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CD: WINTERREISE

27.02.2012 | cd

Franz Schubert: „Winterreise“
Ferruccio Furlanetto / Igor Tchetuev
Prestige Classics Vienna

Wir kennen und schätzen Ferruccio Furlanetto als den großen italienischen Bass unserer Zeit, dankenswerterweise ständiger Gast an der Wiener Staatsoper, als König Philipp und Guardian, als Fiesco und Mustafa, um nur die zuletzt gesungenen Rollen zu nennen. Und – nicht zu vergessen, als Boris und als Gremin. Ein Italiener, der perfekt Russisch singt, das ist nicht die Regel. Und nun erweist er sich als ein Italiener, der perfekt Deutsch singt: Kompliment. Tatsächlich überragt das, was er an Wortdeutlichkeit für Schuberts „Winterreise“ mitbringt, manchen „Muttersprachler“. Aber nicht nur die Aussprache nimmt für den Italiener in seiner Funktion als Liedsänger ein.

Furlanetto hat, wie man weiß, eine wunderschöne Bassstimme, die bei all ihrem dunklen Timbre und ihrer sonoren Fülle dennoch schlank und nie „fettig“ wirkt. Das ist für Liedgesang eine unabdingbare Vorgabe, anders kann man keine musikalischen Feinheiten ziselieren.

Manche Interpreten finden, die „Schöne Müllerin“ sei vielleicht noch trauriger als die „Winterreise“, aber gehen wir davon aus, dass es wohl kaum einen Liederzyklus gibt, der stimmungsmäßig düsterer schattiert ist. Das ist eine Aufgabe für den begleitenden Pianisten (sehr sensibel und auf den Sänger hörend: Igor Tchetuev, mit dem Furlanetto ja schon Lieder von Sergei Rachmaninov und Modest Mussorgsky aufgenommen hat), aber auch für die Stimmfärbung des Interpreten. Furlanetto lässt hören, dass er hier nicht automatisch Noten gelernt hat, sondern dass er genau weiß, was er singt.

Bei den schroffen, tragischen Stellen wird auch die Stimme trocken, hart und kalt, seine heißen Tränen machen ihn schier atemlos. Im „Lindenbaum“ schwingt eine Besinnlichkeit, die nicht zur Sentimentalität wird, und wenn er von Vogelgeschrei träumt, kann er die Stimme ganz leicht machen – um abrupt auf die Düsternis der Raben umzusteigen… Nur der „Leierkastenmann“ des Endes wird anders interpretiert als sonst oft: Das ist, auch vom Pianisten her, nicht die existenzielle Studie der Verlorenheit, nicht der totale Abgesang. Das will nicht in Pessimismus und Nihilismus ausklingen, fast lebensbejahend scheint er hier zu trotzen – und das ist sicher Absicht.

Furlanetto hat sich mit dieser zweifellos ultimativen Herausforderung des Liedgesangs auf Anhieb in die vorderste Reihe der großen Interpreten gesungen. Die CD ist ein wunderbares Erlebnis, das weit über die Stimmschönheit (die man wahrlich nicht gering schätzen will!) hinausgeht.

Renate Wagner

 

 

 

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