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BIETIGHEIM- BISSINGEN/ Kronenzentrum: MITSUKO UCHIDA setzt starke und einfühlsame Akzente

 Mitsuko Uchida im Kronenzentrum Bietigheim-Bissingen STARKE UND EINFÜHLSAME AKZENTE – 1.10.2014

Mitsuko Uchida im Kronenzentrum/BIETIGHEIM-BISSINGEN

Höhepunkte der Konzerte mit Mitsuko Uchida waren Konzerte mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Simon Rattle oder den Orchestern von Cleveland, Chicago oder London. Sie gilt als eine der großen Pianistinnen unserer Zeit. Mehrmals besuchte sie schon Bietigheim-Bissingen – und sie wurde auch diesmal wieder für ihr ergreifendes und unprätentiöses Spiel gefeiert. Vor allem die einprägsame Schlichtheit der Impromptus für Klavier von Franz Schubert ging dem Publikum ins Gemüt. Stimmungsdichte und strömende musikalische Fülle kennzeichneten schon die Wiedergabe des Impromptus für Klavier f-Moll op. posth. 142/1, wo Mitsuko Uchida ganz aus sich herausging. Das Absinken der Tonlinie über zwei Oktaven blieb dabei besonders eindringlich im Gedächtnis. Und auch die überschwänglich rauschende Sechzehntelbewegung gelang Mitsuko Uchida vorzüglich. Beim melodischen As-Dur-Allegretto wirkte der impressionistische Quintenzauber fast schon sphärenhaft nach. Leidenschaftlicher Ausdruck beherrschte vor allem die ostinaten Achteltriolen sowie die sprudelnden Skalen und Läufe der beiden weiteren Impromptus B-Dur und f-Moll, wobei Mitsuko Uchida die dynamischen Kontraste besonders souverän beschwor. Das letzte Impromptu gefiel in der dezenten Wiedergabe von Mitsuko Uchida insbesondere wegen der wunderbar wogenden Achtelbewegung und der wild ausbrechenden Coda mit bestechendem Staccato-Charakter.

Noch stärker wirkte dann die wahrhaft grandiose Wiedergabe von Ludwig van Beethovens berühmten Diabelli-Variationen op. 120. Diese Variationen sind Beethovens letztes großes Klavierwerk. Ihre Entstehung verdanken sie einem Aufruf des Musikverlegers Anton Diabelli an die „vorzüglichsten Tonsetzer und Virtuosen Wiens und der k.k. österreichischen Staaten“, zu einem Sammelband je eine Variation über einen von ihm verfassten Walzer beizutragen. Hier betonte Mitsuko Uchida vor allem den kämpferischen Beethoven, dessen intensive Harmonik sich immer eindrucksvoller steigerte. Die Pianistin beschwor hierbei einen riesigen dynamischen Spannungsbogen. Das schlichte C-Dur-Thema gelang ihr besonders sphärenhaft-überirdisch, auch das fallende Quartintervall wurde ausdrucksstark betont. Das Zitat der Leporello-Arie „Notte e giorno faticar“ aus Mozarts Oper „Don Giovanni“ in der 22. Variation meisselte Mitsuko Uchida monumental heraus. Und die gewaltige Doppelfuge in C-Dur markierte dann den imponierenden Schlusspunkt dieses großartigen Meisterwerks, dessen Tiefe und Größe Mitsuko Uchida voll erfasste. Vor allem die enorme Triebkraft des harmonischen Gebildes gestaltete die versierte Pianistin ganz ausgezeichnet. Insbesondere die robust gehämmerten Bass-Oktaven gingen den Zuhörern immer wieder total unter die Haut, drängende Crescendi verliehen dieser hervorragenden Wiedergabe eine grenzenlose Atemlosigkeit. Das mit einem Triller einsetzende und dann in mächtigen Dreiklangstönen abstürzende Thema fesselte das Publikum ungemein. Die elfte Variationen bot einen berührend lyrischen und elegischen Kontrast, der sich immer mehr verfeinerte. Wunderbar beseelte Figurationen bildeten einen universellen Klangkosmos, der das gesamte Kronenzentrum ausfüllte. Dabei wurde die Ignorierung des Walzercharakters von Mitsuko Uchida sehr stürmisch und forsch hervorgehoben. Und die Abstraktion des Marsches zeigte hier immer wieder neue Wirklungsflächen und Nuancen. Das zweite  Scherzo-Thema nach der achten Variation steigerte sich vom leichtesten Pianissimo über einen langen Basstriller zum Fortissimo, wobei die darauf folgende aufsteigende Bewegung der Pianistin besonders gut glückte. Sprünge, Triller und harte Rhythmisierung unterstrichen bei dieser konzentrierten Interpretation die Brio-Wirkung. Überhaupt strebte diese Wiedergabe immer wieder mit enormer Energie ans Licht sowie in geradezu überirdische Sphären. Begeisterter Schlussapplaus. 

Alexander Walther

 

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