Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Burgruine Aggstein: JULIA UND ROMEO von Nicola Vaccai

08.09.2018 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Das Ensemble

BURGRUINE AGGSTEIN/Rittersaal

„JULIA UND ROMEO“ (GIULIETTA E ROMEO) von Nicola Vaccai
8. September 2018             Von Manfred A. Schmid             Fotos (C) Nehmet Emir


Das berühmteste Liebespaar der Opernliteratur einmal anders

 

Gesangsschüler kennen seine „metodo practico di canto italiano“ (Praktische Schule des italienischen Gesangs) noch heute; die Übungen sind für sie so tonangebend wie einst Karl Czernys Etüden für heranwachsende Pianisten. Dass deren Verfasser, der Sänger und Gesangslehrer Nicola Vaccai, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Publikumsgunst als der führende Opernkomponist des italienischen Belcanto galt, ist durch den Umstand, dass er in der weiteren Rezeptionsgeschichte durch den Glanz Vincenzo Bellinis weit überstrahlt wurde, inzwischen ebenso der Vergessenheit anheimgefallen wie sein musikdramatisches Schaffen. Erst in letzter Zeit ist man wieder auf ihn aufmerksam geworden. So gibt es etwa Einspielungen seiner Arie „Ah! se tu dormi“ von Marilyn Horne und Elina Garanca, und auf youtube kann man eine Live-Aufzeichnung der gesamten Oper aus einer Mailänder Produktion erleben.

In Österreich ist es das Verdienst der stets um Raritäten abseits der herkömmlichen Repertoires bemühten Sommeroper Amthof in Feldkirchen/Kärnten, den Komponisten Vaccai auf die Bühne zu bringen – mit seinem seinerzeit berühmtesten Werk, der Oper Giulietta e Romeo respektive Julia und Romeo, denn bei dieser Wiederentdeckung wird auf Deutsch gesungen. Die Umstellung der Namen im Titel verweist darauf, dass für das Libretto nicht Shakespeares Liebestragödie als Vorlage diente, sondern die bereits 1530 entstandene Novelle „Neu geschriebene Geschichte von zwei noblen Liebenden“, derer sich wohl auch Shakespeare bedient hatte. Vaccais Oper weicht in einigen zentralen Aspekten vom gewohnten Handlungsverlauf ab. Besonders der packende Dritte Akt in der Gruft der Capuletti, mit dem atemberaubenden Geschehen rund um das fehlgeschlagene und mit dem Tod der beiden Liebenden endende Täuschungsmanöver Lorenzos (hier ein Onkel der Braut und nicht ein Mönch) zeigt das große dramatische Gespür des Komponisten. Es wird berichtet, dass es bei der Uraufführung 1825 in Mailand Ohnmachtsfälle im Publikum gegeben haben soll, was durchaus glaubwürdig erscheint, denn so etwas gibt es nicht erst seit den Bühnenauftritten von Elvis, Beatles & Co. Schon schwerer nachvollziehbar ist, dass ab 1832 – bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein – die Schlussszene aus Bellinis heute weitaus berühmterer Oper I Capuleti ed i Montecchi häufig durch die von Vaccai ersetzt worden sein soll. Und zwar zunächst auf Wunsch der legendären Mezzosopranistin Maria Malibran, und dann in weiterer Folge auf Empfehlung keines geringeren als Gioacchino Rossini. Daraus ersieht man wieder einmal, wie wichtig die Radikalkur war, mit der Gustav Mahler zur Jahrhundertwende diese und anderen Unsitten aus dem Opernalltag verbannt hatte.

Heutigen Ohrgewohnheiten kommt Vaccais Musik jedenfalls sehr entgegen. „Kurzweilig, unterhaltend und nützlich“ wollte er nach eigenen Worten schon in seinen berühmten Gesangsübungen sein, das gilt umso mehr für sein Opernschaffen. Melodienreichtum, lyrische wie auch dramatisch angelegte Duette und höchst effektvolle Ensembleszenen (Quintette) in den Aktschlüssen machen den Reiz der Partitur aus. Auf die bei Bellini so hervorstechenden brillant-furiosen Koloraturkaskaden verzichtet er weitgehend, so dass viele der Arien eher schlicht-innigen Liedcharakter aufweisen als imponierendem Primadonnen-Gehabe als Demonstrationsmaterial zu dienen. Da gibt es Anklänge an neapolitanisches Liedgut, und manchmal möchte man sogar vermeinen, ebenso unvermutete wie ungehörige und daher per se unmögliche Verwandtschaften mit der Tradition der deutschen Spieloper zu entdecken…

