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BIETINGHEIM/ BISSINGEN/ Kronenzentrum: MEPHISTO nach Klaus Mann mit der Badischen Landesbühne Bruchsal

13.11.2014 | Allgemein, Theater

Mephisto“ nach Klaus Mann mit der Badischen Landesbühne Bruchsal

NUR EIN GANZ GEWÖHNLICHER SCHAUSPIELER

Die badische Landesbühne Bruchsal gastiert mit „Mephisto“ von Klaus Mann und Ariane Mnouchkine im Kronenzentrum/BIETIGHEIM-BISSINGEN

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Matthias Hinz, Wolf E. Rahlfs, Kathrin Berg, Juliane Schwabe, Stefan Holm. Foto: Peter Empl

In der facettenreichen Inszenierung von Carsten Ramm wird das Hamburg der zwanziger Jahre lebendig. Der von Wolf E. Rahlfs nuancenreich verkörperte Schauspieler und Kommunist Hendrik Höfgen ist am Hamburger Künstlertheater engagiert – und er leidet dennoch darunter, in der Provinz zu verkommen. Die Ausstattung von Franziska Smolarek zeigt Bilder von Otto Dix in verschiedenen Formationen. Die französische Autorin Ariane Mnouchkine hat davon eine Textfassung erstellt, die auf die kontinuierliche dramatische Entwicklung großen Wert legt. Höfgen will in Berlin Theater spielen. Unterdessen wird der unaufhaltsame Aufstieg Adolf Hitlers zum Reichskanzler eingeblendet. Jahre zuvor ist mitten in der Höfgen-Premiere die Nachricht vom missglückten Putsch Hitlers hereingeplatzt. So gewinnt die Aufführung gewaltig an Fahrt. Hendrik macht die interessante Bekanntschaft mit den von Matthias Hinz und Kathrin Berg recht virtuos gemimten Bruckner-Geschwistern Sebastian und Erika. Höfgen verliebt sich in Erika und die beiden heiraten. So vegehen die Jahre – bis die Reichstagswahl 1930 vor der Tür steht. Und die Nationalsozialisten werden die zweitstärkste Partei Deutschlands. Jetzt stellt man ganz unverblümt die Frage: „Brauchen Sie nun Hitler und seine Truppen?“ Wie schlimm die Situation für die jüdischen Schauspieler wird, vermag die Inszenierung in eindringlicher Weise aufzuzeigen. Chansons wie „Lügen ist gut“ werden zu gnadenlosen Durchhalteparolen. Die Bruckners sehen keinen anderen Ausweg, als das Land zu verlassen. Hendrik entscheidet sich jedoch, nach Berlin zu gehen: „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da…“ Er macht eine glänzende Karriere unter den neuen Machthabern. Die Anspielungen des Autors Klaus Mann hinsichtlich der Figur Gustaf Gründgens‘ bleiben immer wieder in erschreckender Weise nachvollziehbar. Als Hendrik Höfgen zuletzt vom Selbstmord seiner Schauspielkollegen erfährt, bricht er zusammen: „Was soll ich denn tun? Was kann ich tun? Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler!“ Dieser Schluss gelingt in Carsten Ramms Inszenierung am besten. Er ist von geradezu elektrisierender Wirkung. In weiteren Rollen überzeugen der junge Nationalsozialist Hans Miklas in der Verkörperung durch Andreas Krüger, der vor dem Generalintendanten des Theaters einen Wutanfall bekommt. Er fühlt sich von Hitlers Regierung verraten, weil sich die Situation nicht gebessert hat. Als unglückliches jüdisches Liebespaar Magnus Gottschalk und Theresa von Herzfeld fesseln Rene Laier und Andrea Nistor. Auch sie werden als jüdische Schauspieler entlassen und gehen in den Freitod. Vor allem die Ensembleszenen entwickeln sich vorzüglich, weil es den weiteren Darstellern Philipp Dürschmied als Otto Ulrich, Evelyn Nagel als Myriam Horowitz, Cornelia Heilmann als Carola Martin, Juliane Schwabe als Nicoletta von Niebuhr, Stefan Holm als Theophil Sarder und Hans Josthinkel, Philip Badi Blom als Juliette und Lorenz, Laura Luise Kolbe als Frau Efeu, Hannes Höchsmann als Herr Knurr sowie Hennes Holz als Musiker sehr gut gelingt, den damaligen Zeitgeist szenisch einzufangen. Unter der bezwingenden musikalischen Leitung von Hennes Holz gewinnt auch die Musikgestaltung rasch Kontur. Wolf E. Rahlfs vermag jedenfalls in seiner Darstellung des Hendrik Höfgen diesen als gnadenlosen Opportunisten darzustellen, der für viele Menschen steht. Sie schätzen eine Situation richtig ein und wollen trotzdem für sich den maximalen Nutzen gewinnen. Opportunisten wie Gustaf Gründgens wurden deswegen nach der „Entnazifizierung“ wieder in ihre Ämter eingesetzt.

Trotz geringfügiger szenischer Schwächen hinterließ die Vorstellung in Bietigheim einen konzentrierten Eindruck.  

 Alexander Walther

 

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