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CHEMNITZ: DIE TOTE STADT

10.11.2014 | Oper
Die tote StadtOper in drei Bildern von Erich Wolfgang Korngold

Foto: Dieter Wuschansky/Theater Chemnitz

 

Chemnitz: „Die tote Stadt“ – 9. 11.2014

 Schier 100 Jahre mussten seit der letzten Chemnitzer Aufführung dieser Oper ins Land gehen. Verbannten die Nazis den Juden Korngold von den Bühnen, so verweigerte sich der symbolisch-surrealistische Habitus des Werkes den kulturpolitischen Ambitionen der DDR. Die nunmehrige Wiederaufnahme in den Spielplan dürfte nicht zuletzt dem Drängen des Chemnitzer GMD Frank Beermann zu verdanken sein, der sich, auch in den von ihm verantworteten Konzertprogrammen, vehement für das lange Zeit verkannte Schaffen des Österreichers einsetzt.                                 

 Nach einem recht zwiespältig ausgefallenen „Don Carlos“ stellte Helen Malkowsky nun ihre zweite Regiearbeit für die hiesige Oper vor, die, nehmt alles nur in allem, weitaus ansprechender geriet. Gemeinsam mit ihrem Bühnenbildner Harald B. Thor kürt die Regisseurin das Element  Wasser zum Symbol für eine versandete Lebensader der Stadt Brügge, die zu Ende des 15. Jahrhunderts mit dem Verlust des einzigen Kanals zur Nordsee ihre ökonomische Basis als Hansestadt verlor. Mittlerweile hat sich das stehende Wasser der Grachten und kleineren Kanäle der Häuser Brügges bemächtigt – ein Symbol dahinschleichender Zeit, Sinnbild für Menschen, die ihre Felle wegschwimmen sehen, weil ihnen dieses Wasser bis zum Halse steht. Thor verdeutlicht dies mit Rinnsalen an den Wänden von Pauls Haus, die schließlich im 3. Akt fußhoch von dessen Räumen Besitz ergreifen. Obgleich diese Lösung in ihrer letzten Konsequenz der Konzeption entspricht, nimmt sie sich freilich etwas gesucht und für die in diesem Nass agieren müssenden Solisten relativ ungünstig aus. Brigittas Gang zu den Nonnen, der Gondelfahrt der Komödianten und der Prozession im letzten Akt darf man eindrucksvolle Lösungen bescheinigen. Tanja Hofmann entwarf  dementsprechende Kostüme, von denen sich lediglich der Allerweltsanzug des bedauernswerten Paul einigermaßen ärmlich ausnahm, womit wahrscheinlich die von der Regie beabsichtigte Kritik an der Figur berücksichtigt werden sollte. Denn ein Übermaß an Sympathie lässt Helen Malkowsky diesem der Vergangenheit nachtrauerndem Manne nicht zukommen, den sie als reichlich armseliges Würstchen präsentiert. Diesen Eindruck verstärkt zudem eine wenig vorteilhafte Maske, für die sich Tenöre eitleren Kalibers gewiss bedanken dürften. Niclas Oettermann, für einen ursprünglich vorgesehen Kollegen eingesprungen, wollte hier u. U. die ohnehin angespannte Situation nicht unnötig forcieren und fügte sich in das Unvermeidliche. Die gesanglich enormen Ansprüche des Parts (erstaunlich, wie der eher lyrisch veranlagte Richard Tauber diese Aufgabe dem Vernehmen nach so überaus glanzvoll bewältigte!) fordern Oettermann den geballten Einsatz seines derzeitigen Leistungsvermögens ab. Glücklicherweise gelingen ihm dabei auch differenzierte Passagen mit schönen Pianoschattierungen. Ihm in dieser Beziehung durchaus ebenbürtig, von Regie, Kostüm und Maske eindeutig bevorzugt, gab Marion Ammann eine Marietta, an deren gleißnerischen Verführungskünsten nicht der geringste Zweifel aufkam. Im Piano von wundersamer Delikatesse, beim Forte fest im Sattel, befremdete an dieser Künstlerin allerdings eine Mittellage, die sich gelegentlich fahl und unattraktiv ausnahm. Sie und ihr Partner müssten sich außerdem einer besseren Textverständlichkeit befleißigen, die keinesfalls nur von dem gelegentlich in der Hitze des Gefechtes aufbrausenden Orchester getrübt wurde. Immerhin ließ Frank Beermann am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie keinen Zweifel daran, dass ihm dieser Korngold am Herzen liegt, er die exquisite Partitur mit all ihren Reizen in das ihr gebührende Licht rücken möchte. Dies gelang ihm, abgesehen von zwei leicht zu überhörenden geringfügigen Patzern, in beispielgebendem Maße. Den Chemnitzer Philharmonikern ist somit ein großer Tag zu attestieren, meisterten sie doch die Komödiantenszenen mit imponierender Transparenz, kosteten Lyrisches mit berührender Intimität aus und erwiesen sich als begeisternde Sachwalter des von Korngold vor allem während der Prozession geforderten pompösen Klangrauschs. Die Chöre hatte Simon Zimmermann verlässlich unterwiesen.

 Tiina Penttinen arbeitete genau den Konflikt zwischen den moralischen Vorbehalten und der Anhänglichkeit der Haushälterin Brigitta heraus, und die gesanglich reifste Leistung steuerte Klaus Kuttler (Frank/Pierrot) bei, ein in sämtlichen Registern gleichermaßen beheimateter Bariton, dessen balsamischem Vortrag zu lauschen, die reinste Wonne bedeutete. Beim Auftritt der Komödianten ergänzten die spielfreudigen  Carolin Schumann, Guibee Yang, Edward Randall und André Riemer.

Joachim Weise

 

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