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CAMILLE SAINT-SÄENS: KAMMERMUSIK – Quartetto di Cremona

24.08.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

4022143977281 CAMILLE SAINT-SÄENS: KAMMERMUSIK – Quartetto di Cremona – AUDITE SA-CD – VÖ: 2.9.

Das schönste französische Klavierquintett und Streichquartett von sechs famosen Italienern glorios interpretiert – Vive l‘Italie!

Die stilistisch von legendären Größen wie Hatto Beyerle des Alban Berg Quartetts und Piero Farulli vom Quartetto Italiano geschulte norditalienische Kammermusikformation Quartetto di Cremona nimmt sich erstmals Kompositionen von Camille Saint-Säens an. Bei Audite ist ein kompletter Streichquartettzyklus von Beethoven im Entstehen, und schon jetzt kann gesagt werden, dass er neue Maßstäbe setzt und in seiner strukturellen Klarheit, aristokratischen Eleganz, gediegenen Sanglichkeit und klanglichen Rafinesse schwer zu überbieten sein wird. Es mag expressivere und dramatischer zupackende Zugänge geben, aber keinen, der die österreichisch-italienische Tradition berückender und sinnlich-kultivierter in Töne gießt. Musikalische Architektur quasi von innen zum Leuchten gebracht. Ausdruck und kompositorische Formen gehen beim Quartetto die cremona eine ganz spezifische  Harmonie ein. Vitello di tonnato di tacchino mit einem edlen Châteauneuf-du-Pape serviert. 

Jetzt debütieren also sechs Italiener mit großartiger französischer Kammermusik, die wiederum klassizistisch von keinen Geringeren als Schubert, Mendelssohn und Schumann inspiriert ist. Das frühe Klavierquintett in A-Moll Op. 14 mit dem dritten Satz in der selten dargebotenen Form mit Kontrabass und das späte Streichquartett Nr. 1 in E-Moll, Op. 112. Andrea Lucchesini überzeugt am Klavier, Andrea Lumachi spielt den Kontrabass. Von Saint-Säens sind neben seinem Carnaval des Animaux und der Danse macabre vor allem seine Oper Samson et Dalila, die Sinfonien, Klavierkonzerte und vielleicht noch Klaviertrios bekannt. Saint-Saens, der selbst ein begnadeter Pianist war und mit zehn Jahren in der Salle Pleyel schon Beethovens C-Moll Konzert spielte, hat sein Klavierquintett der damaligen Mode entsprechend als konzertantes Stück technisch höchst anspruchsvoll konzipiert. Die Musiker fordern sich gegenseitig, entgegnen, tauschen die Rollen, drängen und lösen sich voneinander, singen ihre Lieder ohne Worte, ohne auf Proportionen zu vergessen. Das Besondere am Quartetto die Cremona ist aber der Sinn für die aus jeder Form, jedem Kontrapunkt und romantischem Gestus destillierten spezifischen Valeurs, die sie mit ihren edlen Instrumenten von Guadagnini (Cristiano Gualco, Violine I), Testore (Paolo Andreoli, Violine II), Torazzi (Simone Gramaglia Viola) und Amati (Guiovanni Scaglione Violincello) in den Raum zaubern. Wie bei einem guten Kriminalroman stoppe ich hier, um nicht noch mehr vom großen Geheimnis, das sich wohl nur beim Anhören ganz erschließt, zu verraten.

Das Streichquartett Nr. 1, auf Wunsch des belgischen Geigers Eugène Ysaÿe geschrieben, konzentriert einen Gutteil des musikalischen Gefüges auf die Oberstimme. Auffallend sind von Beginn an der lyrische, wenig virtuose Grundduktus, die komplexe Verarbeitung der Motive und die mutig aufschwingende Harmonik. Melancholischeren Momenten stellt Saint-Säens dichtere sangliche Träumerein und dazu kontrastierend auch energetische Entladungen zur Seite. Saint-Säens verzichtete hier erstmals in der Kammermusik auf das Klavier. Der langsame Satz kann es mit den schönsten seiner Art aufnehmen und weist in seiner Kühnheit schon auf Gustav Mahler voraus. Das Quartetto di Cremona ist auf der Höhe seiner Kunst und vermag für dieses wenig bekannte Juwel der Streichquartettliteratur spontan einzunehmen. Mehr davon in unseren Konzertsälen wäre eine gute Sache. Da braucht nicht – wie anlässlich der Besprechung der szenisch missratenen Oper Faust bei den diesjährigen Salzburger Festspielen – darüber sinniert werden, ob die (als süffig bezeichnete) Komposition des frz. Komponisten per se ihren Anteil am erlebten Unbehagen trägt. Weg mit den Vorurteilen frz. Musik gegenüber. Auch dafür legt die vorliegende Neueinspielung beredtes Zeugnis. Saint-Säens ist ein Meister mit untrüglichem Formsinn und erfährt durch die Interpreten die ihm gebührende Wertigkeit. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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