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BUDAPEST/Zeneakadémia: KANTATE von Alessandro Scarlatti, halbszenisch, mit „Barocker Gestik“

24.10.2016 | Konzert/Liederabende

BUDAPEST/Zeneakadémia: Kantate von Alessandro Scarlatti, halbszenisch, mit „Barocker Gestik“

am 23.10. 2016 (Karl Masek)

Seit zwei Jahren ist der optisch wie akustisch prachtvolle Jugendstil-Konzertsaal der „Zeneakadémia“ (der Franz-Liszt-Akademie) nach einer umfangreichen Generalsanierung wieder für Konzerte und halbszenische Aufführungen zur Verfügung. So auch diesen Sonntag.

Im Rahmen eines Zyklus „Alte Musik“ brachte das Budapest Festival Orchester, gegründet 1983 vom Dirigenten Iván Fischer, an diesem Nachmittag geleitet von der Geigerin Midori Seiler, die Kantate „Ombre tacite e sole“ für Altstimme, Streicher und Basso Continuo von Alessandro Scarlatti aus dem Jahr 1716 zur Aufführung. Scarlatti war mit 600 Kantaten, die man ihm mit Sicherheit zuordnet, der produktivste Vielschreiber dieser Gattung.

Besonderheit war dabei, dass die belgische Spezialistin für barocken Tanz und barocke Gestik, Sigrid t‘Hooft, und die ungarische Kostümbildnerin Edit Szeke dieses Konzert sozusagen halbszenisch in einem „originalen Aufführungsstil“ bringen. Das heißt, der Soloalt wird in ein üppig barockes Kostüm mit kostbarem Stoff, reichem Faltenwurf und Kopfschmuck gekleidet und ergänzt das sängerische Gesamtkunstwerk durch feinst schattierte, abgezirkelte Gestik und Körpersprache.

Terry
Terry Wey. Foto: Karl Masek

Raunen, als der Countertenor Terry Wey feierlich-gemessen zu den ersten Adagio-Takten das Podium durchschreitet. Manche im Auditorium schienen sich zu denken: „Was geschieht da jetzt?“ Gewöhnungsbedarf war wohl bei einigen angesagt. Doch nach wenigen Augenblicken wich die anfänglich spürbare Skepsis gespannter Aufmerksamkeit. Und mit den Tönen des einleitenden Rezitativs „Ombre tacite e sole, Ecco a voi viene disperato amante…“

hatte der junge Schweiz-Amerikaner sein Publikum in Bann gezogen. Man fühlte sich tatsächlich dreihundert Jahre zurück versetzt und empfand eine mithilfe rekonstruierter Schriften recherchierte authentische Ausdrucksform dieser Zeit als völlig natürlich und überhaupt nicht „aufgesetzt“.

„Endlich wird Händel wieder wie früher gespielt!“, jubelte man sogar im Deutschen Feuilleton in der „Welt am Sonntag“, als Sigrid t‘Hooft 2009 bei den Händel-Festspielen in Karlsruhe dessen „Radamisto“ in barocker Gestik spielen ließ. Und auch Wey hat Vorerfahrung mit der berühmten Kerzenlicht-Inszenierung des Benjamin Lazar von Stefano Landis Franz-von Assisi-Oper „Il Saint Alessio“, damals in Paris dirigiert von William Christie (auf DVD überprüfbar).

Überzeugend die Rückbesinnung auf die Entstehungszeit nach vielen Modernisierungen, Neu- und Umdeutungen samt Zeitverschiebungen durch das so genannte Regietheater. Im Sinne künstlerischer Vielfalt sollte aber keine der beiden Extremrichtungen Alleinvertretungsanspruch für die „reine künstlerische Wahrheit“ anmelden…

Terry Wey setzte also die Intentionen der Barockspezialistin konzentriert bis in die Fingerspitzen, die Barockästhetik punktgenau treffend, um. Er war tatsächlich ein Gesamtkunstwerk, dieser Lyrik- und Legatoweltmeister unter den Counters. Von Sonne und Schatten, von verratener Liebe, Betrug, Grausamkeit und Verlassensangst wird da gesungen Und die Frage des „Warum?“ durchzieht die gesamte zweite Arie („Perché ingannarmi? Perché, infedel, perché cercar novello amor? Perché tradirmi ognor, perché lasciarmi?“). Nach fast zwanzig Minuten herrlichster Schwebetöne voll der Melancholie als Zugabe ein barockes Koloraturen-Feuerwerk, das Jubel auslöste.

Längst singt Terry Wey in der obersten Liga und verdient, im selben Atemzug mit den Superstars der Szene, von Philippe Jaroussky bis Valer Sabadus, von Max Emanuel Cencic bis Franco Fagioli, von Bejun Mehta bis Andreas Scholl, genannt zu werden.

Umrahmt wurde dieses Ereignis von Orchestersonaten, Concerti grossi und Konzerten für Violine bzw. zwei Celli und Orchester von Tomaso Albinoni, Baldassare Galuppi und Giovanni Benedetto Platti. Musikalische Kleinodien von Meistern des Spätbarock wurden vom fabelhaften Budapest Festival Orchester auf eine Art gespielt, wie ich es zuletzt vor etlichen Jahren (Originalklang-Ensembles hin oder her) nur von der Academy of St.Martin in the Fields und Sir Neville Marriner gehört habe. Mit samtigem Streicherton, der gewissen Gewichtigkeit in den „Grave“-Sätzen und einer gelösten Schwerelosigkeit in den „Allegro“-Teilen.  Akzentuiert, rhythmisch pointiert, aber niemals ruppig.

 Über all den drei genannten Komponisten dann aber der unvergleichliche Großmeister Antonio Vivaldi. Das Violinkonzert e-Moll, RV 278, gestaltete Midori Seiler. Die in Osaka geborene, in Salzburg ausgebildete Tochter eines Bayrisch-Japanischen Musikerehepaares (beide Pianisten) mit schier unfehlbarer Intonationsgenauigkeit, musikantischem Schwung und schwereloser Anmut. Das Konzert für zwei Celli g-Moll, RV 531, ließ durch eine bisher ungehörte dunkle Klanglichkeit im langsamen Mittelsatz aufhorchen, um im finalen Allegro durch starke Synkopierungen scheinbar Jazziges vorweg zu nehmen. Die Solocellisten des Orchesters, György Kertesz und Kousay Mahdi, waren souveräne Anwälte des venezianischen 1741 in Wien verstorbenen Genies.

Bereichernd, dieser Nachmittag in Budapest…

Karl Masek

Der Neue Merker

 

 

 

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