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BREMERHAVEN: LADY MACBETH VON MZENSK – Premiere

12.03.2012 | KRITIKEN, Oper

Bremerhaven: laDy macbeth von mzensk“ Pr. 10.3. 2012

 Die eher selten auf den  Spielplänen stehende Oper „LADY MACBETH VON MZENSK“ ist ab sofort in Bremerhaven in einem gelungenen Regiewurf von Andrej Woron zu erleben. Es handelt sich um die zweite Oper des Komponisten Dimitri Schostakowitsch, nachdem er mit seiner ersten Oper „DIE NASE“ und seiner ersten Sinfonie bereits schlagartig Berühmtheit erlangte. Das Libretto basiert auf der Novelle “LADY MACBETH DES MZENSKER LANDKREISES“ von Nikolaj Leskow. Mit Arkadi Preis hat der Komponist das Textbuch verfasst und wichtige literarische Änderungen vorgenommen. Die Oper sollte der Beginn einer Opern-Trilogie sein, welche sich mit verschiedenen Zeitepochen in Bezug auf die Lage der Frauen in der Sowjetunion befasste.

 Die Uraufführung am 22. Januar1934 in Leningrad wurde zum triumphalen Erfolg. Bereits zwei Tage später folgte die Erstaufführung in Moskau mit ebensolchen Jubelstürmen. Schon bald interessierten sich ausländische Bühnen für diese neue Oper. Es gab Pressestimmen, die der Oper den „Sieg des sowjetischen Musiktheaters und einen grandiosen Schritt in Richtung des sozialistischen Realismus“ bescheinigten. Aber Schostakowitsch wurde wegen übermäßiger Pornographie in Handlung und Musik angegriffen. Und es gab die verhängnisvolle Aufführung in Moskau vor annähernd kompletter Parteiführung. Die hohen Herrschaften hatten vorzeitig das Theater verlassen, weil sie anscheinend zu nahe an Blechbläsern und Schlagzeug platziert waren! Infolge einer gegen Schostakowitsch gerichteten Prawda-Meldung (Chaos statt Musik) durfte die Oper die folgenden 27 Jahre nicht in der Sowjetunion aufgeführt werden. Der Komponist hat viel später eine Überarbeitung vorgelegt, geglättet sowohl bzgl. vulgärer Szenen als auch bzgl. Dissonanzen in der Musik, und diese unter dem Titel „KATARINA ISMAILOWA“ am 8. Januar 1963 in Moskau aufgeführt. Mstislaw Rostropowitsch ist zu verdanken, dass die Oper heutzutage in der wiedergefundenen Urfassung gegeben wird.          

Katerina Ismailowa ist bereits fünf Jahre mit dem reichen Provinzkaufmann Sinowi verheiratet, kinderlos, unglücklich und ohne Gegenliebe des Gatten. Ihr Schwiegervater Boris, Chef der Familie, ist ein brutaler Mensch. Er hat ein Auge auf Katerina geworfen. Wohl wissend, welche Gefahr ihr droht, lässt sie sich während einer Geschäftsreise ihres Mannes mit dem neuen Knecht Sergej ein. Boris ertappt die beiden auf frischer Tat und lässt den Knecht dafür öffentlich auspeitschen. Danach verlangt er von der Schwiegertochter seine Leibspeise, die sie ihm zubereitet und mit Rattengift anreichert. Boris stirbt qualvoll an den vergifteten Pilzen. Katerinas Ehemann kommt unerwartet früher wieder nach Hause und erwischt Katerina mit ihrem Liebhaber im Bett. Aber auch er muss dieses Wissen mit seinem Leben bezahlen. Die Leiche wird im Keller versteckt. Katerina und Sergej beschließen zu heiraten. Sie veranstalten eine große Hochzeitsfeier, konnten aber nicht mit dem Schäbigen, einem verkommenen Arbeiter, rechnen, der im Keller die Leiche Sinowis entdeckt und der Polizeitruppe den Fund meldet. Die Polizisten sehen darin eine Einladung zur Hochzeit.  Sergei und Katerina werden verhaftet und abgeführt. Während des Transportes ins Arbeitslager erkennt Katerina bald, dass Sergejs Liebe zu ihr erloschen ist. Sie hingegen ist ihm nach wie vor noch verfallen. Als sie gar Zeugin wird, dass er der jungen Mitgefangenen Sonjetka seine Liebe offenbart und dies vor ihren Augen offen praktiziert, bleibt ihr nur noch eine Lösung: sie tötet Sonjetka und bereitet auch ihrem Leben ein Ende.

