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BIETIGHEIM/ BISSINGEN/ Kronenzentrum: WÜRTTEMBERGISCHE PHILHARMONIE REUTLINGEN

09.05.2022 | Konzert/Liederabende

Württembergische Philharmonie Reutlingen musizierte am 8.5.2022 im Kronenzentrum/BIETIGHEIM-BISSINGEN

Viel Spielwitz und Ironie

Unter der Leitung von Jamie Phillips gastierte die Württembergische Philharmonie Reutlingen mit einem britisch-russischen Konzertprogramm im Kronenzentrum. Von dem britischen Komponisten Thomas Ades erklang die harmonisch interessante Suite Nr. 1 aus seiner Kammeroper „Powder Her Face“ (1995). „Powder Her Face“, das auf einem Libretto von Philip Hensher basiert, erzählt die Geschichte des Sündenfalls von Margaret Campbell, Herzogin von Argyll, die bis zu ihrem Tod im Jahre 1993 immer wieder in die Schlagzeilen geriet. Sie stand im Mittelpunkt eines skandalösen Scheidungsprozesses und wurde als „schmutzige Herzogin“ bekannt, was zu ihrem gesellschaftlichen Abstieg führte. Die Musik von Thomas Ades ist dabei so spannend wie elektrisierende Filmmusik. Er karikiert damit auch mit beissender Ironie die britische Gesellschaft. Die Ouvertüre erzählt in einer Reihe von raffinierten Rückblenden den dekadenten Glanz vergangener Epochen. Harmonische Durchsichtigkeit und chromatische Finessen korrespondieren dabei mit einem schrägen Foxtrott und dem Glissando-Spott von Klarinetten, die das hämische Lachen symbolisieren. Auf die Ouvertüre folgt ein Walzer mit beschwipst wirkenden orchestralen Farben, die in der Distanz von Zweier- und Dreierrhythmen erscheinen. Das Finale endet mit dem Rauswurf der Herzogin aus dem Hotel, wobei bissige Tango-Rhythmen hervorblitzen. Die Württembergische Philharmonie Reutlingen musizierte dieses klanglich opulente und abwechslungsreiche Werk unter der Leitung von Jamie Phillips mit großem Spielwitz und bemerkenswerter Nonchalance.

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Wolfgang E.Schmidt. Foto: Christian Steiner

Anschließend musizierte Wolfgang E. Schmidt (Violoncello) das Violoncellokonzert e-Moll op. 85 von Edward Elgar. Hier wurde das wiegende Hauptthema des ersten Satzes ausgezeichnet betont. Auch die zum zweiten Satz überleitenden  Pizzicati blieben stark im Gedächtnis. Im mittleren Satzabschnitt faszinierten vor allem die dynamisch reizvollen Kontraste von e-Moll und E-Dur, wobei Wolfgang E. Schmidt den bewegenden Klangzauber hervorragend unterstrich. Und auch die Sechzehntelfolge mit ihrem Übergang zu einem zweiten kantablen Thema nach Es-Dur geriet berührend. Der dritte B-Dur-Satz erinnerte an Mendelssohn – und auch der reizvolle Marsch-Charakter des Finales erreichte bei dieser Wiedergabe eine starke klangliche Intensität. Als Zugabe spielte Wolfgang E. Schmidt noch den nuancenreichen „Kindermarsch“ von Sergej Prokofieff.

In einer zupackenden Wiedergabe war dann unter der Leitung von Jamie Phillips die Sinfonie Nr. 69 in C-Dur „Laudon“ von Joseph Haydn zu hören. Das Thema aus der Huldingssymphonie „Maria Theresia“ Nr. 48 klang hier wieder geheimnisvoll an. Reizvolle harmonische Farben und elegante Melodiebögen dominierten dabei immer wieder. Thematische Verarbeitung und kontrapunktische Finessen erfuhren bei dieser klaren Interpretation eine präzise Deutung. Und auch die Melodiebögen des zweiten Satzes erreichten eine starke Intensität. Der F-Dur-Dreiklang wirkte fast sphärenhaft. Harmonische Wendungen und Tremoli dominierten im rasant musizierten Finale. Höhepunkt des Konzertabends war die gelungene Wiedergabe der selten zu hörenden Sinfonie Nr. 9 in Es-Dur op. 70 von Dmitri Schostakowitsch aus dem Jahre 1945. Stalin verlangte von Schostakowitsch eine große Siegessinfonie. Statt dessen antwortete der Komponist mit diesem kurz angelegten, parodistischen Werk in einer Art satirischer Zuspitzung, was wiederum zu Repressalien führte. Jamie Phillips dirigierte dieses Meisterwerk wie ein Gegenstück zu Prokofieffs „Sinfonie classique“. Die mehr als eingängige Thematik wurde sehr ausdrucksvoll betont. Das erste Allegro wirkte hier im Formalen ebenso klar wie im Melodischen. Das träumerisch-versponnene Moderato des zweiten Satzes hinterließ bei dieser Interpretation ebenfalls einen starken Eindruck, dessen Intensität nicht nachließ. Die Holzbläser-Poesie erinnerte sogar an Tschaikowsky und Saint-Saens. Sehr russisch wirkte wiederum das Presto-Scherzo, obwohl es Schostakowitsch als funkelnde Tarantella angelegt hat. Jamie Phillips gelang es  exzellent, das wilde Durcheinander im Orchester zu zähmen. Dabei prallten aber auch harte Gegensätze und Staccato-Attacken neben Pizzicato-Sequenzen aufeinander. Ernste Posaunenklänge beherrschten das Largo. Im Finale wurde das Thema vorweggenommen und in einem russischen Geschwindmarsch in atemlos-rasanter Weise beschworen.

„Bravo“-Rufe und begeisterter Schlussapplaus.  

Alexander Walther

 

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