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CAMPI FLEGREI (Phlegäische Felder nahe Neapel): EFESTOVAL

15.09.2015 | Allgemein, Theater

CAMPI FLEGREI: EFESTOVAL vom 10.-15. September

Mimmo Borelli gilt als einer der interessantesten Theaterautoren seiner Generation.Von seinen Kollegen unterscheidet er sich durch zwei Besonderheiten: 1. schreibt er in Zwölfsilbern und 2. in der Sprache der Campi Flegrei, einem Dialekt, der sich selbst von dem des benachbarten Neapel erheblich unterscheidet.

Die Campi Flegrei (Phlegäischen Felder) sind bekanntlich jene ausgedehnte Gegend westlich von Neapel, die durch eine Reihe hauptsächlich unterirdischer Vulkane ein noch höheres Eruptionsrisiko aufweist als der Vesuv.

Zu Zeiten der Römer eine beliebte Sommerfrische von Kaisern und aristokratischen Familien, leidet sie heute sichtlich an der Camorra und den damit verbundenen Kollateralschäden.

Mimmo Borelli stammt von hier, und um seiner Heimat etwas Gutes zu tun, ja, um sie möglicherweise sogar „zu heilen“, hat er beschlossen, daselbst ein Festival zu gründen, dessenerste Ausgabe soeben stattgefunden hat. Es nennt sich EFESTOVAL, sinnreich benannt nach dem griechischen Gott des Feuers, Hephaistos(italienisch: Efesto), der ja wie man weiß unter einem Vulkan gehaust hat.

Was das neue, mit nahezu null Geldmitteln auf die Beine gestellte Festival auszeichnet, sind die abwechslungsreichen, suggestiven, über die ganzen Felder verteilten Spielorte und die intelligente, auf diese Orte konkret Bezug nehmende Dramaturgie.

Den Anfang machte Borelli selbst im Park der erst vor kurzem der Öffentlichkeit nach Jahrzehnten wieder zugänglich gemachten Villa Cerillo in Bacoli. Sein fulminanter Text „Napucalisse„, in dem er wortgewaltig den Vesuv anfleht, die Stadt Neapel doch endlich unter sich begraben zu wollen, war vor einigen Jahren in der Vertonung Giorgio Battistellis am Teatro San Carlo aufgeführt worden.

Hier rezitierte Borelli selbst, barfuß und mit nacktem Oberkörper, nur unterstützt durch den Multipercussionisten Antonio della Ragione.

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In der Werft. Foto: Gennaro Cimmino

Dann folgte das Theaterstück „Capotosta“ über und in der Stahlfabrik Ilva in Bagnoli. Ebenfalls in einem industriellen Ambiente, nämlich der Schiffswerft „Cantiere Navale Postiglione“ spielte „Odissea“ von Mario Perrotta. In seiner One-Man-Show versetzt er sich in die Rolle Telemacos, jenes Sohns, der ein Jahrzehnt lang gemeinsam mit seiner Mutter Penelope auf seinen Vater Odysseus wartet. Virtuos und berührend, auch dank der hervorragenden Musiker Mario Arcari und Maurizio Pellizzari.

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Am Strand. Foto: Gennaro Cimmino

Zurück zur Natur. Zu einer ungewöhnlichen Beginnzeit, nämlich um 6h früh (Sonnenaufgang!), lud Borelli zu einem poetischen Spaziergang entlang der Meeresküste von Torregaveta an. Einer der beiden seiner dabei dargestellten Texte handelt von zwei rumänischen Flüchtlingen, die ebenda vor einigen Jahren ertrunken sind. Fürchterlich aktueller und herzzerreißender den je.

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Auf See. Foto: Gennaro Cimmino

Den allerstärksten Eindruck hinterließ jedoch „N’gnanzou“ von und mit Vincenzo Pirotta. Was durchaus auch am Spielort gelegen haben mag: wir saßen nämlich in einer lauen Sommernacht alle in Booten mitten im Lago Miseno – während uns der Autor/Hauptdarsteller von der „Mattanza“ erzählte, jener legendären kollektiven Thunfischjagd an der Westküste Siziliens, die ja mittlerweile verboten wurde. Zur Magie des Orts kam jedoch Pirottas diszipliniertes, aber intensives, bis an seine physischen Grenzen gehendes Spiel dazu. „N’gnanzou“ ist übrigens keine Stadt in China, sondern der onomatopoetisch nachgebildete Schlachtruf der „tonnaroti“, mit dem sie die Thunfische in ihre „Todeskammer“ trieben. Packend und unvergesslich .

Robert Quitta, Campi Flegrei

 

 

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