Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

BUENOS AIRES: IDOMENEO

17.07.2014 | KRITIKEN, Oper

BUENOS AIRES: IDOMENEO – 15.7.2014

 Mozarts frühe Tragédie lyrique „Idomeneo“ – seine einzige in München uraufgeführte Oper  – erstaunt immer wieder wegen ihrer reifen und ergreifenden Musik.

 Dieses „Frühwerk“ des 24jährigen ist eine der schönsten Opern Mozarts – nicht wenige schätzen sie noch mehr als die viel berühmteren späteren Opern „Le Nozze di Figaro“, „Don Giovanni“ oder „Così fan tutte“.

So war auch das riesige Teatro Colón bei jeder Vorstellung fast ausverkauft. Als eine der Aufführungen während des Fußball-Weltmeisterschaft-Endspiels Argentinien gegen Deutschland stattfinden „musste“ – es gab Buhrufe aus dem Orchestergraben (!) – kamen trotzdem über 2000 Menschen in dieses vielleicht größte, sicher aber schönste Opernhaus der Welt.

Das lag wohl auch daran, dass dieses Meisterwerk in Argentinien schon lange nicht mehr zu hören war und das Publikum spürbar ergriffen wurde von der unerwartet großartigen Komposition des jungen Mozart: an vielen Stellen – den ergreifenden Arien Ilias, den verzweifelten Duetten zwischen Vater und Sohn, dem wunderbaren Liebesduett  des todgeweihten Idamante und seiner „heimlichen“ Geliebten Ilia, welches sich dann mit Idomeneo und Elettra zu einem Quartett ausweitet wie es Mozart erschütternder nie mehr geschrieben hat – und bei den aufwühlenden und anklagenden Chören des sich nach Frieden sehnenden Volkes dachte man unwillkürlich: so tief berühren weder „Figaro“ noch „Don Giovanni“ – und die verblüffenden Bravourarien der enttäuschten Elettra stehen der Königin der Nacht in nichts nach..

Das lag neben den ausgezeichneten Stimmen – Veronica Cangemi als Ilia, Richard Croft als Idomeneo, Jurgita Adamonyté als Idamante und Emma Bell als Elettra – auch an dem Dirigenten Ira Levin, der dieses noch in der Barocktradition der opera seria stehende Werk nicht – wie heute meist Mode – zu schnell und ohne Vibrato, also „barock“ spielen ließ, sondern die überraschend vielen schönen lyrischen Melodien Mozarts langsam, farbenreich und volltönend auskostete.

Das Teatro Colón ist mit seinen über 3000 Plätzen ja vielleicht zu groß für eine Oper wie „Idomeneo“ – in München wurde das Werk im Cuvillies-Theater uraufgeführt und wird heute noch in diesem kleinen Rokoko-Juwel mit nicht einmal 300 Plätzen gespielt. Aber Levin, als Principal Guest Conductor, der regelmäßig drei Opern-Neuproduktionen im Jahr leitet, gut vertraut mit dem riesigen Haus in Buenos Aires, gelingt es, mit einem weit ausklingenden und selten so farbig gehörtem Orchesterklang (Holzbläser!) einen weichen „Teppich“ für die wunderbaren, aber nicht „großen“ Stimmen einer Cangemi oder eines Croft zu flechten, der selbst die zartesten Töne bis in die hintersten Logen trägt.

Veronica Cangemi, die seit langem berühmteste argentinische Sopranistin, die als Barock-, Mozart- und  Bel Canto-Sängerin von London bis Salzburg oder Wien überall in Europa, aber nur selten in Buenos Aires zu hören ist, sang die Ilia mit berückend schönem Ton, der dank ihrer glänzenden Stimmtechnik fokussiert jedes Orchestertutti überstrahlen kann. (Im Gegensatz zur Met oder zur Bastille Oper gibt es im „altmodischen“ Colón keine unsichtbare elektrische Akustik-Verstärkung).

