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BRAHMS: LIEDER & LIEBESLIEDER WALZER – Verbier Festival 2003

01.07.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

61oul-66UlL._SL1200_ BRAHMS: LIEDER & LIEBESLIEDER WALZER – Verbier Festival 2003, Deutsche Grammophon CDNew York auf der Schweizer Alm

Ob die Walliser Alpen nicht nur beim Bergsteigen, sondern auch für Sänger ein gruppendynamisches Zusammenrücken fördern, muss man angesichts dieser Produktion gar nicht erst einmal fragen. So aufregend sonnig, sauerstoffdurchlüftet und ausgelassen-miteinander wie am 30. Juli 2003 haben die wunderbaren Brahms‘schen 18 Liebeslieder-Walzer Op. 52 und die späteren 15 Neuen Liebeslieder-Walzer Op. 65 wohl selten geklungen. Ein Trumpf nicht an harmonischem Ausgleich und salonhaftem Zuspielen der federleichten Vokalbälle, sondern ein bodenständiges freudvolles Miteinander-Musizieren von sechs Musikern, die an diesem Abend wohl das best denkbare Liedensemble auf ca. 1500 Metern über dem Meeresspiegel gebildet haben. Andrea Rost (Sopran), Magdalena Kozena (Mezzo), Matthew Polenzani (Tenor), Thomas Quasthoff (Bass), Yefim Bronfman (Klavier) und James Levine (Klavier)zeigen unter Beibehalten ihrer individuellen Temperamente, dass kammermusikalische Eintracht ja auch Personen braucht, die nicht prinzipiell hinter dem Ganzen zurücktreten, sondern einfach wissen, wann sie einzeln leuchten und Farbe zeigen müssen. Das Ergebnis ist, dass alle vier Sänger, die auch Sololieder vortragen dürfen, zusammen besser sind, als jeder für sich allein.

Der Live-Mitschnitt beginnt mit drei Liedern (Botschaft; Wie bist Du, meine Königin; Meine Liebe ist grün“, gesungen von Matthew Polenzani. Der bekommt sicher keinen Preis für Stimmschönheit, ist aber so intensiv um eine adäquate Wortausdeutung und eine emotional lyrische Aussage bemüht, dass sich wiederum einmal zeigt, die wahre Liedkunst liegt im Vortrag. Die junge Magdalena Kozena reüssiert mit samtener Prachtstimme in weiteren drei Liedern (An eine Äolsharfe; Feldeinsamkeit: Immer leiser wird mein Schlummer). Zwischen den beiden großen Walzergruppen bezaubert Andrea Rost mit „Das Mädchen spricht“, „Wir wandelten“ und „Unbewegte laue Luft“. Der schon damals große Meister Thomas Quasthoffliefert mit den fünf Liedern Op. 94 den wohl interessantesten und gewichtigsten Solobeitrag des grandiosen neuen Albums mit 80 Minuten Spielzeit.

James Levine einmal abseits des Dirigentenstabes zu erleben und das noch pianistisch vierhändig mit dem genialen Yefim Bronfman bringt noch zusätzlich schwungvollen Reiz in die Sache. Wer hätte gedacht, dass New York auf der Alm Brahms so gut tut?

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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