Die Sommeroper Amthof in Feldkirchen hatte „Julia und Romeo“ 2017 auf dem Spielplan. Während dort heuer Gian Carlo Menottis Die alte Jungfer und der Dieb (The Old Maid and the Thief) gegeben wurde – wiederum ein vernachlässigtes und lohnenswertes Werk – ging man anschließend mit der Vorjahresproduktion auf eine kleine Österreich-Tournee. Nach Steyr macht man mit Julia und Romeo nun auf der Burgruine Aggstein Station. Geboten wird – aufgrund der Beschränkung aller (finanzieller wie räumlicher) Mittel – eine ungemein berührende, minimalistische Aufführung in Kammeroper-Format. Auf ein Bühnenbild wird so gut wie verzichtet, ein paar weiße Blöcke genügen vollauf, und im Handumdrehen markieren ein heruntergelassener schwarzer Vorhang und zwei Fackeln eine Familiengruft. Alles andere steht ja ohnehin in der Partitur – und in den Gesichtern und Interaktionen der fünf ziemlich jungen Protagonisten. Der Besucher wird von nichts abgelenkt, kann sich voll auf die Handlung und die Musik konzentrieren und wird so voll in ihren Bann gezogen. Der intime Rahmen und die unmittelbare Nähe sind gewiss eine Herausforderung – sowohl für die Sängerinnen und Sänger als auch für das Publikum. Aber gern lässt man sich darauf ein, genießt alsbald die ungewohnte und einzigartige Erfahrung und merkt verwundert: Da fehlt nichts…

 

Julia IZA KOPEC und Romeo ARMIN GRAMER

Das Kraftzentrum hinter dem ganzen Unternehmen ist die Sängerin, Musikpädagogin und Musikvermittlerin Ulla Pilz, verantwortlich für Regie, Bearbeitung und die Erstellung der deutschen Fassung. Sie steht auch als Adelina auf der Bühne und verkörpert glaubwürdig deren Sorge um das Wohlergehen ihrer Tochter Julia. Diese ist mit der aus Polen stammenden und in Wien ausgebildeten Sopranistin Iza Kopec besetzt.  Sie zeigt mit ihrer innigen Gestaltung dieser Figur, die zu zarten Liebesschwüren ebenso fähig ist wie zu dramatischen Ausbrüchen, dass der Titel der Oper zu Recht den Namen der Julia an den Anfang setzt. Die reifste Leistung des Abends.

Martin Mairinger, ein heller, angenehm timbrierter Tenor, steht als unerbittlich strenger Vater Capellio auf der Bühne. Elegante Stimmführung zeichnet seinen Gesang aus, die Staatsräson steht für ihm über dem Wohlergehen seiner Tochter. Wie er in der Schlussszene, über den Leichnam seiner Julias gebeugt, seine Schuld an der Katastrophe einbekennt und verzweifelt „Tochter, Tochter“ ruft, geht unter die Haut. Von dem Sänger kann man in der Zukunft noch einiges erwarten.

 Johannes Hanel ist in den Doppelrollen sowohl als Lorenzo als auch als von Capellio als Bräutigam für Julia vorgesehener Tebaldo eingesetzt. Sein etwas rauer Bariton passt besonders gut zum Charakter des ungeliebten Kontrahenten. Das ewige Liebespaar komplettiert der Kärntner Countertenor Armin Gramer, der schon auf eine recht beachtliche Karriere verweisen kann. Als Romeo wirkt er, darstellerisch eine charismatische Bühnenerscheinung, in der Mittellage sehr sicher und überzeugend, in der Höhe allerdings ist er ziemlich gefordert. Der damit verbundene Kraftaufwand bleibt nicht ohne Folgen.

Lobend zu erwähnen ist noch die Pianistin Nana Masutani als musikalische Leiterin, die tatsächlich ein ganzes Orchester ersetzt! Insgesamt ein erfreulicher Opernabend mit einer Rarität, der man gerne wieder einmal begegnen möchte. Die nächste Gelegenheit dazu gibt es z.B. am 6. Oktober im Kulturzentrum Marchfeld in Strasshof.

Manfred A.Schmid
OnlineMERKER

 

Diese Seite drucken