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BRAUNSCHWEIG: SÁRKA von Zdenech Fibich

20.04.2012 | KRITIKEN, Oper

Beeindruckende Opernausgrabung in Braunschweig: „Šárka“ von Zdenĕk Fibich (Vorstellung: 19. 4. 2012)


Grandios das Liebesduett zwischen der an den Baum gebundenen Rena Harms als Šarka und Arthur Shen als ihr „Feind“ Ctirad (Foto: Karl-Bernd Karwasz)

 Wird schon Janáčeks Oper „Šárka“ außerhalb Tschechiens kaum aufgeführt, ist Fibichs gleichnamiges Werk fast völlig in Vergessenheit geraten. Umso erfreulicher, dass es seit kurzem am Staatstheater Braunschweig zur Aufführung gelangt. Zdenĕk Fibich (1850 – 1900) zählte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Smetana und Dvořák zu den bedeutendsten tschechischen Komponisten. Er war von 1875 bis 78 Kapellmeister am Prager Nationaltheater, anschließend drei Jahre lang Chordirektor der russischen Kirche in Prag. Nach 1881 lebte er als freier Komponist und schrieb sieben Opern, die alle in der tschechischen Metropole herauskamen. Am populärsten blieb bis heute „Šárka“, die im Jahr 1897 am Nationaltheater Prag mit großem Erfolg uraufgeführt wurde.

 Die Handlung der dreiaktigen Oper, welche die tschechische Variante der Amazonensage ist und deren Libretto von Anežka Schulzová stammt, in Kurzfassung: Nach dem Tod der Fürstin Libussa hat Fürst Přemysl die Herrschaft Böhmens an sich gerissen und den Frauenrat von der Burg gejagt. Šárka, die Nachfolgerin Libussas und Anführerin des Frauenrats, fordert die Männer zum Kampf, um die alten Rechte zurückzuerobern. Während des Zweikampfs mit dem gegnerischen Ctirad erkennen beide ihre Liebe zueinander. Šárka kann aber die tödliche Auseinandersetzung mit Přemysls Kriegern nicht mehr aufhalten, die die Mädchen töten und Ctirad befreien. Voll Entsetzen stürzt sich Šárka von einem Felsen.

 Am Staatstheater Braunschweig wurde die Oper als Deutsche Erstaufführung in deutscher Sprache – in einer neuen Übersetzung durch Peter P. Pachl – mit deutschen Übertiteln und mit einem Prolog gespielt, in dem zum besseren Verständnis der Vorgeschichte des Werks ein Monolog aus Franz Grillparzers Trauerspiel Libussa von der Schauspielerin Martina Krauel rezitiert wurde.

 Konstanze Lauterbach bediente in ihrer Inszenierung der Sage von den böhmischen  Amazonen-Kriegen gegen die Alleinherrschaft der Männer so manche Klischees, die leider allzu plakativ wirkten und schon bei den Kostümen, für die ebenfalls die Regisseurin verantwortlich war, ihren Ausdruck fanden. So agierten die Amazonen in erdfarbenen, blumigen Gewändern, die wohl ihre Naturverbundenheit zeigen sollten, die Männer hingegen in eleganten schwarzen Anzügen mit Krawatte (!) – offenbar als Beweis von Macht. Auch die Bühnengestaltung durch Andreas Jander passte sich diesem Stil an. Mehrere kahle blaue (!) Baumstämme, die vom Himmel herabhingen und bei jeder Berührung baumelten (Phallussymbole?), blieben neben einem kleinen bemoosten Erdhügel die einzigen Requisiten.  

 Dennoch war die Aufführung im leider nur schütter besetzten Haus ein musikalischer Genuss, zu dem das Staatsorchester Braunschweig unter dem engagierten Dirigat von Sebastian Beckedorf, das die romantische, von Richard Wagner inspirierte Musik klangvoll wiedergab, und ein internationales Sängerensemble maßgeblich beitrugen. An der Spitze die amerikanische Sopranistin Rena Harms in der Titelrolle, die ihre Hassgefühle als Šárka gegen die Männerwelt stimmlich wie darstellerisch genauso exzellent ausdrückte wie ihre plötzlichen Liebesgefühle für Ctirad, dem engsten Berater von Fürst Přemysl, den sie mit den Mitteln weiblicher Verführung zu besiegen versucht. Das herrliche Liebesduett zwischen Šárka und Ctirad wurde auch zum absoluten Höhepunkt der Aufführung, da sowohl Rena Harms wie auch der amerikanische Tenor Arthur Shen in der Rolle des Ctirad mit totalem Einsatz ihrer Stimmen zu glänzen wussten und durch starken mimischen Ausdruck noch zusätzlich untermalten. Beklemmend Ctirads Schlussgesang „Tot! Tot! Und ich muss leben!“.

 Aus dem großen Heer der kriegerischen Amazonen, die das Bühnengeschehen temperamentvoll diktierten – auffallend gut und einfallsreich die Personenführung der Regisseurin –, müssen die stimmlich wie darstellerisch exzellente Mezzosopranistin Julia Rutigliano als Vlasta, Šárkas Gegenspielerin, und die russische Sopranistin Ekaterina Kudryavtseva in der Rolle der Libyna, die als Armeeführerin nach einer gewonnenen Schlacht die gefangenen Frauen als Geiseln vorführt, genannt werden. Fürst Přemysl wurde vom ukrainischen Bariton Oleksandr Pushniak dargestellt, der schon durch seine hünenhafte Figur sehr bühnenwirksam war.

 Stimmkräftig sangen auch der Chor und die Damen des Extrachors des Staatstheaters Braunschweig und trugen damit nicht unwesentlich zum musikalischen Erfolg dieser tollen Ausgrabung bei. Man darf nur hoffen, dass das Staatstheater Braunschweig ihrer jahrelangen Tradition treu bleibt und weiter nach lohnenswerten Opernraritäten Ausschau hält, auch wenn einmal der Publikumsansturm und auch das Echo auf die Aufführungen unter den Erwartungen bleiben. Diese Vorstellung endete mit höflichem, nicht lange anhaltendem Applaus.

 Udo Pacolt, Wien – München

PS: Für Liebhaber tschechischer Opernmusik der Hinweis, dass am 19. Mai die letzte Aufführung dieser Produktion stattfindet.

 

  

 

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