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CATANIA/ Teatro Verga: ORESTEA

06.01.2016 | Theater

CATANIA/ Teatro Verga : ORESTEA
am 3.und 4.1.2016

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Agamemnon auf dem Weg zum Geschlachtetwerden. Copyright: produzione teatro stabile di napoli

Die Orestie ist die einzig uns erhalten gebliebene griechische Tragödien-Trilogie. Trotz ihrer
Bedeutung wird sie nur ganz selten in ihrer Gesamtheit gespielt. Nach den legendären
Produktionen von Peter Stein und Luca Ronconi hat sich jetzt auch Luca de Fusco, Direktor des Teatro Mercadante in Neapel, in Zusammenarbeit mit dem Teatro Stabile di Catania, an diese Mammutaufgabe gewagt.

Um es gleich vorwegzunehmen: der erste Teil, Agamemnon, ist ein absolutes Meisterwerk. Hier stimmt einfach alles. Maurizio Balò hat die Bühne mit schwarzem Lavasand bedeckt, aus dem sich langsam, wie bei einer archäologischen Ausgrabung, Figuren und Requisiten herauslösen. Und Zaira de Vincentiis hat die Darsteller in raffinierte, elegante, nahezu ausschließlich in Schwarz-und Grautönen gehaltene, gleichzeitig archaisierende und dennoch modern anmutende Kostüme gekleidet.

Das Ensemble ist hochkarätig und erstklassig und besteht aus lauter in Italien berühmten und
beliebten Stars: allen voran aus Elisabetta Pozzi (Klytämnestra), Mariano Rigillo(Agamemnon), Paolo Serra (Ägist) und Gaia Aprea (Cassandra).

Ein weiterer, für den Erfolg der Inszenierung möglicherweise entscheidender Star ist jedoch die neue Übersetzung der venezianischen Philologin Monica Centanni. Obwohl man das Stück nun wahrlich schon ein paar Mal gesehen hat, vermeint man, den Text noch nie so genau in allen seinen Nuancen, seinen Feinheiten, seinen dialektischen Spitzfindigkeiten wahrgenommen zu haben. Nietzsche schreibt ja, dass die Griechen ins Theater gingen, um schön reden zu hören.
Diesem Vergnügen kann man an diesem Abend ausgiebig frönen, angereichert von den sich an die wenigen überlieferten Fragmente antiker Musik orientierenden Kompositionen Ran Bagnos und den Choreographien Noa Wertheims. De Fuscos Regie ist zurückhaltend, aber präzise und genau, was Gestik und Bewegungen betrifft. Alles in allem also eine emotional aufwühlende,intellektuell anregende, ästhetisch beglückende, runde, in sich geschlossene, beeindruckende Sache.

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Ägist und Klytämnestra feiern ihren Mord. Copyright: produzione teatro stabile di napoli

Weniger glücklich wurde man mit den beiden anderen Teilen, den Choephoren und den
Eumeniden.
Zuerst einmal machten sich hier die drastischen Kürzungen doch sehr sinnstörend bemerkbar. Zweitens traten dabei leider auch, seltsamerweise gerade bei den jüngeren Darstellern, die im italienischen Theater so endemischen Tendenzen zu Dauerpathos und Sprech“gesang“ (die bei Agamemnon überhaupt nicht bemerkbar waren) wieder zu Tage. Die Regie erlag den technologischen Versuchungen von Video- Projektionen etc. und mutierte dadurch eher zum Design, und Musik und Tanz wirkten plötzlich arg kunstgewerblich. Besonders lächerlich die Erinnyen, vor denen sich wohl nicht einmal ein Kleinkind bei einem Krampuskränzchen gefürchtet hätte.
Immerhin glänzten aber Federica Sandrini (Elektra), Anna Teresa Rossini (Pythia) und die furchteinflössende Erste Choephore bzw. Erste Erinnye der Angela Pagano.

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Athene, die“Außerirdische“ rettet Orest. Copyright: produzione teatro stabile di napoli

Die Trilogie wird in den nächsten Monaten auch noch in Rom, Florenz und Genua gezeigt werden, und ein Besuch ist, vor allem wegen des atemberaubenden ersten Teils, unbedingt anzuraten.

Robert Quitta, Catania

 

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