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BIETIGHEIM-BISSINGEN/ Kronenzentrum: DER UNTERTAN nach Heinrich Mann

28.01.2015 | Allgemein, Theater

 „Der Untertan“ nach Heinrich Mann im Kronenzentrum Bietigheim – ALS ZIEL DAS KAISER-WILHELM-DENKMAL

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Copyright: Patrick Pfeifer/WLT

„Der Untertan“ nach Heinrich Mann mit der Württembergischen Landesbühne Esslingen am 28. Januar 2015 im Kronenzentrum

Heinrich Mann vollendete seinen Roman „Der Untertan“ im Jahre 1914 – als düstere Vorahnung des ersten Weltkrieges. Das Werk wurde aber erst 1919 veröffentlicht und sogleich heftig diskutiert. Deutschland befindet sich am Vorabend des ersten Weltkrieges. In Christof Küsters Regie und Bearbeitung dominieren schwarze Stahlplatten auf der recht beengten Bühne, die Marion Eisele gestaltet. Auch die Kostüme von Katrin Busching persiflieren den skurrilen wilhelminischen Zeitgeist bis hin zu goldenen Decken. Ein Rolladen gibt immer wieder den Blick auf Lumpensäcke frei. Da hat einer gelernt, zu funktionieren. Martin Theuer mimt diesen Diederich Heßling recht überzeugend als einen Menschen, dessen Leben von der Angst bestimmt wird. Er lernt aber als Sohn eines Papierfabrikanten schon als kleines Kind, unangenehme Situationen für den eigenen Vorteil zu nutzen. Und er unterwirft sich Vater, Lehrer, Polizist und Offizier mit demütiger Unterwürfigkeit. Der von Eberhard Boeck mit tyrannischer Strenge gemimte Vater züchtigt ihn, indem er laut gegen die Stahlplatte schlägt. In der Schule prügelt sich Heßling wild mit den Mitschülern, kneift aber deutlich vor der Autoriät des Lehrers. Christof Küster unterstreicht bei seiner hintergründig-satirischen Inszenierung die harte Zeit des preußischen Wilhelminismus, die sich immer heftiger zuzuspitzen scheint. Diederich wird Student im großen Berlin, vor dem er Angst hat. Küster lässt einen Tisch herausfahren, an dem grölende Korpsstudenten Platz genommen haben. Diederich Heßling schließt sich ihnen an, macht sogar seinen Doktor. Und er übernimmt widerspruchslos die väterliche Fabrik, wo er sozialdemokratische Mitarbeiter schikaniert und entlässt. Als liberaler Freigeist weiß er, was zu tun ist. Seine von Sabine Bräuning mit scharfer Kontur dargestellte Mutter und die übrige Familie müssen diesem Treiben machtlos zusehen.

Christof Küster stellt die schweren Konflikte mit den Mitarbeitern in Heßlings Firma sehr eindrucksvoll heraus – bis hin zum tragischen Arbeitsunfall eines jungen Mädchens. „Die Sozialdemokraten müssen ausgerottet werden“, lautet Heßlings Wahlspruch. Er ist extrem kaisertreu, träumt immer wieder von der Errichtung eines Kaiser-Wilhelm-Denkmals: „Ich bin mein eigener Knecht!“ Stephanie Biesoldt mimt seine unglückliche Liebe Agnes, von der er sich schließlich trennt. Mir deren Vater streitet er, es wird ihm vorgeworfen, die Tochter zu verführen und den Vater abzuschießen. Schließlich findet Diederich Heßling aber doch noch die richtige Frau: Guste Daimchen. Gesine Hannemann spielt sie burschikos und forsch – eine Frau, die weiß, wie sie mit diesem Opportunisten umzugehen hat. Dann wird geheiratet, Kinder folgen. Heßling erfüllt hier seine Pflichten mit stoischem Gleichmut. Gleichzeitig macht Christof Küster als Regisseur deutlich, dass er in seiner eigenen Firma zum Tyrannen geworden ist, der seine Gegner wie den Fabrikanten Lauer (emotional: Frank Ehrhardt) mit Prozessen überzieht. Diese grotesken Gerichtsszenen bilden einen weiteren Höhepunkt in dieser Inszenierung, wobei der von Nils Thorben Bartling verkörperte Richter den militärischen Drill herausarbeitet. Heßling wird gelobt: „Ihre Haltung im Prozess Lauer ist in Ordnung.“ Als hintersinnig einfühlsamer Erzähler fungiert Marcus Michalski. „Sein Held ist es, den der Autor um Entschuldigung bittet“, sagt der Erzähler.

Hier hat Christof Küster die Handlung von Heinrich Manns Roman verändert. „Der Held war der Stärkere“, lautet trotz allem das Resümee. Küster zeigt hier mehr Verständnis für den Romanhelden wie Heinrich Mann selbst. Heßling erscheint nämlich bei diesem plötzlich als feiger Mensch ohne Zivilcourage, der sich mit seiner Frau in patriotischem Überschwang Richard Wagners „Lohengrin“ in der Oper ansieht. Diese Szene übertreibt Küster als Regisseur mit genüsslicher Ironie. Später hört man noch das berühmte Lied „Es steht ein Soldat am Wolgastrand“ aus der Operette „Der Zarewitsch“ von Franz Lehar. Heßlng spielt seine Rolle ebenso perfekt beim gesellschaftlich wichtigen „Harmonieball“. Klar wird bei dieser Aufführung, wie fatal Heßling die Obrigkeitshörigkeit mit eigener Macht verwechselt: „Das Volk muss die Macht fühlen!“ Millionen Leichen hat der Held auf sich genommen. Die Figuren um sich herum funktionieren zuletzt nur noch wie lächerliche Marionetten. Beim ersten Besuch der Familie Göppel ist Diederich Heßling noch ganz ohne Meinung. Später erkennt ihn der alte Bekannte seines Vaters kaum wieder. Küster unterstreicht bei seiner Inszenierung den Wandel Heinrich Manns vom genialen Spötter und Satiriker zum rebellischen Gesellschaftskritiker. Gleichzeitig hat er die drastische Schilderung Manns abgeschwächt. Bei Heinrich Mann erscheint Diederich Heßling nur als moralisch minderwertiger, widerlich die Macht anbetender Kriecher, dem kein Mittel zu schmutzig ist, um an die Macht in Person einer reichen Frau, zu politischem Einfluss und an den Posten eines Generaldirektors zu kommen: „Es lebe der Kaiser!“ Christof Küster lässt seinen Helden dagegen aufbegehren: „Wer bin ich, dass ich mir das muss bieten lassen?!“ Dass sich Heßling den Situationen nicht im Rahmen einer echten Auseinandersetzung mit seinen Mitmenschen stellt, wird bei dieser Aufführung deutlich. In weiteren Rollen gefallen bei der geglückten Inszenierung unter anderem Reinhold Ohngemach als der alte Buck, Christian A. Koch als Wolfgang Buck, Johannes Schüchner als Jadassohn und Mahlmann sowie Reinhard Froboess als Göppel, Sötbier und Kühnchen. Heßling erhält bei Christof Küster zuletzt eine durchaus sympathische Aura. Denn ein Pluspunkt ist der Umgang mit seinen Kindern: „Diederich war ihnen ein gerechter und liebender Vater.“ Bei Heinrich Mann endet der Roman hingegen in einer fatalen „Teufelsbeschwörung“. Für die Darsteller gab es langen Schlussbeifall.

 Alexander Walther       

 

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