, wobei er letztlich unterlag. Tourneen, Bälle, große Interpreten (mit Richard Strauss „konnten“ sie sehr gut) führen dann in die Epoche des Dritten Reichs, ein Tiefpunkt für das Orchester wie für ganz Österreich. Wagner-Trenkwitz balanciert die heikle Epoche in der Darstellung gut aus. Da wird nicht verschwiegen, dass fünf jüdische Philharmoniker in Konzentrationslagern ermordet und andere ins Exil getrieben wurden, während das Orchester der Propaganda des Regimes dienen musste. Nach dem Krieg blieben Peinlichkeitsreste – Mitglieder, als Musiker geschätzt, die in der Institution verblieben, obwohl  ihr Verhalten fragwürdig gewesen war. Leonard Bernstein machte einen Witz darüber und nannte Helmut Wobisch seinen „Lieblings-Nazi“…

Der Weg in die Gegenwart ist bruchlos erfolgreich, besonders seit man sich entschlossen hat, die Vergangenheit nicht mehr unter den Tisch zu kehren (was eine gesamt-österreichische Entwicklung war). In der Folge widmet Wagner-Trenkwitz einen großen Teil des Buches dem, was so schwer zu definieren ist – dem philharmonischen Klang, den spezifisch „wienerischen“ Instrumenten. Und dann auch Faktischem wie den Geschäftsordnungen durch die Zeiten, der Frauen-Frage, der Jugendarbeit, der man sich zunehmend widmet, dem legendären Archiv, in dem es so viele Schätze gibt…

Und schließlich werden noch die großen Dirigenten in ihrer Beziehung zu den Wiener Philharmonikern geschildert, Böhm, Karajan, Bernstein (der dem Orchester bescheiden sagte: „Bei Mozart müssen Sie mir sagen, wie man ihn spielt“), wobei die klassische Frage nicht fehlt, ob ein Orchester wie dieses überhaupt einen Dirigenten brauche… (Natürlich!).

Der „Mythos Neujahrskonzert“ steht am Ende, wobei man mittlerweile mit den „Sommernachtskonzerten“ in Schönbrunn die weltweite mediale Wirkung noch verstärkt hat. Nein, um die Wiener Philharmoniker muss man sich keine Sorgen machen. Auch nicht, solange die Mitglieder noch das Gefühl haben: „Leider bin ich nicht zum Dienst eingeteilt.“

Renate Wagner