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CARNUNTUM/ NÖ/ Gastspiel „Globe Theatre London“: HAMLET – Premiere

11.08.2012 | KRITIKEN, Theater

CARNUNTUM: The Globe Theatre gastiert mit HAMLET, Première (Georg Freund) am 10.8.2012

Die von hohen Pappeln umstandene Ruine des Amphitheaters in Carnuntum ist ein fast magischer Ort. Wo einst Tierhetzen und Gladiatorenkämpfe stattfanden, gastierte nun das Londoner Globe Theatre , das sich in den lediglich 15 Jahren seines Bestandes bereits großes internationales Renommé erwerben konnte , und zwar mit vollem Recht, denn nie habe ich noch eine von Vitalität geradezu strotzende, pralle Aufführung von Shakespeares Hamlet erlebt. Dabei waren die eingesetzten Mittel durchaus minimalistisch: Ein an elisabethanischen Vorbildern angelehntes Brettergerüst und lediglich 8 Darsteller für die zahlreichen Rollen des Stückes, sehr einfache Beleuchtung und Umbauten meist auf offener Bühne durch die Schauspieler selbst. So ähnlich muss wohl die Aufführung einer wandernden Schauspielertruppe der Tudor-Zeit gewirkt haben.

Die nur angedeutete Ausstattung und die schlichten, zeitlosen, nur geringfügig an der Mode des beginnenden 17. Jahrhunderts orientierten Kostüme erlaubten es, das gewaltige Stück ohne unnötige Ablenkung zu genießen Der Text wurde außerordentlich geschickt für einen dreistündigen Theaterabend gekürzt: Alle bekannten und vom Publikum erwarteten Stellen waren darin enthalten, sogar die bei uns meist gestrichene Rolle des Fortinbras, und dazu noch bereicherndes Material aus der ersten Quart-Ausgabe von Hamlet.

In dieser hauptsächlich auf das Wort abgestellten Inszenierung triumphierte die grandiose Sprechkultur der Schauspieler, die selbstverständlich ohne den Klang verfälschende, scheppernde Mikrophone auftraten und die allesamt über kräftige, tragende, bestens geschulte und mit einer einzigen Ausnahme auch besonders wohllautende Stimmen verfügten. Man konnte das Stück daher auch als gigantische Wortoper genießen und musste nicht wie im Burgtheater Rezitationen anhören, die man noch vor einigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte: Als bloße Prosa gesprochene Verse, vernuschelte Silben, penetranter norddeutschen Dialekt, unangenehme S-Fehler wie etwa bei der im Übermaß eingesetzten Katharina Lorenz, sprachliche Mängel wie bei Maertens, dem Favoriten des derzeitigen Burgtheater-Direktors, die einen Besuch beim Logopäden ratsam erscheinen ließen – die gastierenden Briten kennen derartige Unzulänglichkeiten nicht.

In der Titelrolle brillierte der an der Royal Academy of Dramatic Art ausgebildete Michael Benz, der als Rächer seines ermordeten Vaters alle Emotionen durchlaufen konnte: Er brachte den beißenden Sarkasmus Hamlets, seine Gewalttätigkeit, seine Verzweiflung an der menschlichen Natur ebenso glaubhaft zum Ausdruck wie die gefühlvolle Seite der Figur. Benz richtete seine großen Monologe direkt an die Zuhörer, von denen er sich für seine rhetorischen Fragen bisweilen sogar einen einzigen in Visier nahm, und stellte dadurch unmittelbaren Kontakt her. Eine mitreißende, vom Publikum heftig akklamierte und bejubelte Leistung des blutjungen Künstlers, an den sich mancher wohl noch als Hauptdarsteller in einer Verfilmung von Little Lord Fauntleroy erinnert. Von Michael Benz wird man wohl noch einiges hören , wobei es seiner Karriere sicherlich nicht schadet, dass er mit blonden Haaren und blauen Augen aussieht wie ein Cherub und nicht wie der üblicherweise als Hamlet präsentierte melancholische Finsterling, der meistens so alt ist wie seine Bühnenmutter Getrud.

Besonders herausgreifen möchte ich Dickon Tyrell als König Claudius, als Geist von Hamlets Vater und als Erster Schauspieler. Virtuos differenzierte der Künstler die verschiedenen Charaktere: Beispielsweise habe ich noch nie einen so überzeugenden Geist mit unheimlicher Ausstrahlung gesehen und das ohne Unterstützung durch ein elaboriertes Kostüm oder gruselige Beleuchtung. Ebenso hinreißend Tyrells Claudius , der seine Verbrechen hinter Bonhomie versteckt und als Höhepunkt seiner Darstellungskunst das berühmte , die Mordtat enthüllende Spiel im Spiel, bei dem Tyrell sowohl als Zuschauer wie auch als Akteur auftrat. Miranda Foster als Gertrud ist eine attraktive Frau, auf die Hamlets Ausspruch „fraitly thy name is woman“ besser passte als für eine Heroine, wie sie als Königinmutter oft eingesetzt wird.

Alle anderen Darsteller, vor allem den wahrhaft köstlichen Polonius des Christopher Saul, will ich mit hohem Pauschallob bedenken, auch für ihre Künste als Tänzer, Sänger und Instrumentalisten.

Mein einziger Vorbehalt gilt Carlyss Peer als Ophelia: Sie wirkte allzu gesund und vital und machte somit das Gleiten in den Wahnsinn und den Selbstmord nicht ganz glaubhaft. Sie hat auch eine etwas raue Stimme, die nicht ganz zur Stimm-Euphonie aller übrigen Darsteller passte. Als Tänzerin gefiel sie mir besser: Sie führte dabei brillant die Armbewegungen aus, die im Ballett Giselle den beginnenden Wahnsinn des unglücklichen Bauernmädchens symbolisieren. Ein köstliches Zitat aus einer anderen Kunstform !

Lob und Dank gebühren den zuständigen Autoritäten des Landes Niederösterreich, die seit einigen Jahren regelmäßige Gastspiele des Globe Theatre ermöglichen. Ach, früher konnte man immer wieder die führenden Theater des Auslandes bei Gastspielen im Burgtheater erleben. Das gibt es heute nicht mehr. Man denkt an der Burg eben nicht mehr kosmopolitisch, sondern provinzieller und bornierter als in vergangenen Zeiten, obwohl gerade unsere erste Bühne unendlich viel vom Globe Theatre lernen könnte. Die Londoner wurden jedenfalls in Carnuntum trotz der späten Stunde ausgiebig bejubelt.

Dr. Georg Freund

 

 

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