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CHEMNITZ: DER MOND von Carl Orff

16.06.2014 | KRITIKEN, Oper

Chemnitz: „DER MOND“ – 15. 6. 2014

 Während man allerorten Orffs „Kleinem Welttheater“ immer seltener begegnet, hat sich die Chemnitzer Oper nunmehr zur hiesigen Erstaufführung entschlossen, wobei man darauf verzichtete, das Bindeglied zwischen den „Carmina burana“ und der „Klugen“ mit einem weiteren Werk zu koppeln. Um dennoch eine rund anderthalbstündige Aufführungsdauer zu gewährleisten und gewiss noch aus anderen Gründen, steuerte Regisseur Holger Pototzki eine Rahmenhandlung bei (ein Mann erzählt seinem Sohn eine Gute-Nacht-Geschichte, das träumende Kind findet sich samt Vater und der verstorbenen Mutter im eigentlichen Operngeschehen wieder). Das hat durchaus seinen Reiz, zumal der Junge von Jonathan Kindschuh anrührend natürlich gespielt wird.

 Jens Büttners Bühnenbild deutet im Kinderzimmer die kleine, in der diesen Raum umrahmenden Bühne die große Welt an. Und wenn sich hinter einem Tor dieser Welt schließlich das Totenreich öffnet, werden wir der Vergänglichkeit allen Seins gewahr. Die von Lena Brexendorff entworfenen Kostüme vermeiden eine konkrete zeitliche Ansiedlung, verblüffen mit ihren teils phantasievoll überdrehten Details, dürften es andererseits jedoch den jüngeren Besuchern der Vorstellung erschweren, sich in dieser überbordenden Vielfalt (trotz Teddy- und Plüschhundzitaten) zurechtzufinden, einzelne Personen (wie Wirt oder Bauer) eindeutig als solche zu identifizieren. Das könnte mitunter sogar einem reiferen Publikum schwerfallen.

 Nichtsdestotrotz kam allen Mitwirkenden die Teilnahme an dieser Produktion einer fabelhaften Gaudi gleich, so auch den Damen und Herren des Chores (zuzüglich Kinder- und Jugendchor der Chemnitzer Oper) in der auf den Punkt gebrachten Einstudierung Simon Zimmermanns. Da ging es mit ungebremstem Spaß an der Freud‘ zur Sache. Als die vier Burschen kamen, neben Andreas Kindschuh, langgediente Ensemblemitglieder zu einem ausgiebigeren Einsatz. Und alle drei (Edward Randall, Thomas Mäthger, Matthias Winter) nahmen die Herausforderung an und stellten umwerfend komödiantisch unter Beweis, dass sie noch längst nicht zum alten Eisen gehören. Einen schön geführten Tenor setzte André Riemer als sorgender und besorgter Vater ein. Kouta Räsänen gab, auf seinen sonoren Bass und dezente Komik bauend, den eher einem Forschungsreisenden ähnelnden Petrus, einen weisen Weltenbummler und -lenker, der, zunächst dem Trubel der außer Rand und Band einhertollenden Toten und dem Alkohol verfallend, schließlich für Ordnung sorgt und den Mond dorthin versetzt, wo er letztlich hingehört. Vom hiesigen Figurentheater hatte Gerlinde Tschersich den hinzugefügten Part der Mutter übernommen und führte darüber hinaus die von Atif Hussein entworfene Vater-Puppe.

 Und schließlich wartete die Robert-Schumann-Philharmonie mit höchst Erfreulichem auf. An ihrer Spitze zeigte sich Arnaud Arbet, dem leider nur eine Spielzeit in Chemnitz vergönnt war, den vertrackten rhythmischen Anforderungen der Orffschen Partitur in jeder Beziehung gewachsen. Da wurde rasant und sängerfreundlich musiziert, ohne die vom Komponisten vorgesehenen feineren Schattierungen zu vernachlässigen. Insgesamt kamen die Erwachsenen zweifelsohne auf ihre Kosten; beim Nachwuchs wäre ich mir da nicht ganz so sicher, ein Umstand, der mich in Bezug auf Holger Pototzki, der so oft für Kinder inszeniert und schreibt, denn doch verwundert.

 

 

 

                                                                                                                      Joachim Weise

 

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