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CARMEN – OBRAZSTOVA und ATLANTOV im atemberaubenden Duell

11.07.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

4600317115167 Georges Bizet: CARMEN – OBRAZSTOVA und ATLANTOV im atemberaubenden Duell der weißen sibirischen Tiger – Melodiya 3 CDs

Dieser Live- Mitschnitt aus dem Bolshoi Theater Moskau aus den siebziger Jahren lässt wohl das Herz (fast) jedes Melomanen höher schlagen. Carmen in russischer Sprache mit den wohl prominentesten und auch international fulminant erfolgreichen Gesangsstars Elena Obrastzova und Vladimir Atlantow.  Vergessen Sie jede (französische) Stilfrage, jede Tiefenpsychologie der Personen und tauchen Sie ein in das Mysterium und die Urgewalt von Stimmen, so mächtig faszinierend und unfasslich wie dieses Russland von Moskau bis nach Kamtschatka. Zu dem Duo gesellt sich noch der junge Jury Mazurok als Escamillo. Mangels präziser Zeitangaben auf dem Cover glauben wir der Zeitangabe auf der Webseite von Gramola, wonach die Aufnahme ein Jahr vor der unvergesslichen Premiere in Wien unter Carlos Kleiber mit einer ähnlichen Besetzung (den Don José sang damals Placido Domingo) 1977 entstanden ist.

Wer damals bei der Premiere in Wien 1978 dabei war, kann sich sicher an diese Carmen abseits jeder Klischees erinnern. Elena Obrazstova verkörperte nicht die übliche hüftschwingende zigarettenrauchende Karikatur einer Fabriksarbeiterin, sondern eine Frau mit Charakter, Eigensinn und dominanter erotischer Kraft. Alle Gefahr der Figur ergab sich aus einer (statischen) archaischen Größe (ihr Blick und Wink mit dem kleinen Finger sind genug an Aktion allemal beeindruckender als jedes Herumgeturne) und einer rein aus stimmlichen Mitteln schöpfenden Dramatik und inneren Wahrheit. Der José dieser Bolshoi Theater Aufführung war Vladimir Atlantov am Zenit seiner Möglichkeiten. Sicherlich kein „Waserl“  (zu Deutsch: Schlappschwanz) und bemitleidenswerter armer Verliebter, sondern ein „Bruder“ des Otello. Seine unbedingte romantische Passion und Eifersucht sind mindestens ebenso gefährlich wie Carmens Kälte und Berechnung. Da lassen sich zwei ebenbürtige edle „Monstres sacrés“ auf das Spiel auf Leben und Tod ein, in vollem Bewusstsein des Risikos und der Ahnung, wie das Ganze ausgehen wird. Quasi im ersten Ton, den jeder der beiden singt, ist das Finale schon angelegt. Die Blumenarie berührt gerade durch dieses kurze Innehalten und der Utopie eines Augenblicks der Verinnerlichung, bevor der beide zerfleischende Kampf zwischen auswegloser Hörigkeit und dem Streben nach totaler Unabhängigkeit Carmen ins Messer laufen lässt. 

Mazurok ist als hoher Bariton ein idealer Escamillo und wesentlich besser bei Stimme als bei der Wiener Premiere 1978. Selbstverständlich kann kein Mensch erwarten, dass  musikalisch die Raffinesse von Carlos Kleiber und der Feinsinn der Wiener Philharmoniker zu toppen sind, aber der Dirigent Jury Simonov leitet eine saftige Aufführung, wo Theaterblut auch im Orchester fließt. Der Klang ist für eine Live-Aufnahme dieser Zeit herausragend, direkt, die Stimmen sind hochpräsent. Die russische Sprache stört mich persönlich überhaupt nicht, ist sie doch eine der sanglichsten Sprachen überhaupt. Spätestens im Finale des vierten Aktes verstummen wahrscheinlich die letzten Kritiker, weil das, was da abgeht, nach heutigen Maßstäben jede vorstellbare Dimension sprengt. Wie sich Obrastzova und Atlantov hier mit purer Stimmmacht duellieren und aufeinander losgehen, kann niemanden kalt lassen.  Das muss man so (stilistisch) nicht mögen, wer aber große Stimmen und kosmische Urgewalten an vokalen Emotionen nicht scheut, wird bei dieser Aufnahme voll auf seine Kosten kommen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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