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CHEYENNE – THIS MUST BE THE PLACE

04.01.2012 | FILM/TV

Ab 6. Jänner 2012 in den österreichischen Kinos

CHEYENNE– THIS MUST BE THE PLACE
USA  /  2011
Regie: Paolo Sorrentino
Mit: Sean Penn, Frances McDormand, Judd Hirsch, Heinz Lieven u.a.

Zu allererst lernen wir Cheyenne kennen, einen ehemaligen Pop-Star – sprich Sean Penn als Drag Queen, wilde schwarze Haarpracht, geschminkt, jede Falte im hageren Gesicht scheint extra betont. Er wirkt wie aus der Addams-Familie entkommen, ist aber wohl optisch ein Mix aller möglicher Pop-Könige der achtziger Jahre, dem man in der Abgewracktheit seiner gegenwärtigen Existenz begegnet. (Dass Talking Head David Byrne für die Musik des Films sorgte und in einer Szene auftritt, wird die Pop-Oldies im Kinopublikum vermutlich entzücken, Opernfreunden beispielsweise total egal sein.) Besonders affektiert ist die Sprechweise, die Penn für seinen Cheyenne findet – schleppend, halb verhauchend, säuselnd. Der Mann ist die einzige stilisierte Unnatur, und man hat es als Kinobesucher nicht unbedingt leicht, sich auf ihn einzulassen, wenn man nicht auf das absolut Schräge abfährt (das hier allerdings schon ziemlich ausgelutscht daherkommt).

Punktuell erfährt man in diesem Film des italienischen Regisseurs Paolo Sorrentino, der sich hier so durch und durch „american independent“ gibt, einiges über Cheyennes leere Gegenwart, die sich anfangs interessanterweise in Dublin abspielt. Ob er im Coffeeshop mit einem Girl herumhängt (Ewe Hewson), das wie aus einem Gothic Movie entlaufen wirkt (also zu ihm passt), ob er sich an seiner ganz „normalen“ Frau (Frances McDormand macht nicht klar, was sie an dieser Unglücksfigur findet) anhält, ob er sich von jungen, aufstrebenden Pop-Jünglingen gedrängt fühlt, die ihn für ihre Produkte interessieren wollen (wozu er gar keine Lust hat). Kurz, er resümiert: „I think, I am depressed.“

Jetzt muss langsam etwas passieren, und es geschieht, als Cheyennes Vater in Amerika stirbt, wobei man überhaupt erst erfährt, dass er Jude ist. Mit dem Vater, der ihn offenbar scharf abgelehnt hat, hatte er kaum Kontakt. Mordecai Midler, ein alter Freund des Vaters (Judd Hirsch, so jüdisch in der Optik, dass er immer ideal besetzt ist, wenn man einen Auf-den-ersten-Blick-Juden hinstellen will) erzählt ihm von dessen Besessenheit: einen alten Nazi aufspüren, der ihn einst in Auschwitz gequält hat und der sich nun in den USA versteckt hält. Cheyenne, der nichts mit sich anzufangen weiß, macht dieses Anliegen zu dem seinen. Auf die Frage von Mordecai: And what are you going to do when you find him? weiß er nichts zu antworten, und dem Film fällt dazu auch nur etwas Vages dazu ein. Aber ist es nicht ein durch und durch vager Film?

Nun beginnt das seltsame Road-Movie von unglaublicher Behäbigkeit (aber immerhin stellenweise absichtsvoll schön fotografiert bzw. gefilmt) –  Cheynne mit einem kleinen Köfferchen hinter sich hergezogen auf der Suche nach dem Nazi. Er kommt zu seiner alten Schullehrerin, der er unheimlich ist (ob er sie umbringen wolle, fragt sie) und die sich nicht an ihn erinnert. In einem Diner erkennt ihn die Bedienung als Ex-Pop-Star, sie nimmt ihn zu sich, sie hat einen kleinen Sohn, der Cheyenne über die Vater-und-Sohn-Beziehung philosophieren lässt, er zieht weiter, kauft eine Waffe und findet schließlich in einem Trailer irgendwo im Nowhere den uralten Gesuchten, einen verknitterten Mann, der ohne weitere Reue von der Vergangenheit spricht (Heinz Lieven).

Was jetzt? Wenn Cheyenne wieder in sein Mietauto steigt, dann steht der uralte Mann splitterfasernackt, seine Genitalien schamhaft bedeckend, vor seinem Trailer. Das kann man für eine tiefsinnige Lösung halten – oder für eine Verlegenheit, je nach Bedarf. Mordecai versichert Cheyenne noch, wie sehr sein Vater ihn geliebt hätte: „That’s not true, but nice of you to say so…“

Das ist der klassische Fall eines Festival-Films, und je nach Veranlagung des Kritikers wird man dergleichen als Kunstwerk einstufen oder als öde Spekulation eines Kunstfilms abtun. Dasselbe kann man auch von Sean Penn sagen. Im Gegensatz zu seinem Harvey Milk, wo er in die Figur dieses homosexuellen Politikers bis zur absoluten Identifikation geschlüpft ist, so dass man sich diesen Menschen gar nicht anders hätte vorstellen können, zieht er hier eine Affektationsmasche erster Ordnung ab, über deren innere Wahrhaftigkeit (gibt es solche Käuze, die irgendeine Befriedigung darin finden, sich der Welt so zu präsentieren?) man diskutieren kann. Aber was will man von einem Film, der einem als Lebensweisheiten Plattheiten à la “The worst way of dying is to continue living” anbietet? Oder ist das am Ende grandios, tief und wahr?

Renate Wagner

 

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