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BUDAPEST/Palast der Künste : TANNHÄUSER – Premiere

20.06.2012 | KRITIKEN, Oper

BUDAPEST/PALACE OF THE ARTS: TANNHÄUSER – Pr. 3.6.2012

Ein Mann zwischen zwei starken Frauen

Zu Beginn der Budapester Wagner-Tage 2012 im imposanten Palast der Künste am Ufer der Donau unterhalb des alten Stadtzentrums inszenierte der deutsche Opernregisseur Matthias Oldag „Tannhäuser“ von Richard Wagner und blieb zumindest dem zahlreich erschienen Publikum nichts schuldig. Oldag war bis vor kurzem Generalintendant der Theater & Philharmonie Thüringen in Gera/Altenburg und machte sich dort mit der „Ausgrabung“ selten gespielter Werke der jüngeren Opernliteratur einen Namen. Seine somit große Erfahrung im unkonventionellen und von traditionellen Inszenierungsstilen unbelasteten Herangehen an neue und alte Opernstoffe wurde auch in Budapest deutlich, begünstigt durch die Bedingungen der Aufführungsstätte: Der von Architekt Gábor Zoboki konzipierte MÜPA ist ein großer Konzertsaal mit exzellenter Akustik, eignet sich aber auch für szenische Operninszenierungen. Das hat bereits der „Ring“ gezeigt, der wie auch „Tannhäuser“ mit wenigen Requisiten auskommen muss. Er wurde im Rahmen der Wagner-Tage 2012 wieder aufgeführt.

Aus einer also nicht wirklichen Not machten Oldag und sein Bühnen- und Kostümbildner Thomas Gruber eine Tugend. Sie zeigen die Hin- und Hergerissenheit Tannhäusers zwischen zwei starken Frauen in einfachen, aber aussagekräftigen Bildern, welche auf die menschlichen Konflikte der Protagonisten in geschmackvoll aktuellen Kostümen fokussieren, mit wohl dosiertem Einsatz von Videos und einer exzellenten Lichtregie. Schon während der Ouvertüre sehen wir dezent laszive Video-Szenen weiblicher Erotik. Das setzt sich dann mit einladendem Räkeln der Venus auf einem großen roten Bett in einer transparenten Box fort, deren Hintergrund immer wieder für szenenbezogene Projektionen verwendet wird – Wald für die Wartburg-Welt und roter Schein sowie Neon-Rotlicht für die Venus-Sphäre. Tannhäuser ist offensichtlich ihrer unzweifelhaften Reize überdrüssig. Ein nicht unbedingt notwendiger Kameramann an der Seite hält fast alles in Bildern fest, die auf die Vorderfront der Box projiziert werden. Ähnlich einem frisch eingelieferten Tier im Zoo versucht der „kühne Sänger“ wie besessen, an irgendeiner Stelle aus der Box herauszukommen. Das gelingt freilich erst, als der Name Elisabeth gefallen ist und Venus daraufhin selbst die Vorhänge herunter reißt. Das hatte etwas von Ingmar Bergmanns „Szenen einer Ehe“. Nur Wolfram, der vor Schluss des 1. Akts noch einmal in die Box zurück kehrt und das ominöse Bett etwas näher betrachtet, erkennt, wo Heinrich so lange geweilt hat. Dieser neue Budapester „Tannhäuser“ wird nicht nur zum finalen Drama für den Ruhelosen und Elisabeth, sondern auch für Venus, die dramaturgisch weitaus geschickter als bei Sebastian Baumgarten in Bayreuth im 2. Akt unter der Wartburg-Gesellschaft erscheint – als roter Kontrapunkt zum allgemeinen Schwarz und Grau und unterschwellige, da nur von Tannhäuser wahrgenommene Bedrohung. Oldag, der ohnehin eine exzellent ausgearbeitete und oft beeindruckend subtile Personenregie führt, gelingt eine hervorragende Dramatisierung des Sängerkriegs – fernab so mancher Klischees, die man hier oft erleben muss. Eine kleine goldene Nachbildung der Wartburg gibt einen dezenten, aber doch eindeutigen Hinweis auf die Historie.

Die depressive Ästhetik des 3. Akts ist mit tiefschwarzen Tönen und den berühmten weißen Trauerlilien vor einer Reihe dunkler Särge ganz von Endzeit-Trauer und Todesgedanken bzw. -sehnsucht gekennzeichnet. Des im allgemeinen Guten zuviel ist der dann doch allzu handwerkliche Selbstmord Elisabeths mit einer Überdosis Schlaftabletten, zumal Claus Guth diese schon bei ihm wenig überzeugende Idee in seinem neuen Wiener „Tannhäuser“ hatte. Im Finale der auch hier gespielten Zweiten Pariser Fassung bricht auch Venus an der Chancenlosigkeit einer offenbar großen Liebe zusammen. Das war ein äußerst berührendes und selten so unkonventionell schlüssig gesehenes Ende der nach „Tristan und Isolde“ wohl größten Liebesgeschichte Wagners.

