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BUDAPEST/ Staatsoper: MADAMA BUTTERFLY

11.05.2013 | KRITIKEN, Oper

Budapest Staatsoper: MADAMA BUTTERFLY – 10.5. 2013


Schlussapplaus. Foto: Dr. Harald Lacina

Wenig bekannt dürfte die Vorlage dieser Puccinischen Meisteroper voller Schmelz sein. Der US-amerikanische Rechtsanwalt und Schriftsteller John Luther Long (1861-1927) publizierte seine Madame Butterfly zunächst als Kurzgeschichte 1898 im New Yorker Century Illustrated Magazine 55, p. 274-292. Als Vorlage diente ihm der Bericht seiner Schwester Sarah Jane Correll über ein Teehaus-Mädchen namens „Cho-san“ sowie die 1887 erschienene Erzählung Madame Chrysanthème von Pierre Loti (1850-1923). In einem wesentlichen Punkt weicht die Kurzgeschichte von Long vom Libretto, dass Luigi Illica und Giuseppe Giacosa für Puccini entwarfen, ab. Bei Long plant Madame Butterfly zwar wegen ihrer verlorenen Ehre Selbstmord mit dem Samuraidolch ihres Vaters, wird aber durch Suzuki und den Lärm ihres Kindes davon abgehalten. Am nächsten Tag findet Adelaide (bei Puccini: Kate Pinkerton) das Haus leer vor… Jahre später behauptete Long dann, dass ein gewisser Thomas Grover in Nagasaki der erwachsene Sohn von Madame Butterfly sei (vgl. http://everything2.com/title/Madame+Butterfly ).

Wir können also beruhigt sein, Cho-Cho-San musste zumindest als literarische Gestalt überleben, damit sie in der Oper „Junior Butterfly“ (2004) des japanischen Komponisten Shigeaki Saegusa (geb. 1942) vor dem Hintergrund des Atomdramas in Nagasaki, ihren Sohn wieder sehen kann.

Seit Juni 2000 wird Madama Butterfly in der Inszenierung von Miklós-Gábor Kerényi, dem derzeitigen Direktor des Operettentheaters in Budapest, der seit einigen Jahren als Regisseur unter dem Kürzel KERO® firmiert, gezeigt.

An diesem Abend gestaltete die ungarische Kammersängerin Eszter Sümegi ein zugleich packendes und ergreifendes Bild der Kindsfrau Cho-Cho-San. Eine so intensive Verinnerlichung dieser Rolle erlebt man äußerst selten. Die sympathische Sängerin begann ihre Karriere vor vielen Jahren noch mit eher lyrischen Partien, wie die der Liù. In den letzten Jahren hat sie sich neben großen Verdi-Partien auch ein breit gefächertes deutsches Fach erarbeitet: Elsa, Elisabeth, Marschallin und Arabella. Gespannt darf man in der nächsten Saison auf ihr Debüt als Kaiserin sein.


Gaston Rivero. Foto: Dr. Harald Lacina

Als idealen Partner hatte sie an diesem Abend den in Montevideo geborenen uruguayisch-US-amerikanischen Tenor Gaston Rivero zur Seite, der sich bereits einen ausgezeichneten Ruf als Puccini- und Verdi-Tenor erarbeitet hat. Wohl phrasierend mit eleganten Linienführung gab er den US-amerikanischen Marineoffizier Benjamin Franklin Leutnant Pinkerton, der aus reinem Übermut die in Japan existierende „Zeitehe“ mit der unerfahrenen und naiven Cho-Cho-San eingeht. Dem Tenor wurde eine brünette Perücke verpasst, um ihn äußerlich den Erfordernissen der Rolle anzugleichen. Mit seinen lupenreinen Spitzentönen gelang es dem sympathischen Sänger das Publikum abrupt zu enthusiastischen Beifallskundgebungen hinzureißen.

Katalin Gémes ergänzte als Suzuki mit ihrem warmen Mezzosopran und großer Anteilnahme am Schicksal ihrer Herrin auf ideale Weise. Erika Markovics gibt nun bereits seit 1999 eine mitfühlende Kate. Schade, dass auf diese ausgezeichnete Künstlerin neben der Gutrune keine größeren Herausforderungen an der Ungarischen Staatsoper warten! Róbert Rezsnyák war ein gewohnt würdevoller Fürst Yamadori.

Viktor Massányi, noch sehr gut als Giorgio Germont in der Traviata an der Wiener Volksoper in Erinnerung, zeichnete mit seinem vollkernigen Bariton überzeugend den amerikanischen Konsul Sharpless (nomen est omen!), dem das Schicksal der Butterfly doch nahe geht, der sich aber im Konflikt zwischen den unterschiedlichen Ethnien auf die Seite seines Landmanns schlägt. unfähig ist.

Zoltán Megyesi gab den geschäftstüchtigen Streichholzfabrikanten Goro und János Gurbán den äußerst dämonischen Onkel Bonze. Der Besetzungszettel listet noch als kaiserlichen Kommissar und als Beamten Gábor Németh und Gergely Ujvári auf.

Das Bühnenbild des vielseitigen Ausstatters Kentaur, einem direkten Nachfahren des ungarischen Komponisten Ferenc Erkel, der in Wien die Neuausstattung des Musicals Tanz der Vampire besorgte, zeigt ein filigranes japanisches Haus, dessen Gestalt sich durch Schiebetüren häufig verändert und das inmitten einer Guckkastenbühne steht. Die drei Seitenwände sind in je 48 Rechtecke unterteilt, 8 in der Breite und je 6 in der Höhe. Ein Garten mit Kirschbaum und eine kleine Brücke ergänzen stilvoll diese Genreszene. In diese Umgebung passen auch die von Ilona Vágvölgyi entworfenen historisierenden Kostüme des beginnenden 20. Jahrhunderts. Die stärkste optische Wirkung an diesem Abend geht jedoch von der ausgeklügelten atmosphärischen Lichtregie aus, die sensibel alle Gemütsregungen der Titelheldin widerzuspiegeln vermag. Die Seitenwände und der Hintergrundprospekt ermöglichen auch viele spannende Schattenspiele während der kontemplativen Momente in Puccinis Musik.

Regisseur Kerényi gelangen immer wieder stark kontrastierende Szenen. Wenn etwa Onkel Bonze polternd mit Gefolge auftritt und Cho-Cho-San mit ihrem kleinen Jungen den Garten mit Blüten schmückt. Das alles verrät eine Handschrift mit Liebe zum Detail bis hin zur sentimentalen Gefühlsregung. Und so bleibt auch für den mitfühlenden Betrachter, der die Story ohnehin kennt, kein Auge trocken, wenn die Cho-Cho-San am Ende der Oper mit dem Tantō ihres Vaters die rituelle Selbsttötung, den jigai, an sich vollzieht. Derartige seelische Erschütterungen beim Publikum hervorzurufen, dazu bedarf es aber mehr als nur zweier großartigen Sängerschauspieler.

Und so gebührt ein großer Teil des Erfolges an diesem Abend dem verdienten Dirigenten János Kovács und dem von ihm umsichtig geleiteten Orchester der Ungarischen Staatsoper. Äußerst feinfühlig kostete er alle Zwischentöne dieser facettenreichen Partitur aus. Máté Szabó Sipos leitete den wie immer engagiert singenden Chor der Ungarischen Staatsoper. Dass dieser Abend zu den Sternstunden der Ungarischen Staatsoper zu zählen war, dessen war sich das Publikum bewusst. Und auch der Rezensent verließ nach dieser Vorstellung glücklich und zufrieden das Haus!

Harald Lacina

 

 

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