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BONN: MÖRDER, HOFFNUNG DER FRAUEN / SANCTA SUSANNA / DAS NUSCH-NUSCHI

24.09.2012 | KRITIKEN, Oper

BONN: MÖRDER, HOFFNUNG DER FRAUEN/SANCTA SUSANNA/DAS NUSCH-NUSCHI

Premiere am 23. September

 Diese lokale Pikanterie sollte nicht unerwähnt bleiben. Von den Opern Paul Hindemiths kam in Bonn nach 1945 „Mathis“ einmal heraus (1971), „Cardillac“ zweimal. 1978 dirigierte Klaus Weise, 2006 inszenierte der damalige und jetzige Intendant gleichen Namens. Zuvor weitgehend auf Schauspiel konzentriert wandte sich dieser in Bonn verstärkt der Oper zu, vor allem dem Schaffen der frühen zwanziger Jahre. Mit Vorgriff auf das 50, Todesjahr des Komponisten spielt man jetzt das „Einakter-Triptychon“. Weise liefert damit seine letzte Operninszenierung vor Ort, denn am Ende der Spielzeit scheidet er aus seinem Amt.

Triptychon – da denkt man zunächst an den Puccini-Dreiteiler „Tabarro“/“Suor Angelica“/“Gianni Schicchi“. Diese Trias wird trotz dramaturgischer Triftigkeit selten als Einheit gegeben, vor allem der heiklen „Kloster-Oper“ wegen. Die Rezeptionsgeschichte der Hindemith-Einakter ist noch um Grade verzwickter. Der junge „wilde“ Komponist hatte sich von dramatischen Schöpfungen Oskar Kokoschkas, August Stramms und Franz Bleis inspirieren lassen, die alle wider die Wohlanständigkeit einer kirchlich prüden Zeit löckten. Die nachgeschobene „Sancta Susanna“ nahm der Dirigent der Stuttgarter Uraufführung (1921), Fritz Busch, wegen des seiner Meinung nach blasphemischen Stoffes nicht an, Erst in Frankfurt kam es ein Jahr später zur vollständigen Aufführung. Die Skandal-Atmosphäre dieser Premiere wirkte so stark nach, das Hindemith 1958 von sich aus verfügte, dass das „Triptychon“ nicht mehr gegeben werden sollte. Dieses Verdikt scheint sich nun langsam aufzulösen, die gelungene Bonner Produktion dürfte dazu beitragen.

Bei Hindemiths Einaktern geht es um das komplexe Thema „Liebe“, wobei das Moment triebhafter Erotik dominiert, was die einstigen erregten Reaktionen durchaus verstehen lässt. „Mörder, Hoffnung der Frauen“ treibt eine Äußerung Friedrich Nietzsches auf die Spitze, wonach „Liebe in ihrem Grunde Todhass der Geschlechter“ bedeute. „Sancta Susanna“ ist geprägt von unterdrücktem sexuellen Verlangen einer jungen Nonne (Schuberts so betiteltes Lied nimmt Einiges vorweg). Das als Marionettenspiel konzipierte „Nusch-Nuschi“ rundet diese existenziellen Fragen in Form eines Satyrspiels ab.

Hindemith bedient jede Oper mit individueller Musik. „Mörder …“ hebt mit aggressiv dissonanten Klangballungen an und mündet dann in eine fast veristisch melodische Süffigkeit, „Sancta Susanna“ lässt zeitweilig an den Impressionismus eines Debussy denken, „Nusch-Nuschi“ gibt sich schräg von A bis Z. Heterogenität also und dennoch Bezogenheit aufeinander. STEFAN BLUNIER, Dirigent des hochkonzentriert spielenden Beethoven-Orchesters, kommt mit den unterschiedlichen Stilen glänzend zurecht und liefert rundum großes, spannendes Musiktheater. Längen bei „Nusch-Nuschi“ vermag er freilich nicht ganz zu kaschieren. Auch nicht KLAUS WEISE mit seiner Inszenierung, die mit dem geforderten großen Ensemble aber aus dem Vollen schöpfen kann und dies auch virtuos tut. Günter Krämer hatte sich bei der Kölner Produktion vor 11 Jahren noch vorsichtig auf eine halbszenische Lösung beschränkt.

Weise gelingen stimmungsvoll großartige Szenerien, die er auch der zwischen Gestern und Heute dekorativ changierenden Fantasie seines Ausstatters RAIMUND BAUER verdankt. Besonders eindrucksvoll die bühnenhohe Postierung von Nonnen in „Sancta Susanna“, eine abgeschottete Welt, welche düster eine kirchlich verfügte Keuschheit spiegelt. Weises Regie befleißigt sich in dieser Oper einer eloquenten Statuarik, bei „Mörder …“ gibt er auch expressionistischer Gestik Raum, „Nusch-Nuschi“ quillt über vor chaplinesken Turbulenzen. Dem erotischen Flair der Oper kommt zugute, dass die Bonner Sängerinnen allesamt mit Model-Figuren aufwarten können. JULIA KAMENIK kann sich in „Mörder …“ sogar eine Oben-Ohne-Sequenz erlauben und singt gleichzeitig mit entwaffnender Expressivität. MARK MOROUSE ist ihr als gegnerischer „Mann“ ein starker Partner und lässt das ideologisch inzwischen etwas entlegene Sujet zumindest annähernd stimmig erscheinen. Bonns Sängerensemble ist mit üppiger Besetzung aufgeboten. Namentlich hervorzuheben wären zumindest INGEBORG GREINERs intensive Susanna und die würdevolle Klementina der ANJARA I. BARTZ im Mittelteil des „Triptychons“ sowie im Finalstück der Temperamentsbrocken ROMAN SADNIK als kaiserlicher Diener Tum Tum und MARTIN TZONEVs herrlich besoffener Bettler.

Während die Bonner Produktionen von Eugen d’Alberts „Golem“ und Franz Schrekers „Irrelohe“ vom Label Oehms mitgeschnitten und veröffentlicht wurden, scheint für das Hindemith-„Triptychon“ kein editorisches Interesse bestanden zu haben. Schade für Werk und Aufführung.

 Christoph Zimmermann

 

 

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