Auch Jurgita Adamonyté und Richard Croft haben keine „großen“ Stimmen – aber dank Levins Fähigkeit, das Orchester auch im piano füllig und noch im pianissimo „tragend“ klingen zu lassen, wurde Crofts Idomeneo auch in den leisesten Momenten zum ergreifenden Mittelpunkt dieser großen musikalischen Tragödie.

Mozarts Kunst, diese oft als zu lang empfundene opera seria mit den aufwühlenden Chören des verzweifelten Volkes durch starke Lautstärke-Kontraste zu rhythmisieren und immer wieder überraschend und abwechslungsreich Spannung zu schaffen, kommt im Colón besonders zur Geltung: die von Miguel Martínez einstudierten, sehr dramatischen Chorpartien machen in so einem großen Haus noch deutlicher, dass „Idomeneo“ auch Mozarts bedeutendste Choroper ist. Sturm, Schiffbruch, Krieg, Zorn und Rache der Götter – alles drückt der – antikische – Chor mit erschütternder Großartigkeit aus. Hier hat Mozart viel von Gluck gelernt.

Am Schluss aber überwältigt in fast jeder „Idomeneo“-Aufführung die furiose Wut der Elettra das verblüffte Publikum: Emma Bell ragte bei ihrem Colón-Debüt dank ihrer Bühnenpräsenz, Spielkunst und Stimmkraft schon von Anfang an aus dem lyrischen Ensemble heraus. Aber die wütende Schlussarie übertrifft halt alles, was Mozart – von der Giunia in „Lucio Silla“ bis zur Königin der Nacht – an „wildem“ Wahnsinn komponiert hat – und die meisten im Saal hörten das fasziniert wohl zum ersten Mal…

Der kompositorische Höhepunkt des Werkes ist aber nicht Elettras Zornesarie, sondern das ergreifende Quartett der vier verzweifelten Protagonisten nach dem Liebesduett, ein Mirakel auch in Mozarts an Wundern überreichem Werk. Merkwürdig, dass es danach fast nie Beifall gibt – oder traut sich niemand nach diesem vorweggenommenen „Requiem“ zu klatschen…?!

Der Schlussbeifall des Publikums für Emma Bells Elettra war dann allerdings erwartet heftig – aber genauso enthusiastisch beklatschte das argentinische Publikum „ihre“ – wirklich berückende – Veronica Cangemi und den großartigen Dirigenten Ira Levin, der das in letzter Zeit öfters mal schwächelnde Orchester des Colón zu herrlichem Mozartspiel animieren konnte.

Auf jeden Fall sollte dieses weltberühmte Haus bessere Regisseure engagieren als den über 80 jährigen Jorge Lavelli, der als letzte Oper im Colón zuletzt vor 15 Jahren „Pelléas et Mélisande“ inszeniert hatte und davor und danach vor allem in der französischen Provinz Oper, aber mehr noch Theater gemacht hat: sein ausdrucksloses Stehtheater in früher vielleicht mal „modernen“ Minimalkulissen sah so aus, als wäre es eine Wiedererweckung seiner „Idomeneo“-Inszenierung von 1975 im Théâtre des Champs Elysées…

 In aus herabhängenden Tüchern gebildeten Schlossgemächern und Hallen – die stoffenen Säulen schlangen sich die Sänger auch schon mal um ihre Leiber (!) – staksten die auf sich gestellten Darsteller auf und ab. Dazwischen wogte der Chor wie eine Eurythmiegruppe in wallenden Gemeinschaftsgewändern zusammengebunden durchs Bild. Aber dank so „Idomeneo“-erfahrener und ausdrucksstarker Sängerschauspieler wie Veronica Cangemi oder Richard Croft und einer so hinreißenden Selbstdarstellerin wie Emma Bell fiel das Fehlen jeglichen Regiekonzepts nicht wirklich ins Gewicht angesichts der Überwältigung von Mozarts Musik.                                                                                       

 Stephan Braunfels

 

 

Diese Seite drucken