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BIRDMAN ODER (DIE UNVERHOFFTE MACHT DER AHNUNGSLOSIGKEIT)

27.01.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPlakat Birdman~1

Ab 30. Jänner 2015 im Kino
BIRDMAN ODER (DIE UNVERHOFFTE MACHT DER AHNUNGSLOSIGKEIT)
Birdman  /  USA  /  2014 
Regie: Alejandro Gonzalez Inarritu
Mit: Michael Keaton, Edward Norton, Naomi Watts, Emma Stone, Andrea Riseborough, Zach Galifianakis u.a.

Neun (!) „Oscar“-Nominierungen, wow! Das passiert selten. Schon gar nicht einem Film, der so schräg und abgedreht ist wie dieser und wohl nicht gar so gut, wie viele meinen – aber da wollte die Academy vermutlich zeigen, wie aufgeschlossen und unkonventionell man ist.

Und man kann ja auch zu seinen alten Kollegen lieb sein – voran Michael Keaton. Drehte dieser doch dank des irritierenden Mexikaners Alejandro Gonzalez Inarritu (der überzeugendste unter seinen Patchwork-Filmen: „Babel“) nun eine Geschichte, die offenbar ganz die seine sein könnte…

Da ist also Riggan Thomson, ein Hollywood-Has Been, der einst in der Rolle des Comic-Helden “Birdman” berühmt war – gespielt von Michael Keaton, der einst der erste „Batman“ war (er war nicht sehr überzeugend in der Rolle und spielte sie nur zweimal, 1989 und 1992, ihm folgten übrigens ebenso wenig erfolgreich, Val Kilmer und George Clooney, bevor man 2005 mit Christian Bale neu und endlich überzeugend durchstartete). Keaton stand schnell nicht mehr in der ersten Reihe, und das Comeback, das Riggan Thomson sich mit einer Theateraufführung am Broadway erhofft, kommt für den Hauptdarsteller selbst mit dem „Birdman“-Film.

Riggan wird vom Drehbuch von Gonzalez Inarritu, das auf Chaos angelegt ist, nicht so gut behandelt. Erst sagt ihm seine (drogensüchtige, aber das nur nebenbei) Tochter Sam (Erfolgsmädel Emma Stone) ins Gesicht, dass er ein Nobody ist: „Du bist nicht einmal auf Facebook!“ Dann stürzten wir mit ihm in die Kalamitäten der Theateraufführung, die er als Autor (er hat eine bekannte Kurzgeschichte für sich adaptiert), Regisseur und Hauptdarsteller plant, um endlich ins Rampenlicht der Beachtung zurückzukehren.

Das Kino macht sich ja bekanntlich immer gern und so gut wie immer erfolgreich über die Zustände im Theater lustig. Und über die skurrilen Typen, die da herumstolpern. Wenn es nur seine „Diva“ Lesley (Naomi Watts) beträfe und seinen Mitstreiter Jake (Zach Galifianakis), der organisatorisch alles ausbaden muss, was real passiert. Wenn es nur um die weiteren beiden Frauen ginge, Exgattin Sylvia (Amy Ryan) und Freundin Laura (Andrea Riseborough), mit der Botschaft einer Schwangerschaft, die nicht echt ist, aber immer auch zu lesbischen Küssen bereit… Das ginge ja noch, obwohl es absurd und wohl auch absichtsvoll genug ist.

Aber als sein Hauptdarsteller ausfällt, wird mit Mike genau jener Ersatz gefunden, der die Katastrophe selbst ist: Alles muss sich um ihn drehen, jeder Weiberrock gehört ihm, er ist der Star, er dominiert die Proben, er verwirrt alle mit seinen Zickigkeiten und seinem zelebrierten Startum: Edward Norton, ja, er ist die Idealbesetzung mit seinem stechendem Blick. Wo er ist, ist für keinen anderen Platz.

Riggan ist ja auch nicht ganz einfach. Er redet mit jemandem, einer dunklen Männerstimme, die ihn immer in Frage stellt. Nach und nach erfahren wir, wer das ist – sein Alter Ego aus alten Zeiten, Birdman, der dann auch mit breiten Vogelschwingen neben ihm hergeht. Und ihm auch ermöglicht, vom Dach zu springen. Ist ja nicht wahr. Auch dass dann auf der Bühne wirklich geschossen wird, muss nicht ernst genommen werden. Alejandro Gonzalez Inarritu hat es nicht so mit der Realität, aber er verwirrt das Publikum gern, überbordet seinen Film mit allem nur Denkbaren (natürlich Anspielungen auf jeder Ebene, Cineasten aufgepasst, noch ein Hinweis hier, noch einer dort). Die Academy hat das beispielsweise mit Kunstkino verwechselt, was auch einfach nur als eine mutwillige Spielerei erscheinen kann.

Immerhin, Norton ist großartig in seiner Klischeefigur des wahnsinnigen Schauspielers, und Keaton – der jegliche glatte Hübschheit, die sein Gesicht einst auszeichnete, verloren hat, und als altes Wrack dasteht, ja, seinen Zerfall geradezu zelebriert – erkämpft sich Comeback vom Vergessenen zum erneut Wahrgenommenen samt „Oscar“-Nominierung aufrichtig.

Renate Wagner

 

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