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BIETIGHEIM/BISSINGEN Kronenzentrum: DIE WAHRHEIT von Florian Zeller

14.01.2015 | Allgemein, Theater

Die Wahrheit“ im Kronenzentrum Bietigheim: DIE VERWECHSLUNG STEHT IM MITTELPUNKT

Komödie „Die Wahrheit“ von Florian Zeller mit dem Euro-Studio Landgraf am 13. Januar 2015 im Kronenzentrum/BIETIGHEIM-BISSINGEN

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Helmut Zierl, Karin Boyd. Foto: Bernd Böhnert

Der französische Erfolgsautor Florian Zeller erzählt hier von den Vorteilen, die Wahrheit zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen. Und das in hintergründiger Weise. In der rasant-amüsanten Inszenierung von Peter Lotschak sowie Bühnenbild und Lichtkonzeption von Rolf Spahn können sich die Darsteller jedenfalls überzeugend entfalten.

Als Michel zieht Helmut Zierl alle Register seines schauspielerischen Könnens, denn der Faszination der Lüge ist er in dieser Rolle ganz und gar erlegen. Als notorischer Lügner glaubt er sein Doppelleben perfekt im Griff zu haben. Seine Frau Laurence (facettenreich: Karin Boyd), seine Geliebte Alice (wandlungsfähig: Caroline Kiesewetter) und sein bester Freund Paul (entwaffnend: Uwe Neumann) führen ihn in raffinierter Weise hinters Licht. Zuletzt stellt sich dann die Frage, was wahr und was nicht wahr ist. Michel hat jedenfalls ein Verhältnis mit Pauls Frau Alice: „Ich liebe es, mit dir zu schlafen.“ Wie er sich selbst immer wieder etwas vormacht, lässt die Inszenierung von Peter Lotschak in überzeugender Weise deutlich werden. Die Dialektik zwischen Lüge und Wahrheit wird so virtuos auf die Spitze getrieben, was die Schauspieler genüsslich auskosten. Michel findet es egoistisch, die Wahrheit zu sagen. Was in den seltsamen Beziehungen der beiden Paare überhaupt die Wahrheit ist, lässt sich allerdings nur schwer sagen. Paul stellt fest: „Ich habe den Eindruck, dass Alice mich betrügt!“ Auf der anderen Seite ist Michel entsetzt darüber, dass seine Frau Laurence und Paul sich hinter seinem Rücken getroffen haben: „Du hattest eine Affäre mit meiner Frau?“ So wächst Michels Empörung von Minute zu Minute. Paul bekennt dagegen lakonisch: „Seitdem ich arbeitslos bin, fühle ich mich besser.“ Er hat zwar seinen Job als Finanzdirektor verloren, wird aber am Schluss der Komödie in derselben Position in Schweden wieder eingestellt. Dazwischen entzündet sich dann ein wahres Feuerwerk von Pointen und Kalauern, die sich die Protagonisten nur so um die Ohren schlagen. Immer wenn man als Zuschauer glaubt, die Wahrheit zu kennen, stellt Zeller alles mit überraschenden Wendungen wieder auf den Kopf. Und dem Regisseur Peter Lotschak gelingt es recht glaubwürdig, dieses Verwirrspiel in wahrhaft elektrisierender Weise eskalieren zu lassen. Denn Michel fühlt sich von seinem besten Freund in übler Weise betrogen, er selbst kennt kein Schuldbewusstsein. Das kostet Helmut Zierl als Schauspieler souverän aus. Es besteht jedoch auch die Gefahr, dass er als überragender Profi seinen Kontrahenten Uwe Neumann hier einfach gnadenlos an die Wand spielt: „Ich habe Herzrhythmusstörungen…“ Schließlich kommt auch noch heraus, dass Michels echauffierte Ehefrau Laurence von seiner Affäre mit Alice offensichtlich nichts gewusst hat. Und so ist der Ehekrach zuletzt perfekt: „Für mich ist es schmerzlich zu erfahren, dass du mich belügst.“ Sie will nicht verstehen, warum er nicht mit ihr darüber gesprochen hat. Weiter heißt es: „Glaubst du, Paul würde seine Frau betrügen?!“ Und Michel möchte sich von Alice trennen: „Wir werden aufhören, uns zu sehen“. Er fühlt sich auch von ihr hintergangen. So purzeln die Lügen gnadenlos herab. Peter Lotschka arbeitet als Regisseur die Situationskomik subtil heraus: „Hast du kein Vertrauen zu mir?“ Letztendlich bittet er seine Frau Laurence dann um Verzeihung für den Fehltritt. Beide kommen wieder ganz zusammen, nachdem sie sich die Wahrheit gesagt haben. Laurence und Michel erleben als Liebespaar sozusagen im Lichtkegel ihre neue Auferstehung. Das ist nicht ohne Hintersinn. Die Eleganz unterstreichenden Kostüme von Martine Kauffman passen sich entfernt der Pariser Mode an. Interessant ist die Auswahl der Musik, die zwischen den ausgeblendeten Szenen gespielt wird: Man hört „Jacques Loussier plays Vivaldi“. Es erklingen Sequenzen aus den „Vier Jahreszeiten“. Alles in allem ist es eine Inszenierung, deren Schlagfertigkeit Langeweile erst gar nicht aufkommen lässt. Der 1979 in Paris geborene Autor Florian Zeller schreibt auch erfolgreich Romane, die inzwischen in zehn Sprachen übersetzt wurden. Er erhielt die Auszeichnung „Prix de la Fondation Hachette“ und ist in Paris Dozent für Literatur.

 Alexander Walther   

 

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