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CHERNOBYL DIARIES

20.06.2012 | FILM/TV

 

Ab 22. Juni 2012 in den österreichischen Kinos
CHERNOBYL DIARIES
USA  /  2012 
Regie: Bradley Parker
Mit: Olivia Dudley, Jesse McCartney, Dimitri Diatchenko u.a.

Was macht einen schlichten US-Horrorfilm letztendlich doch interessant? Wahrscheinlich, weil man sich selbst die Frage stellt, was man in dem gezeigten Fall getan hätte. Wenn man auf der Reise durch die Ukraine die Gelegenheit bekäme, sich auf dem streng abgeschlossenen Gelände des einstigen Atomkernkraftwerks Tschernobyl umzusehen, wo 1986 in einer singulären Katastrophe mehr 200.000 Quadratkilometer unserer Welt verstrahlt wurden – wäre man furchtsam (oder klug?) genug, es nicht zu tun, oder würde die Neugierde siegen?

Nun, am Ende kann man froh genug sein, dass man das Abenteuer einer Handvoll junger Leute überlässt, die es übernehmen, all die daraus folgenden Grässlichkeiten zu erleiden, während man selbst angenehm im Kinostuhl sitzen und am Ende unbeschädigt heimgehen darf…

Zuerst begegnet man – es fängt ja immer so harmlos an – drei jungen Amerikanern auf dem klassischen Europatrip, die in Kiew einen weiteren von ihnen treffen, der den Tschernobyl-Ausflug als kleinen Nervenkitzel arrangiert. Zwei Rucksacktouristen gesellen sich zu ihren, Dollars wechseln den Besitzer, und schon erklärt sich der bullige Einheimische Uri, der das offenbar nicht zum ersten Mal macht, als Reiseführer der neugierigen Sechs bereit, denen allerdings unterschiedlich wohl bei der Sache ist (was man nachfühlen kann).

Man besteigt den klapprigen Bus, überwindet kenntnisreich den Wachkordon im streng eingezäumten Gelände – und ist im Wald. Das ist ja noch nicht gänzlich Furcht erregend. Aber dann geschieht, was für den Horrorfilm passieren muss: Der Bus gibt den Geist auf, man ist etwa 20 Kilometer weit von der Stadt entfernt, und es wird Nacht…

Es ist oft dunkel, in diesem Film, die Handkamera wackelt, wie es sich seit dem „Blair Witch“-Projekt als effektvoller Angst-Verstärker herausgestellt hat, und nun fühlt man sich wirklich „drinnen“. Als wäre man in den abrupt verlassenen Plattenbauten der einstigen Besucher, die ihre Welt so gnadenlos aufgeben mussten, also fühlte man höchstpersönlich die Bedrohung durch das Unbekannte…

Der Film von Regisseur Bradley Parker ist mit Schauspielern besetzt, die hierzulande No-Names sind (und nur Dimitri Diatchenko als Uri interessiert wirklich, so lange er eben dabei sein darf…), und es geht auch nicht darum, die sechs jungen Leute mit ihren jeweiligen Ängsten zu profilieren. Es geht darum, diese Ängste an den Besucher weiterzugeben – unheimliche Tiere (mutierte Bären?) bedrohen das Leben, und beim Versuch, den Ort des Schreckens zu verlassen, geraten sie noch tiefer hinein, als sie irgendwann begreifen müssen, dass sie nur von ihren schwankenden Taschenlampen begleitet mitten im aufgelassenen Kernkraftwerk selbst sind…

Das Prinzip der zehn kleinen Negerlein wird auch hier angewendet, die Frage ist im Grunde nur, wer als nächster an der Reihe ist, ein schauriges Ende zu finden, und es sei nur verraten, dass es auch das einzige Mädchen, das schließlich von anderen Menschen gefunden wird, nicht wirklich gut getroffen hat…

Das ist natürlich kein Film, der sich ernsthaft mit einem Reaktorunfall und seinen Folgen auseinandersetzt. Er sucht nur, mit dem Reizwort „Tschernobyl“ neue Varianten des Entsetzens auszureizen. Und das gelingt gar nicht schlecht.

Renate Wagner 

 

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