Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CHIUSI/ FESTIVAL ORIZZONTI : # FOLLIA 2016

13.08.2016 | Konzert/Liederabende

CHIUSI/ FESTIVAL ORIZZONTI : FOLLIA vom 29.7. bis 7.8.2016

 Den meisten Österreichern ist Chiusi nur als Bahnstation (mit vollem Namen: Chiusi-Chianciano) bekannt, als praktisches Einfallstor in die Toscana. Aufhalten tut man sich hier eher nicht.

Dabei ist die auf einem Hügel gelegene Altstadt, „Chiusi vecchiia“, “ Chiusi alta “ oder „Chiusi città“ genannt, ein wunderhübscher, ruhiger, idyllischer Ort mit etruskischen Wurzeln, alle Vorzüge anderer berühmterer toskanischer Städtchen aufweisend, ohne deren Nachteile.

Seit geraumer Zeit findet hier zur kulturellen Belebung außerdem das Festival „Orizzonti“ statt. Der seit drei Jahren amtierende neue künstlerische Leiter Andrea Cigni, Opernregisseur und Direktor des Konservatoriums von Cremona, hat dem Festival, das bislang ein wenig amateurial vor sich hindümpelte, einen professionellen Qualitätsschub verpasst –  und ein alljährliches Motto. Heuer lautete es #(ohne Raute geht heutzutage gar nichts) FOLLIA 2016.

IMG_8624
Amleto + Fortinbrasmaschine

Nun sind Papier und Motti bekanntlich geduldig, also bot auch der „Wahnsinn“ Herrn Cigni   reichlich Gelegenheit, ein vielfältiges Programm von populistischen Unternehmungen ( wie zB. der Traviata auf dem Domplatz) bis hin zu Hardcore-Avantgarde (wie Macadamia nut brittle des angesagten Duos ricci/forte) zu präsentieren. In den Bereich Extremtheater fiel auch die Produktion „Amleto + Fortinbrasmaschine“ des italienischen Regisseur-Einzelgängers Roberto Latini. Gemäßigte Moderne hingegen zeigte Valter Malosti mit seinem Multimedia-Projekt „Maddalene“ (über die Wandlung der ikonographischen Darstellung der Heiligen Magdalena im Laufe der Jahrhunderte) sowie mit seiner One-Woman-Show „Giro di Vite“ (nach Henry James‘ „The Turn of the Screw“) mit der brillianten Irene Ivaldi.

IMG_8629

Macadamia nut brittle. Foto: Orrizonti

Tanzfans wurden mit einer sehr zeitgeistigen, dekonstruierten Variante des „Romeo & Julia“ Balletts versorgt und mit den „10 miniballetti“ der Performerin Francesca Pennini bedient.

ori

Einfachere Gemüter hingegen konnten z.b dem Erzähler Paolo Panaro an so verwunschene Locations wie den Lago di Chiusi, die Katakomben der Stadtheiligen Santa Mustiola oder in die „Città Sotteranea“ (Unterirdische Stadt) folgen, um ihn dort den mittelalterlichen Dichter Gianbattista Basile, Torquato Tasso oder aus „1001 Nacht“ rezitieren zu hören.

Den krönenden Abschluss bildete das Barockkonzert in der Kathedrale. Die exzellente Formation“ Gli animosi di Monteverdi“ aus Cremona spielten Monteverdi,Tarquinio Merula, Girolamo Frescobaldi, Giovanni B. Fontana und Henry du Bailly. Besonders erhebend wurde es, wenn sich die unglaublich beseelte und ihre Arien souverän gestaltende Sopranistin Lucia Cortese zu ihnen gesellte. Und dann noch einmal überwältigender, als sie Lieder der allzuwenig bekannten Komponist i n  Barbara Strozzi sang. Eine echte und kostbare Entdeckung.

Es zahlt sich also aus, bei einer der nächsten Toskana-Reisen in Chiusi nicht nur aus-, ein – oder umzusteigen, sondern auch dem Ortskern (mit seinem großartigen Archäologischen Museum) und vielleicht sogar dem Festival Orizzonti einem Besuch abzustatten. Das nächstjährige Motto lautet übrigens ebenso banal wie universal: #VITA 2017…

 Robert Quitta. Chiusi

 

Diese Seite drucken