 Für Choreographie und szenische Mitarbeit zeichnet Lars Scheibner, der besonders die Massenszenen in entsprechender Formierung lenkt. Regisseur und Ausstatter Andrej Woron darf man bescheinigen, dass er mit der Umsetzung dieser von Schostakowitsch genannten „tragisch-satirischen Oper“ bis an gewisse Grenzen gegangen ist, aber diese Grenzen nicht überschritten hat. Wie soll sich denn auch ein Regisseur verhalten, wenn die Musik auffordernde Rhythmen vorschreibt? Immerhin bilden gegensätzliche Elemente wie Mord, Vergewaltigung und Unterdrückung die Gegenpole zu den sinnlich-lyrischen Elementen dieser Oper. Dazu strömt eine Musik aus dem Graben, die tief unter die Haut geht. Besonders die Massenvergewaltigung von Axinja, der Köchin sowie die Sexszene zwischen Sergei und Sonjetka sind da zu nennen. Als Spielfläche dient dem Ausstatter nicht nur der beidseitig transparente Kasten auf der rundum dunklen Bühne, sondern für weitere Spielebenen wird die bühnenbreite Traverse eingesetzt.

 Dem Regisseur standen großartige Darsteller zur Verfügung. Als erstes ist die Sängerin der tragischen Titelfigur, Kirsten Blanck, zu nennen. Die große Tragik, Enttäuschung, Leidenschaft, sowie das sexuelle Verlangen, das hat die Sängerin überwältigend gestaltet. Mit ihrem großen Sopran hat sie der Rolle das passende Profil verliehen. Als Boris zeigte Werner Kraus diesmal, dass seine oftmals ungezügelte Stimme zu dieser Rolle passt und er sehr viel Ausdruck erzeugen konnte. Heldische Tenorleistung und intensives Spiel vermittelte Alexander Günther als Sergej, während Daniel Kim als Sinowi rollenbedingt blass blieb. Optisch eine Parodie auf Chaplin, führte Polizeichef Peter Kubik rhythmisch und lautstark seine Truppe an, sei dies nun in der Herrensauna, oder auch im Hause der Katarina. Die verführerische Sonjetka gestaltete äußerst intensiv Ann Juliette Schindewolf im Ränkespiel um die wärmenden Strümpfe. Geradezu mit umwerfender Komik quittierte Ziad Nehme in angetrunkenen Zustand sein Loblied auf den Wodka. Weitere Solisten in kleineren Rollen trugen ebenfalls zum Gelingen des Abends bei.

 Chorleiter Ilia Bilenko hat mit Opernchor und Extrachor des Stadttheaters Bremerhaven  ein großartiges Ergebnis erreicht. Der Klangkörper des Städtischen Orchesters Bremerhaven unter der fachkundigen Leistung von GMD Stephan Tetzlaff  wieder einmal die hohe Qualitätsstufe bewiesen. Ihm ist wohl zum größten Teil der durchweg gelungene Abend zu verdanken. Das begeistert applaudierende Publikum brachte dafür den Beweis. Lobenswert ist, dass die Aufführung in deutscher Sprache gesungen wird. Leider blieben viel zu viele Plätze in der Premiere frei.

Hermann Habitz

 

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