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CHEMNITZ: DIE SCHWEIGSAME FRAU

23.05.2012 | KRITIKEN, Oper

Chemnitz: „DIE SCHWEIGSAME FRAU“ – 6. 5.2012

„Wie schön ist doch die Musik“ – und dies zumal, wenn sie so inspiriert und klangschön dargeboten wird wie von der Chemnitzer Robert-Schumann-Philharmonie, die unter der Leitung von FRANK BEERMANN dem altersweisen Richard Strauss nicht das Geringste schuldig blieb. Da breiteten die Streicher den von Herzenswärme kündenden, überzuckertes Sentiment meidenden Passagen einen fein gewobenen Teppich aus, schwelgten Holz und Blech während der prächtigen Buffa-Ensembles in sprühender Spielfreude, sorgte der Dirigent bei Bedarf für ein den Atem verschlagendes, jedoch niemals gehetzt anmutendes Tempo. Bei all dem vergaß man gern, dass die Melodik dieser schweigsamen Dame, wie einmal von Ernst Krause treffend formuliert, eher einem „Strauss zweiter Hand“ gleichkommt. Muss allein schon diese orchestrale Leistung als fulminant gewürdigt werden, bot die Aufführung darüber hinaus noch ein weiteres Ereignis – nämlich das einer allen Modernisierungsunarten heutigen Regiegewerbes abholden Inszenierung von GERD HEINZ. Walter Felsenstein, der dem von den Nazis kurz nach der Uraufführung mit einem Verdikt bedachten Opus 1954 an der von ihm geleiteten Komischen Oper endlich die bis dato noch ausstehenden Berliner Weihen angedeihen ließ, wäre von dieser Arbeitsweise ohne Zweifel entzückt gewesen.

Bei Gerd Heinz spielt sich das Geschehen, wie vorgegeben, im London des Jahres 1785 ab. Das bis ins Detail genaue und preisverdächtig einfallsreiche Bühnenbild hatte RUDOLF RISCHER entworfen und damit den Akteuren einen im wahrsten Sinne des Wortes zu nutzenden Spielraum geboten, mit dem die historisch getreu nachempfundenen Kostüme KERSTEN PAULSENs wunderbar korrespondierten. Die Regie und das bestens aufgelegte Ensemble bekennen sich unumwunden zum Buffa-Charakter der Oper, verfallen aber glücklicherweise nicht dem häufig anzutreffenden Irrtum, dem mit billigem, plumpen Mätzchen frönenden Klamauk entsprechen zu wollen. Weil der Regisseur weiß, dass wahrer Komik meistens eine tragische Komponente innewohnt, vermeidet er jede Übertreibung, wahrt die humanistische Aussage der „Schweigsamen Frau“, die in dem poltrigen Morosus eben keinen Operettentrottel, sondern einen vom Leben gezeichneten, innerlich gutmütigen alten Mann sieht, und die Aminta nicht als leichtfertiges Persönchen denunziert, das mit Wonne einen unterlegenen Partner drangsaliert. Auch Henrys Operntruppe schwört jeglichem Schmierenkomödiantentum ab, brilliert dafür mit fein gezeichneten Typen, wobei GUIBEE YANG und TIINA PENTTINEN von dem ihnen zugestandenen Witz weidlich profitieren und sich die Herren KOUTA RÄSÄNEN, MATTHIAS WINTER und MARTIN GÄBLER gleichfalls in ein günstiges Bild setzen.

Für die Titelpartie war die in Chemnitz bestens bekannte und bewährte JULIA BAUER gewonnen worden, die sich an den Koloraturen der Aminta köstlich delektierte und ganz im Sinne der Aufgabe bei dem bösen Spiel mit dem ihr Angetrauten durchaus schrillerer Töne bediente. Doch selbst dabei schimmerte immer durch, wie sehr sie eigentlich innerlich vor solch argen Attacken zurückschreckt. Den Morosus gab FRANZ HAWLATA, unter den prominenten Bassbaritonen deutscher Zunge nicht der stimmprächtigste, da nimmt sich manches noch etwas ungeschliffen aus, auch wird das tiefe Des eher vorsichtig anvisiert. Aber vielleicht lässt all dies ihn geradezu prädestiniert für den brummigen Seebären erscheinen, den er mit dezenten Mitteln berührend charakterisiert und dessen „Läuterung“dem Sänger überzeugend glückt. Der Henry bereitete dem im lyrischen Fach versierten BERNHARD BERCHTOLD keinerlei Schwierigkeiten, wenngleich ein zusätzliches Quäntchen an tenoralem Schmelz diesen günstigen Eindruck noch vertiefen würde. Einen rechten Luftikus von Barbier, der aus Sevilla nach London geeilt sein könnte, stellte ANDREAS KINDSCHUH auf die Bretter. MONIKA STRAUBEs Haushälterin fügte sich ohne Abstriche in das Geschehen ein.

Ein Wermutstropfen trübt freilich diesen Freudenbecher. Die Inszenierung wird nicht in die neue Spielzeit übernommen. Und das ist im Hinblick auf ihre außerordentliche Qualität jammerschade.

Joachim Weise

 

 

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