Der engagierte, in der Mittellage überzeugende, aber bei den Höhen schwächelnde Robert Dean Smith bemüht sich als Tannhäuser im energiegeladenen Spannungsfeld beider Frauen um eine Lösung seines Konflikts. Er meistert das zum Scheitern verurteilte Unterfangen schauspielerisch beeindruckend. Der gut aussehende Sängerdarsteller verfügt über viel Charisma, was seine Interpretation des Tannhäuser sehr glaubhaft macht, kann dem aber stimmlich durch besagte Höhenschwächen und das Fehlen eines heldischen Aplombs nicht entsprechen. Gut gelang Smith jedoch sein „Nach Rom!“ Tünde Szabóki, seit 2000 Stimmbildnerin im Domchor St. Stephan in Wien, überrascht mit einem höhensicheren, kräftigen und hell timbrierten Sopran sowie perfekter Diktion. In den innigen Passagen offenbart ihr Timbre aber einen gewissen Mangel an Wärme, der dem erforderlichen emotionalen Ausdruck nicht zu voller Entwicklung verhilft. Die russische Mezzosopranistin Elena Zhidkova, dem Rezensenten bereits im Essener Neuenfels-„Tannhäuser“ sowie als hervorragende Kundry im vergangenen März an der Opéra de Lyon aufgefallen, singt die Venus kraftvoll und total höhensicher mit ihrem ausdrucksstarken Mezzo-Timbre. Dies ist gepaart mit ihrer großen Bühnenpräsenz und einer aufgrund ihrer Attraktivität beeindruckenden Laszivität. Die St. Petersburgerin wurde 1997 von Götz Friedrich an die DOB geholt, was man an ihrer einnehmenden Theatralik und ausgereiften Mimik zu bemerken meint. Später arbeitete sie auch intensiv mit Claudio Abbado, sicher mit ein Grund für ihre hohe Musikalität. Lauri Vasar singt trotz Ansage den Wolfram klangvoll und mit viel Empathie, offensichtlich ein neues junges Talent aus Estland, das man gern bei gesunder Stimme in dieser und anderen Rollen hören möchte. Der ebenfalls junge Gábor Bretz verleiht dem Landgrafen seinen melodischen Bass, der über beachtliches Volumen verfügt, an der er jedoch technisch noch arbeiten sollte. Die Stimme ist etwas zu kopflastig. Tibor Szappanos empfiehlt sich als Walther mit einem wohl timbrierten Tenor für das Mozart-Fach. Alle weiteren Rollen waren ansprechend besetzt.

Adam Fischer, der nach seiner Bayreuther Zeit das künstlerische Konzept der Budapester Wagner-Tage begründete und seit Beginn ihr ständiger Dirigent ist, erzielt mit dem Sinfonieorchester und Chor des Ungarischen Rundfunks sowie dem kraftvoll und mit betörenden Piani singenden und bestens choreografierten Chor der Ungarischen Staatsoper (Leitung Máté Szabó Sipos) einen wunderbaren Wagnerklang im auf die besonderen Bedingungen des „Tannhäuser“ angepassten Bela Bartok Konzertsaal. Der Pilgerchor war akustische effektvoll auf dem Orgelbalkon und den Seitengalerien postiert. Von dort klangen auch die Fanfaren klar und prägnant und erfüllten den ganzen riesigen Raum. Der Saal verfügt über eine veränderbare Raumakustik. Zeitweise schien der Klang gewissermaßen zu schweben, und man meinte, im Bayreuther Festspielhaus zu sitzen… Schon die Ouvertüre war von dieser Klangästhetik geprägt, zeitweise tönte sie wie von ganz weit her. Grandios steigerte Fischer den Einzug der Gäste im 2. Akt mit wohl dosierter Dynamik zu einem fulminanten Höhepunkt in größtmöglicher Harmonie mit den Chören. Allein das Schlagwerk war immer wieder zu laut. Mit dieser halb-szenischen Produktion, die wie ein szenische wirkte, und der exzellenten musikalischen Leistung hatten die Budapester Wagner-Tage einen guten Start in das Festival 2012. (Fotos in der Bildergalerie)

Klaus Billand

 

 

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